Erfahrungsbericht

«Willst du mit Instagram Geld verdienen?» – Das passiert, wenn du dich darauf einlässt

Géraldine Bohne, 27. April 2021, 10:08 Uhr
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Quelle: FM1Today

Auf Instagram wird unsere Redaktorin ständig von Personen angeschrieben, die ihr anbieten, über Social Media Geld verdienen zu können. Um herauszufinden, was dahinter steckt, hat sie die Anfragen für einmal nicht gelöscht.

Plötzlich tauchen sie im Instagram-Posteingang auf. Nachrichten wie diese: «Was willst du im Leben erreichen?» oder «Willst du mit Instagram Geld verdienen?» Junge Menschen, die aktiv auf Social Media unterwegs sind, kennen solche Instagram-Anfragen nur zu gut. Wer sich bereits darauf eingelassen hat, weiss vielleicht auch schon, was dahinter steckt – so strub es vielleicht auch tönen mag, es geht um das Geschäft mit Nahrungsergänzungsmitteln und Diätprogrammen. Auch ich kenne diese Nachrichten nur zu gut.

Es sind vorwiegend junge Frauen, die seit etwa eineinhalb Jahren ständig in meinem Postfach auftauchen und mich von einem Geschäftsmodell überzeugen wollen. Eine davon ist Lisa (Name geändert). Lisa ist anfangs 20, ihr Instagram-Profil ist voll mit Videos, in denen sie über die Ernährung, Fitness und ihr «Business» spricht. Mit Letzterem soll sie das geschafft haben, wovon viele träumen: Sie ist unabhängig, verdient viel Geld und kann arbeiten, wo sie will und wann sie will. Lisa hat mich direkt angeschrieben. Mein Profil biete die perfekte Grundlage, um Geld über Instagram zu verdienen.

Business mit Nahrungsergänzung

Wenn ich ehrlich bin: Im ersten Moment klingt das auch für mich sehr verlockend. Ich will mehr erfahren und schreibe ihr deshalb zurück. Lisa erklärt mir, dass ich zwei Möglichkeiten habe: Zum einen könne ich die Produkte, die sie vermarkte, kaufen und selbst testen oder ich könne direkt ins «Business» einsteigen und die Produkte weitervertreiben und neue Verkäufer anwerben. Es handelt sich dabei um Nahrungsergänzungsmittel wie Vitaminkapseln und Proteinpulver.

Ich werde also anhand meines Instagram-Profils geködert, teure Gesundheitsprodukte weiterzuverkaufen oder gar selbst zu kaufen. Mir wird versprochen, grosses Geld machen zu können. Die Präparate sollen mein Leben ausserdem zu einem gesünderen und besseren machen. Ich bin kritisch.

«Ich wollte doch gar keine Produkte kaufen»

Wenn ich die Produkte selbst bestelle, kostet mich die monatliche Lieferung etwa 200 Franken. Ich würde damit gar günstiger kommen als mit einer «normalen» gesunden Ernährung, heisst es. Nebst den Produkten würde ich zudem kostenlos einen Ansprechpartner, einen Trainingsplan und Rezepte erhalten und ich sei Teil einer Community – dabei wollte ich doch gar keine Nahrungsergänzungsmittel kaufen, mit meinen Produkten aus dem Supermarkt bin ich völlig zufrieden.

Die Vertreiber der Produkte schwören auf die Kapseln und Pülverchen. In einem Präparat – zum Teil sind es Pulversäckchen, zum Teil Tabletten – seien mehr als ein dutzend Obstsorten verarbeitet. Damit könne das Ziel von etwa acht Portionen Obst und Gemüse am Tag abgedeckt werden. Das könnten andere Tabletten nicht. Gemäss meiner Recherchen bewerten der «K-Tipp» sowie die Stiftung Warentest die Produkte hingegen als «überflüssig» bis hin zu «nutzlos».

Restaurants würde ich auch weiterempfehlen

Wenn ich nun aber das grosse Geld verdienen wollte, müsste ich die Produkte weitervertreiben und neue Verkäufer anwerben. Ich würde damit auch einen Rabatt auf meine Bestellungen erhalten und bekäme zusätzlich eine Provision für jede Weiterempfehlung. Ich würde ja bereits Restaurants, die ich gut finde, an Freunden weiterempfehlen, das Geschäft mit den Nahrungsergänzungsmitteln laufe nicht anders, versichert mir Lisa.

Wie ich das aber genau anstellen soll, will sie mir irgendwie nie richtig verraten. Nur: «Du kannst bei deinen Freunden anfangen, weil du zu ihnen am meisten Vertrauen hast», sagt mir Lisa. Wie viele Personen ich anwerben muss, um überhaupt etwas daran zu verdienen, bleibt unklar. Wahrscheinlich erfahre ich das erst, wenn ich dabei bin. Stattdessen erhalte ich zahlreiche Videos und Einladungen für Videocalls mit Ernährungsexperten und erfolgreichen Verkäufern.

Ich finde diese Verkaufsmasche bedenklich. Erstens weil ich überhaupt keine Erfahrung im Verkauf habe, zweitens weil ich weitere ahnungslose junge Menschen anschreiben und sie als neue Käufer und Verkäufer anwerben müsste. Auch zweifle ich daran, damit das grosse Geld verdienen zu können.

Im Internet stosse ich immer wieder auf Artikel, welche die Strategie der Unternehmen, die diese Produkte anbieten, kritisch hinterfragen. Nicht selten wird von «Abzocke», sektenähnlichen Zuständen oder Manipulation berichtet. Auch fällt im Zusammenhang mit der Verkaufsstrategie oft das Wort «Schneeballsystem» und Schneeballsysteme sind in der Schweiz grundsätzlich verboten. Deshalb habe ich bei einem Rechtsexperten nachgefragt. Auch er mahnt zur Vorsicht bei solchen Anfragen. Sie seien oft unseriös und auch rechtlich gesehen würden sich solche Verkäufer in einer Grauzone bewegen.

Für mich ist und bleibt klar, dass ich mich nicht auf ein solches Geschäft einlassen werde. Das teile ich Lisa mit. Sie kann meine Absage nicht verstehen und versucht mit vereinzelten Nachrichten immer noch, mich von meiner Meinung abzubringen. Das wird ihr aber nicht gelingen. 

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 27. April 2021 06:46
aktualisiert: 27. April 2021 10:08