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Autofahren nach der Hanfzigi? - Besser nicht

Stephanie Martina, 26. Juli 2017, 06:15 Uhr
In den neuen Hanfzigaretten ist das Cannabinoid CBD enthalten, das zwar nicht high macht und legal ist, aber eine schlaffördernde Wirkung besitzt. Mediziner halten es deshalb für möglich, dass es Lenker fahrunfähig machen könnte. Darf man also nach einer Hanfzigi nicht mehr Auto fahren? Jain.
Die CBD-Zigaretten der Marke «Heimat» werden in Steinach hergestellt
© Keystone/Gian Ehrenzeller

Die Steinacher Hanfzigarette der Marke «Heimat», die seit zwei Wochen bei Coop erhältlich ist, sorgt für eine riesige Grauzone. Denn welche Wirkung CBD genau hat, wisse man nicht, wie Hans Gammeter, Stellvertretender St.Galler Kantonsarzt, erklärt.

Die Substanz sei noch nicht abschliessend erforscht. Zwar gäbe es viele Studien zur Anwendung von CBD (Cannabidiol) bei verschiedenen Krankheiten. So etwa bei Schizophrenie, Tumoren, Übelkeit, Appetittstörungen oder Aids. Daraus wisse man, dass der Stoff beruhigend, angstlösend, schlaffördernd und stimmungsaufhellend wirke. «Aber wir sind weit davon weg, aus den Resultaten einen Konsens zu schliessen, um sagen zu können, wie CBD genau wirkt – vor allem bei psychisch und physisch gesunden Menschen. Und genau das wäre in diesem Fall entscheidend», sagt Gammeter.

Cannabispflanzen: Ein Cocktail aus unzähligen Substanzen

In der Cannabispflanze sind rund 80 sogenannte Cannabinoide enthalten. Dabei handelt es sich laut Gammeter um verwandte Substanzen des bekanntesten Cannabinoids THC (Tetrahydrocannabinol), bei dem bisher davon ausgegangen wird, dass es für die Rauschwirkung verantwortlich ist. «Aber auch die übrigen Cannabinoide können in unserem Gehirn einen Effekt auslösen», erklärt der Mediziner.

Zudem seien in den Cannabispflanzen etwa 200 weitere Substanzen, die teils mit den Cannabinoiden reagieren würden und deren Wirkung verändern. «Wir haben also einen riesigen Mix in diesen Pflanzen und je nach Züchtung kann dieser stark variieren. Deshalb gibt es Pflanzen mit einem hohen THC-Wert und solche mit einem tiefen, in denen andere Cannabinoid-Werte dafür höher sind.»

Für die Herstellung der «Heimat»-Hanfzigaretten brauche man Cannabispflanzen mit einem THC-Wert von unter einem Prozent, damit sie laut Gesetz legal seien und nicht als Betäubungsmittel gelten. Man wisse jedoch nicht, was in den verarbeiteten Pflanzen sonst noch in welchen Mengen enthalten sei. «Deshalb sind CBD-Zigaretten auch nicht identisch. Das wären sie nur, wenn man genetisch identische Pflanzen züchten würde, was meines Wissens nicht der Fall ist.»

Auch CBD ist psychoaktiv

Weil Hanfpflanzen nicht identisch sind und die Wirkung von CBD noch ungenügend erforscht ist, kann Gammeter nicht abschliessend sagen, ob Autofahren nach dem Rauchen von Hanfzigaretten gefährlich ist. «Aus medizinischer Sicht ist die Behauptung, dass CBD keine psychoaktive Substanz sein soll, schlichtweg falsch. Es verursacht keinen Rausch, aber es ist insofern psychoaktiv, weil es auch Hirnfunktionen verändert. Vernünftigerweise muss man also sagen, dass es keine gute Idee ist, sich nach dem Konsum einer Substanz, die entspannt, beruhigt und beim Einschlafen hilft, hinters Steuer zu setzen.» Obwohl keine Studien zur Fahrfähigkeit unter CBD-Einfluss vorliegen, könne laut Gammeter aber angenommen werden, dass der Genuss einer solchen Zigarette eine ähnliche Wirkung haben könnte, wie wenn man ein schwaches Beruhigungs- oder ein Schlafmittel einnimmt.

Urinproben unterscheiden nicht zwischen THC und CBD

So oder so bringt sich jeder, der eine Cannabiszigarette raucht und danach mit dem Auto in eine Polizeikontrolle gerät, in eine missliche Lage. Denn es gäbe noch keine Urinschnelltests, die feststellen könnten, ob jemand illegale THC- oder legale CBD-haltige Substanzen konsumiert hat. «Im Moment hinken die technischen Möglichkeiten dem Gesetz hinterher. Diese neue Situation erzeugt eine gesetzliche Grauzone, für die es noch keine Lösung gibt. In Zukunft könnte es deshalb zu strittigen Situationen kommen», vermutet Gammeter.

An diesem Punkt ist die Politik wiederum auf die Medizin angewiesen. Wie bald in diesem Bereich aufschlussreiche Resultate oder Methoden für genauere Urintest vorliegen dürften, ist laut Gammeter schwer zu sagen.

Strafe bei Fahrunfähigkeit - auch wegen Hanfzigis

Laut Roman Dobler, Mediensprecher der St.Galler Staatsanwaltschaft, ist die Sachlage aus rechtlicher Sicht einfach: Wer sich hinters Steuer setzt, muss fahrfähig sein. Wer nicht Herr (oder Frau) über seine Sinne ist, darf nicht fahren. Wie es zur Fahrunfähigkeit kommt, ist laut Gesetzt jedoch völlig egal. «Es gibt viele Gründe, die zur Fahrunfähigkeit führen: Alkohol, Drogen, aber auch Medikamente und Müdigkeit. Wenn eine solche Hanfzigarette also bei einer Person dazu führt, dass sie schläfrig wird und dadurch nicht mehr in der Lage ist, ein Auto zu lenken, muss sie, wenn sie erwischt wird, mit strafrechtlichen Sanktionen rechnen», erklärt Dobler.

Fakt ist also: Rechtlich existiert (noch) kein Verbot für das Lenken eines Fahrzeugs nach dem Rauchen von Hanfzigis. Die Antwort auf die Frage, ob nach einer Hanfzigarette noch nach Hause gefahren werden darf, lautet also Jain. Eigentlich Ja, weil es gesetzlich erlaubt ist, aber Nein, weil die Wirkung von CBD-Zigaretten nicht erwiesen ist und es möglich ist, dass der Konsum zur Fahrunfähigkeit führen kann. Wer Ärger mit der Polizei verhindern möchte, sollte sich entscheiden: Cannabiszigi oder Autofahren.

Stephanie Martina
Quelle: stm
veröffentlicht: 26. Juli 2017 06:15
aktualisiert: 26. Juli 2017 06:15