Die Revolution des Wocheneinkaufs

Fabienne Engbers, 13. Mai 2018, 11:10 Uhr
In den Laden gehen und sich selbst nehmen, was man braucht. Vor 70 Jahren führte die Migros die Selbstbedienung ein. Heute sind wir gar einen Schritt weiter - ein Rückblick auf die Geschichte des Einkaufens.
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Im Frühling 1948 eröffnete die Migros an der Seidengasse in Zürich den ersten Selbstbedienungsladen der Schweiz. Als eine «reich dotierte Vorratskammer» betitelte die NZZ damals das Geschäft. Was vor 70 Jahren eine Revolution des Einkaufverhaltens war, ist für uns heute selbstverständlich. Man geht in den Laden, nimmt sich aus dem Regal, was man braucht und bezahlt an der Kasse. Die Migros führte als erstes Geschäft in der Schweiz die Selbstbedienung ein.

Erste Empörung weicht Staunen

Der erste Selbstbedienungsladen war bei den Leuten verpönt. Man fürchtete die «Entseelung der Gesellschaft», wie das Archiv des Migros Magazins zeigt. Die neue Verkaufsmethode sei unpersönlich und unschweizerisch. Vor der Einführung der Selbstbedienung ging man in den Laden und bestellte an der Theke, was man brauchte. Die Idee der Selbstbedienungsläden kam aus den USA. «Sogar Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler glaubte zu Beginn nicht ganz daran, dass die Selbstbedienungsläden gut ankommen», sagt Patrick Stöpper, Mediensprecher der Migros.

Doch schon bald verstummten die kritischen Stimmen und Euphorie machte sich breit, wie Zeitungsberichte zeigen. «Bevor er den Laden betritt, lösen seine Füße die Zauberformel: ‹Sesam! öffne dich!› aus. Auf geheimnisvolle Weise betätigt, wippt die Glastüre und gibt den Eingang frei. Für kleinere Einkäufe stehen Drahtkörbe mit Klapphenkeln bereit. Wer den Notvorrat einkaufen will, ergreift eines der auf Gummirädern lautlos rollenden Kütschlein und schiebt es zwischen den breit bemessenen Gängen hindurch.» So stand es 1950 in der NZZ, automatische Schiebetüren und Einkaufskörbe waren neue Erfindungen und zogen das Interesse der Leute auf sich.

Das Konzept der Selbstbedienung setzte sich erst nach viel Kritik durch. (Bild: Mit freundlicher Genehmigung des Migros-Genossenschafts-Bundes. Alle Rechte vorbehalten)

Gross war die Angst vor Langfingern. «Die Person an der Theke konnte ja nicht mehr kontrollieren, was sie herausgibt», sagt Patrick Stöpper. Auch die Konkurrenten forderten, dass die Läden der Migros wieder geschlossen werden. «Weil das neue Konzept der Migros mehr Polizisten brauchen würde, die dann keine Zeit mehr hätten, andere Verbrechen aufzuklären», erklärt  Stöpper. Allerdings stellte sich heraus, dass nicht mehr geklaut wurde und so haben die anderen Ladenketten das neue Einkaufsmodell adaptiert.

Selbstbedienung setzt sich durch

Nachdem Skeptiker das Nachsehen hatten, verbreitete sich das Modell der Selbstbedienung in der ganzen Schweiz. In St.Gallen, Kreuzlingen und Chur eröffneten gemäss Archivberichten die ersten Selbstbedienungsläden in der Ostschweiz, kurz darauf folgte Gossau.  «Der grösste Vorteil war sicherlich die Zeitersparnis. Durch die Selbstbedienung konnten mehrere Kunden gleichzeitig durch die Regale streifen», sagt Stöpper.

Der Einkauf wurde zur Entdeckung

Die neue Einkaufsmethode führte auch zu neuen Rollenbildern. Neuerdings blieb die Frau zuhause, während der Mann den Einkauf tätigte. «Plötzlich gingen mehr Männer einkaufen, weil sie selbst bestimmen konnten, welche Produkte sie aus den Regalen nehmen möchten.» Einkaufen wurde zur Entdeckung, man hatte Zeit, die Produkte von Nahem zu betrachten, bevor man sich für etwas entscheiden musste. «Das ist für uns heute schwer vorstellbar, aber vor 70 Jahren war das eine grosse Sache», sagt Patrick Stöpper lachend.

Neue Technik bringt neue Möglichkeiten

Auch in den letzten Jahren hat das Einkaufen wiederum neue Formen angenommen. Heutzutage kann man seinen wöchentlichen Einkauf online erledigen oder mit dem Self-Scanning oder Self-Checkout die Schlange an der Kasse umgehen. «Es hat auch hier eine Weile gedauert, bis die Kundinnen und Kunden das neue System angenommen haben und die Vorteile schätzen gelernt haben.» Knapp ein Drittel der Migros-Kunden nutzen die neue Technik mit dem Self-Scanning oder -Checkout, die Tendenz ist steigend.

Kassen werden nicht verschwinden

Auch wenn die Technik den persönlichen Kontakt immer öfter ersetzt und man heutzutage ohne ein Wort zu verlieren einkaufen gehen kann, werden die Kassen und der persönliche Kontakt in der Migros so schnell nicht verschwinden. «Nach wie vor geht die Mehrheit an die Kasse, der persönliche Kontakt gibt einem ein gutes Gefühl. Auch die Beratung im Laden ist den Kundinnen und Kunden wichtig.»

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Fabienne Engbers
veröffentlicht: 13. Mai 2018 11:10
aktualisiert: 13. Mai 2018 11:10