Scheinanglizismen

Public Viewing oder Handy: Warum wir diese Begriffe falsch verwenden

Rahel Wirz, Nina Liniger, 17. Oktober 2022, 10:04 Uhr
Vom Oldtimer bis zum Showmaster: Im deutschen Sprachgebrauch haben sich viele englische Begriffe eingeschlichen. Aber nicht alle bedeuten auch das, was wir meinen.
Englische Begriffe finden immer mehr Einzug in unseren Alltag – nur, dass nicht alle das heissen, was wir meinen. (Symbolbild)
© IMAGO / Steinach
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Ein kühles Bier in der Hand, Festbänke und der alles entscheidende WM-Qualifikationsmatch auf der grossen Leinwand – der Sommer ist die Zeit der Public Viewings. Moment. Public Viewing? Da würde sich jede englische Muttersprachlerin und jeder englische Muttersprachler nur verwirrt am Kopf kratzen. Unter Public Viewing versteht man im Englischen nämlich die öffentliche Aufbahrung einer Leiche. Solche sogenannten Schein- oder Pseudoanglizismen kommen in der deutschen Sprache immer wieder vor.

Was sind Scheinanglizismen?

Scheinanglizismen sind Wörter, die aus dem Englischen zu kommen scheinen, im englischen Sprachraum jedoch eine andere Bedeutung haben oder gar nicht erst existieren. Beispiele für Scheinanglizismen sind etwa Showmaster oder Hometrainer. Achtung: es gibt auch Anglizismen. Dies hingegen sind englische Begriffe, die sich im Deutschen eingebürgert haben und mit gleicher Bedeutung auch im englischen Sprachraum existieren. Zum Beispiel E-Mail, online oder Baby.

Was haben falsche Freunde damit zu tun?

Im englischen Sprachraum können Scheinanglizismen schnell zu sogenannten falschen Freunden werden. Darunter versteht man Wörter, die gleich oder ähnlich in verschiedenen Sprachen vorkommen, aber jeweils eine andere Bedeutung haben. Fragt man zum Beispiel in England nach einem Oldtimer, könnte einem statt ein Auto ein alter Mann vorgesetzt werden.

Wieso ausgerechnet Englisch?

Doch wieso bedienen wir uns im Englischen und nicht unseren eigenen Landessprachen? «Englisch ist einfach cool», meint Adrian Leemann, Professor für deutsche Soziolinguistik an der Uni Bern. Die englische Sprache sei in Mode, ihr komme eine grosse kulturelle, politische und soziale Bedeutung zu, man kennt sie von Social Media, den Medien, Pop-Musik und Prominenten. Indem man englische Wörter benutzt, «fühlt man sich oft cool und passender.»

Wie kommen Scheinanglizismen in unsere Sprache?

Woher solche Begriffe kommen, ist nicht immer einfach nachzuvollziehen. Eine Erklärung ist, dass Englisch die internationale Sprache schlechthin ist. Weswegen man sie immer wieder gerne für das Vermarkten neuer Produkte nutzt. So kam es auch zum Begriff «Handy». In den 1990er-Jahren kamen erste Mobiltelefone auf den Markt – und in Deutschland erinnerte man sich daran, dass die Vorläufer der Mobiltelefone, die tragbaren Funkgeräte, neben «walkie-talkie» auch «handie-talkie» genannt wurden. Aus «handie-talkie» wurde Handy und dieses vermarktete man im deutschen Sprachraum erfolgreich.

Von «handie-talkie» zu unserem «Handy» durch Vermarktung.

© GettyImages

Sprachexperte Adrian Leemann zufolge ist die Entstehung von Anglizismen und Scheinanglizismen heute meistens sehr willkürlich, wodurch der Ursprung auch nur sehr schwer rückverfolgbar ist. «Jeder kann sie in den unterschiedlichsten Kontexten in Umlauf bringen», meint er dazu. Sie werden vor allem für häufig verwendete Wörter gebraucht, die sich in unserem Alltag eingelebt haben. So empfanden wir «Beamer» als Namen für das Gerät, welches unseren Bildschirm an die Wand beamt, als sehr passend und übernahmen das kurzerhand.

(wra/nli)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 16. Oktober 2022 12:43
aktualisiert: 17. Oktober 2022 10:04