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Ist Plastiktrennung nur Humbug?

Fabienne Engbers, 14. August 2018, 09:50 Uhr
Immer mehr Haushalte sammeln Kunststoffverpackungen separat, um einen Beitrag an die Umwelt zu leisten. Einige Experten sagen aber, Plastiksammlungen sind unnötig, der Umweltbeitrag ist minim. Eine Abfalltrennfirma kontert.
Tonnenweise Plastikabfall: Aus Flaschen, Verpackungen und Folien entstehen in einem zweiten Leben Plastikrohre.
© Tagblatt/ Mareycke Frehner

Der Salat zum Zmittag kommt im Plastik-Becher, das Brötli aus dem Plastiksack und der Eistee aus der Pet-Flasche. In den Supermärkten sind viele Lebensmittel in Plastikverpackungen eingeschweisst. Seit einigen Jahren kann man diese mit besserem Gewissen kaufen – dank Kuh-Bag und anderen Kunststoff-Sammlungen kann der Plastik rezykliert werden. Doch nicht jeder Plastik kann ein zweites Mal verwendet werden. Ausserdem sagen Experten, der Umweltbeitrag einer gesonderten Plastiksammlung sei minim.

Recycling-Quote bei 60 Prozent

Der Kunststoff, der in privaten Haushalten gesammelt und getrennt wird, wird in Recycling-Firmen nochmals in verschiedene Qualitäten sortiert. «Dann wird der Kunststoff zerkleinert, gewaschen und getrocknet, bevor er geschmolzen wird, dann zu Fäden geformt und zu Granulat-Körnern geschnitten wird», sagt Markus Tonner. Seine Firma Innorecycling aus Eschlikon im Thurgau verarbeitet Kunststoff zu diesem Granulat. Mit den momentanen Sortiermechanismen können aus Industrieabfällen 80 Prozent Kunststoff recycelt werden, von Privathaushalten sind es rund 60 Prozent.

«Aus diesem Granulat werden vor allem Kabelschutzröhren gemacht, die man auf Baustellen sieht, aber auch Folien, Boxen, Blumeneimer oder Kleiderbügel», sagt Tonner. Lediglich aus Pet-Flaschen werden neue Getränkeflaschen hergestellt, weshalb die Pet-Flaschen nicht in die Kunststoff-Sammlung kommen, sondern separat in Pet-Behältern gesammelt werden.

Mit Plastik statt Kohle Energie liefern

Die restliche Menge an Plastik, die eine zu niedrige Qualität aufweist, damit sie zu Granulat verarbeitet werden kann, wird für die Produktion von Zement verwendet, oder in Kehrichtverbrennungsanlagen verbrannt. In den Zementwerken wird sonst mit Kohle geheizt, die aus dem Ausland importiert wird. «Die Verwendung von Plastik für die Herstellung von Zement ergibt viel mehr Sinn. Wir nehmen den Kunststoff vor unserer Haustüre, statt die umweltbelastende und importierte Kohle zu verwenden», sagt Tonner. Bei der Herstellung von Zement könne beim wiederverwendeten Kunststoff 75 Prozent Effizienz erreicht werden. Verbrennt man Plastik in der Kehrichtverwertungsanlage (KVA), erhält man lediglich eine 40-prozentige Effizienz.

Plastikgranulat wird von Markus Tonner aus Plastikabfällen hergestellt. (Bild: Tagblatt/Mareycke Frehner)

Ist Plastiktrennung Unsinn?

Während die Recycling-Firmen den ökologischen und ökonomischen Sinn der separaten Sammlung von Plastik hervorheben, wird dieser teilweise angezweifelt. Die Trennung von Plastik sei so ökologisch, wie wenn man einmal im Jahr auf ein Steak verzichten würde, sagt Abfallforscher Rainer Bunge von der Hochschule Rapperswil zum Beobachter. Dies liege unter anderem auch daran, dass die Kehrichtverbrennungsanlagen in der Schweiz heutzutage sehr effizient sind. «Die KVA verbrennen den Kunststoff extrem sauber und die freigesetzte Energie wird zur Produktion von umweltfreundlichen Strom oder Dampf für die Industrie optimal genutzt. Der ökologische Vorteil des Recyclings ist entsprechend gering», sagt Robin Quartier, Geschäftsführer des Verbandes der Schweizer Abfallverwertungsanlagen.

KVA trotz Kunststoffsammlung gut genutzt

«Die Kehrichtverbrennungsanlagen sind momentan sogar überlastet, es hat zu viel Müll», sagt Quartier. Dies liegt unter anderem auch an der Jahreszeit. In einem so heissen Sommer fällt viel Plastik an, der nicht wiederverwertet werden kann. «Billige Campingzelte, Flipflops oder Luftmatratzen sind aus Material, das direkt in der KVA landet, wiederverwertbar ist dieser Plastik nicht», sagt Quartier.

Ist eine Plastiksammlung von den Gemeinden gestattet, spricht er sich absolut dafür aus. «Wichtig ist aber Transparenz. Die Verbraucher sollen wissen, dass nicht der gesamte Plastik, der in die Sammlung kommt, recycelt werden kann», sagt Quartier. «Ausserdem muss die Sammlung von den betroffenen Gemeinden explizit zugelassen sein, sonst droht Wildwuchs.» Beim Kuh-Bag, mit dem in der Ostschweiz Abfall gesammelt wird, sei diese Transparenz gegeben. Dass der Kuh-Bag dazu führt, dass die Verbrennungsanlagen in der Ostschweiz nicht mehr ausgelastet sind, verneint Quartier. «Die Trennung des Plastikmülls ist freiwillig, nur ein Bruchteil der Bevölkerung nutzt die Möglichkeit. Das beeinflusst die Gesamtmenge der in der KVA verbrannten Stoffe nur ganz gering. Es landet immer noch sehr viel Plastik im Müll, zum Beispiel aus dem Baugewerbe.» Positiv sei, dass die Leute dadurch, dass die Sammlung freiwillig ist, tatsächlich gut darauf achten, was sie in den Kuh-Bag werfen. Das führt zu einer höheren Recyclingquote.

Kein Plastik nach Asien

Bis vor einem Jahr haben viele Konzerne ihren Abfall nach Asien verschifft. «Die asiatischen Unternehmen haben oft viel zu viel für Abfall bezahlt, die europäischen Recyclingfirmen hatten so nicht genügend Abfall für ihren Betrieb», sagt Markus Tonner. Seit letztem November importieren grosse Teile Asiens jedoch keinen Abfall mehr. «Für uns ist das ein Segen, wir bekommen jetzt mehr Abfall in besserer Qualität.»

«Wir müssen besser zusammenarbeiten»

Damit mehr Plastik recycelt werden kann, müssten die involvierten Parteien besser zusammenarbeiten. «Wenn die Verpackungs- und die Recyclingindustrie mehr miteinander kommuniziern würde, könnte man Verpackungen produzieren, die besser recycelt werden könnten», sagt Markus Tonner. Wichtig sei vor allem, dass eine Verpackung nicht aus vielen verschiedenen Materialien bestehe, sondern aus einer einzigen. Dann sei die Wiederverwertung deutlich einfacher. Vor allem in der EU seien dazu erste Schritte gemacht worden.

Zweieinhalb Mal zur Sonne

Würde die Schweiz konsequent Kunststoff vom restlichen Abfall trennen, könnten laut Hochrechnungen 500'000 bis 700'000 Tonnen CO2 jedes Jahr eingespart werden. Bei Innorecycling in Eschlikon wurden die Zahlen von 2017 analysiert. «Mit dem recycelten Kunststoff haben wir so viel CO2 eingespart, dass man damit mit einem normalen Auto zweieinhalb Mal zur Sonne fahren könnte», sagt Tonner.

Auch der Zweckverband Abfallverwertung Bazenheid BAZ, der zusammen mit der KVA Thurgau den Kuh-Bag verteilt und sammelt, bringt den Kunststoff-Abfall zu Innorecycling. Seit drei Jahren sammeln sie in gut hundert Gemeinden in der Ostschweiz Kunststoff. Auch der Vorsitzende der Geschäftsleitung, Claudio Bianculli, sieht vor allem Vorteile im Kunststoffrecycling. «Wenn man einen Stoff wieder in den Kreislauf bringen kann, statt ihn zu verbrennen und damit zu zerstören, ist das sicherlich sinnvoll.»

Vermeidung geht vor Wiederverwertung

Auch wenn Markus Tonner und Claudio Bianculli ihr Geld damit verdienen, dass wir Plastik brauchen und wegschmeissen, ist für beide klar: «Wir müssen unseren Plastikverbrauch einschränken.» Für eine Tonne Verpackungen braucht es zusätzlich eine Tonne Erdöl in der Produktion, die Entsorgung von einer Tonne Plastik zieht drei Tonnen CO2-Abgase mit sich. «Wir müssen der Umwelt mehr achten. Alles was wir beitragen können, hilft», sagt Bianculli.

Fabienne Engbers
veröffentlicht: 14. August 2018 05:47
aktualisiert: 14. August 2018 09:50