Amnesie

Mann erlebt immer wieder den 14. März

Lara Abderhalden, 29. August 2019, 09:17 Uhr
Ein Mann erlebt den 14. März 2005 immer und immer wieder.
Ein Mann erlebt den 14. März 2005 immer und immer wieder.
© iStock
Die Geschichte des Briten William O. ist so unglaublich, dass sie in Erinnerung bleibt. Ausser bei ihm selber. William O. leidet an einem sehr seltenen Fall von Gedächtnisverlust. Für ihn ist jeder Tag der 14. März 2005. Er erlebt den Tag wieder und wieder und hat alles vergessen, was nach diesem Tag in seinem Leben passierte.

William O. steht auf. Es ist der 14. März 2005, 6.30 Uhr morgens. Er geht zu seiner Frau und fragt: «Warum sind wir im Haus meiner Eltern in England? Ich habe heute einen Zahnarzttermin in Deutschland.» Seine Frau antwortet: «Geh runter zu deinem Computer und öffne das Word-Dokument ‘Lies das’.» William O. tut, was seine Frau ihm sagt.

Dies nun schon seit zwölf Jahren. Genau so lange glaubt William O., dass jeder Tag der 14. März 2005 ist. Jeden Tag wacht er zur selben Zeit auf und stellt seiner Frau die gleichen Fragen. Jeder Tag ist für ihn neu. Er kann sich an nichts erinnern, was zwischen dem 14. März 2005 und heute passiert ist.

«Bis zum 14. März 2005 führte William ein ganz normales Leben»

Bis zum heutigen Tag ist William O. ein grosses Rätsel für alle Neurologen und Psychologen. Dr. Gerald H. Burgess ist klinischer Neuropsychologe an der Universität von Leicester. Er kennt William O. seit zwölf Jahren. William O. hingegen lernt seinen Psychologen jedes Mal aufs Neue kennen.

Dr. Gerald H. Burgess kennt William seit zwölf Jahren. (Bild: zVg)
Dr. Gerald H. Burgess kennt William seit zwölf Jahren. (Bild: zVg)

«Ich bin immer wieder in Kontakt mit William. Trotzdem erinnert er sich nicht an mich», sagt uns Dr. Burgess im Telefoninterview. Der Wissenschaftler hingegen kann sich gut an den Tag erinnern, als er William zum ersten Mal sah: «Ich dachte am Anfang, das Ganze sei ein Fake. Ich dachte, William täuscht den Gedächtnisverlust nur vor, um sich dem Militär zu entziehen.»

Denn der Fall William war anders. Anders als alle Fälle und Patienten, die Dr. Burgess jemals behandelte. Er ist nicht wie die üblichen Gedächtnisverlusts-Patienten. «William kann sich an alles, was vor dem 14. März 2005 passierte, erinnern.» Bis zum 14. März 2005 führte William ein ganz normales Leben. Auch an diesem Tag deutete nichts darauf hin, dass sich sein Leben schlagartig ändern würde.

Nach dem Zahnarztbesuch war alles anders

Doch das tat es: «William war ein britischer Offizier, der in Deutschland stationiert war. Er hatte keinerlei psychologische Probleme. Am 14. März 2005 musste er sich einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt unterziehen. Dies hat er auch getan. Dafür wurde er betäubt. Nach der Wurzelbehandlung konnte William nicht mehr aufstehen. Er war bleich, fiel immer wieder in Ohnmacht und konnte nicht mehr richtig sprechen.»

Er wurde daraufhin in ein Spital gebracht, ihm wurde Sauerstoff verabreicht. Nach drei Stunden konnte er wieder sprechen und es ging ihm besser. Jedoch konnte William keine Erinnerung behalten. Er kannte zwar seine Identität und besass immer noch seine intellektuellen Fähigkeiten, jedoch verschwanden nach zehn Minuten alle Erinnerungen.

«Dies wurde zuerst seiner Frau bewusst. Nachdem sie sich mit ihrem Ehemann unterhalten hatte, ging sie kurz an den Kiosk. Als sie wieder zu ihren Mann ans Krankenbett sass, reagierte dieser, als würde er sie das erste Mal nach dem Zahnarzt-Vorfall wieder sehen.»

«William kann einen Tag bewältigen»

Am Anfang verschwanden seine Erinnerungen alle zehn Minuten. Bis heute hat sich der Zeitraum seiner Erinnerungsfähigkeit auf 90 Minuten vergrössert.

«Natürlich konnte William nach diesem Vorfall nicht mehr arbeiten. Die Familie mit zwei Kindern zog zurück ins Elternhaus von William», erzählt Burgess. Dort kennt er die Umgebung, dort ist er aufgewachsen. «Er war mit der Zeit sogar fähig, kleinere Aufgaben im Alltag als Vater zu übernehmen. So fuhr er seine Kinder manchmal zur Schule. Er findet sich auf den Strassen zurecht.»

Jeder Tag startet für William mit dem Lesen des Dokuments. Durch den Tag führt ihn ein offenes Tagebuch. So gelingt es ihm, einen Tag einigermassen durchzubringen. «William wird alle 90 Minuten durch einen Pieper daran erinnert, das Dokument erneut durchzulesen. Ausserdem kann er sich ein Erlebnis, wenn er dieses immer wieder aktiv im Gedächtnis aufruft, über den ganzen Tag behalten - wenn es gut geht. Du kannst mit William ein Gespräch führen und würdest nicht merken, dass er ein Gedächtnisproblem hat.»

William kann seine Erinnerungen nur 90 Minuten behalten (Bild: iStock)
William kann seine Erinnerungen nur 90 Minuten behalten (Bild: iStock)

«Für William sind seine Kinder zwölf Jahre jünger»

Das alles ändert sich, wenn William schläft. «Der Schlaf ist eine Art Ausgleich für William», sagt Burgess. Im Schlaf vergisst er alles. Steht er morgens um 6.30 auf, geht er aus dem Schlafzimmer und begegnet dort seinem 20-jährigen Sohn, ist das ein Schock für ihn: «Für William ist sein Sohn immer noch acht Jahre alt und nicht gleich gross wie er.»

Für die Kinder war es besonders schwierig: «Sie merkten relativ schnell, dass sie ihren Vater für immer verloren hatten. Ihm war nicht bewusst, dass die Tochter immer gute Noten schrieb im College. Er weiss nicht, dass sie mittlerweile einen Freund hat und mit diesem sogar verlobt ist. Jeden Morgen sind seine Kinder für ihn acht und zehn Jahre alt.»

Trotz dieses immensen Einschnitts in das Leben der Familie hält diese zusammen: «Sie haben das zusammen als Familie geschafft. Sie stehen mitten im Leben. Dennoch sind es zwei Pole, die aufeinander treffen. Während in Williams Leben alles still steht, gibt es im Leben der Familie Kontinuität. Auch wenn Williams Leben variiert, jeder Tag ein bisschen anders ist, fehlt ihm die Fähigkeit, Erinnerungen und Emotionen zu verbinden.» Er kann sich beispielsweise nicht gleich über die Hochzeit seiner Tochter freuen, weil er nicht weiss, dass er an der Hochzeit dabei war. «Der Fall zeigt, wie wichtig ein emotionales Gedächtnis ist, um Beziehungen aufrecht zu erhalten.»

William meidet Gespräche

William selbst reagiert auf seinen Gedächtnisverlust mit Gleichmut. «Wenn er am Computer sitzt und das Dokument über seinen Gedächtnisverlust liest, über seine Familie und sein Leben, dann wirkt er gleichgültig.» Schon vor der Amnesie zeigte er nur wenige Emotionen. «Als Militäroffizier verschloss er sich gegenüber der Aussenwelt, deshalb wissen wir nicht, wie er sich wirklich fühlt.»

Dennoch gibt es auch im Leben von William Gefühlsregungen. Dr. Burgess erinnert sich an eine Situation bei William zuhause. «Wir waren in seinem Büro. Rund zwei Stunden haben wir uns dort unterhalten. Ich sagte ihm, dass seine Katze tot sei. Daraufhin füllten sich seine Augen mit Tränen.» Seine Katze spielt in seinem Leben, wie er es in Erinnerung hat, eine zentrale Rolle: «Jeden Morgen stellt William das Futter für die Katze in den Flur.» Er weiss nicht, dass seine Katze mittlerweile verstorben ist und die Familie stattdessen einen Hund besitzt.

«William ist jeden Morgen überrascht, er hat jeden Morgen ein Problem zu lösen und er versucht sich jeden Morgen erneut, an den Dingen festzuhalten, die er in seinem Dokument liest.» Obwohl der 50-Jährige alles Mögliche tut, um im Alltag zurecht zu kommen, lebt er in seiner eigenen Welt. «Ja, er isoliert sich teilweise selbst. Er geht selbst nicht auf Menschen zu und führt kaum Gespräche. Er will auch nicht unbedingt in Gespräche involviert werden. Was sollte er schon gross sagen?» Wenn die Leute über gestern oder letzte Woche sprechen, bedeutet das nichts für William. «Er hat Angst, dass er das Falsche sagen könnte.»

Nackenverletzung Grund für Gedächtnisverlust?

Der Fall «William» wird Dr. Burgess vermutlich noch sein ganzes Leben beschäftigen. «Man kann schon sagen, dass es für mich ein Lebenswerk ist. Ich möchte diesen Fall verstehen und werde alles mir Mögliche tun, um herauszufinden, warum William am 14. März 2005 sein Gedächtnis verlor.»

Einen Ansatz hat er zusammen mit Kollegen bereits gefunden: «Wir wissen, dass bei William der Protein-Stoffwechsel nicht vorkommt. Dass heisst, es besteht keine Verbindung zwischen den einzelnen Synapsen im Hirn. Deshalb kann er sich kürzlich Erlebtes nicht merken.

Dass sein Gedächtnisverlust mit dem Zahnarztbesuch zusammenhängt, glaubt Dr. Burgess nicht. «Ich glaube, es war nur ein Zufall, dass William an diesem Tag sein Gedächtnis verlor.» Viel mehr sieht er die Ursache in einer Nackenverletzung. «Mir sind vier weitere Fälle bekannt, in denen Personen nach einer Rücken- oder Nackenverletzung nicht mehr fähig waren, sich kürzlich Geschehenes zu merken.»

William hat sich eine Woche vor dem Zahnarzttermin wegen Rückenbeschwerden beim Arzt behandeln lassen. «Es ist gut möglich, dass es bei William durch die Position beim Zahnarzt, bei dem er mit dem Nacken gegen hinten lag, etwas ausgelöst hat und die Rückenprobleme schliesslich der Auslöser für die Amnesie waren.» Allerdings sind das nur Vermutungen.

Alles rund um diesen Fall sind Vermutungen oder wie der Neurologe aus Leicester es ausdrückt: «It’s a mistery.» Ein grosses Mysterium, das Psychologen und Neurologen ratlos die Schultern zucken lässt. William selbst nimmt den ganzen Rummel um seine Person kaum wahr.

Für ihn ist jede Begegnung neu. Jeder Tag der gleiche. Es ist der 14. März 2005, 6.30 Uhr morgens. William geht zu seiner Frau und fragt: «Warum sind wir im Haus meiner Eltern in England? Ich habe heute einen Zahnarzttermin in Deutschland.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 14. März 2017 05:38
aktualisiert: 29. August 2019 09:17