Roboter: «Viele Bürojobs sind gefährdet»

Laurien Gschwend, 20. September 2017, 10:33 Uhr
Ersetzen Roboter unsere Kollegen aus Fleisch und Blut? (Symbolbild)
© iStock
Welche Jobs sterben aus, weil sie in einigen Jahren von Robotern erledigt werden? Arbeitsforscherin Sibylle Olbert-Bock* erklärt im Interview, wie unser zukünftiger Arbeitsalltag aussieht.
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Sibylle Olbert-Bock, welche Jobs verschwinden früher oder später?

Es gibt verschiedene Thesen, die sich auf den Arbeitsmarkt als Ganzen beziehen. Die populärste davon besagt, dass vor allem die Jobs mittlerer Qualifikation gefährdet sind. Die hoch qualifizierten Jobs bleiben erhalten, die niedrig qualifizierten ebenso. Klar ist, dass sich viele Jobs inhaltlich verändern.

Prof. Dr. rer. pol. Sibylle Olbert-Bock (Bild: zVg)

Bei den hoch qualifizierten Jobs haben in erster Linie Spezialistenfunktionen Zukunft, in denen es darum geht, immer wieder neue Problemlösungen zu finden. Alles andere, wofür ich eine klare Vorgehensweise der Problemlösung gefunden habe, kann irgendwann künstliche Intelligenz übernehmen. Niedrig qualifizierte Jobs bleiben bestehen, solange sie nicht von Robotern übernommen werden können, beziehungsweise dies nur zu sehr hohen Kosten möglich ist.

Über das deutsche Tool «Job-Futuromat» kannst du ermitteln, ob ein Roboter deinen Job machen kann.
Sie sprechen von der Gefährdung von Jobs, die Personen mit mittlerer Qualifikation ausüben. Was heisst das genau? 

Das sind Tätigkeiten, die zwar besonderes Wissen und Können erfordern, aber immer wieder in derselben Art und Weise ausgeführt werden. Beispiele könnten der Schalterbereich einer Bank sein oder Funktionen, bei denen es um grundsätzlich standardisierbare Beratungsleistungen geht. Im Gesundheitsbereich liessen sich Vordiagnosen beispielsweise an Maschinen übertragen. Die Terminfindung wird in einzelnen Praxen, Kanzleien oder beim Coiffeur bereits heute im «Self Service» erledigt. Es sind unter anderem viele Büro- und Fachtätigkeiten gefährdet, die ein gewisses Expertenwissen verlangen.

Die Oxford-Professoren Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne haben eine Rangliste mit den Berufen erstellt, die in Zukunft am ehesten von Maschinen erledigt werden. Gemäss den Autoren sind 47 Prozent von 702 Berufen in den USA künftig in Roboterhand. Von Menschen werde in Zukunft noch all jenes ausgeführt, das ein Roboter nicht beziehungsweise nur schwer zeigen könne, zum Beispiel Empathie, Verhandlungsgeschick und Überzeugungskraft.

Grafik: FM1Today in Anlehnung an «welt.de»

Wie bald ersetzen Roboter unsere Kollegen aus Fleisch und Blut? 

Die Digitalisierung ist kein spontaner Prozess, wir befinden uns in ihm und er schreitet weiter voran. Prognosen der «Gefährdungsübersichten» haben etwa einen Horizont von 20 Jahren. Dann soll die Transformationsphase vorbei sein und sollen Gesamtsysteme der digitalen Transformation unsere Realität sein. Man weiss aber nicht genau, zu welchem Zeitpunkt die gefährdeten Jobs tatsächlich entfallen, wobei «entfallen» nur bedingt korrekt ist. Unklar ist auch, welche neuen Anforderungen mit den Änderungen der einzelnen Berufe einhergehen.

Wie kann die Entwicklung eingeordnet werden? 

Die Meinungen gehen stark auseinander. Manche finden, die Rechnung gehe irgendwann nicht mehr auf, die Veränderungen gingen zu schnell und auch ihre Umsetzung beinhalte noch zu viele Unwägbarkeiten. Andere sprechen von einem natürlichen Prozess der Veränderung.

Auch in der Vergangenheit ist es immer so gewesen, dass man sich in seiner Tätigkeit oder auch in seiner Stelle verändert hat. Berufe und Berufsbezeichnungen wurden immer wieder angepasst und ihre Inhalte offener formuliert. Viele Berufe und Jobs entfallen vielleicht in der Art und Weise, wie sie heute aussehen, zusätzlich machen die Mitarbeitenden aber Entwicklungsschritte mit. Es verschwinden also nicht nur Jobs, es kommen auch neue dazu. Man muss die ganzen Maschinen schliesslich mit Wissen füttern. Aber man sollte eben am besten auf dieser Seite stehen und nicht nur ihr Handlanger sein.

Inwiefern wirkt sich die Digitalisierung auf die Beliebtheit von Jobs aus?

Natürlich orientieren sich Auszubildende und ihre Eltern daran, welche Berufe grundsätzlich bedroht sind. Von daher kann davon ausgegangen werden, dass einzelne Berufe, die als permanent bedroht dargestellt werden, von den Auszubildenden nicht mehr beziehungsweise nicht prioritär aufgegriffen werden. Mit der Digitalisierung ist aber auch der Lohnaspekt verbunden. Tendenziell gehen Leute aus Berufen heraus, von denen bekannt ist, dass die Löhne nicht mehr wachsen oder gar unattraktiver werden. Beispielsweise wird im Ausland des Öfteren hinterfragt, ob es sich noch lohnt, in die Landwirtschaft zu gehen.

Wie sieht das Büro der Zukunft aus? Gibt es noch geregelte Arbeitszeiten? 

Das hängt davon ab, wie sich das Unternehmen in Bezug auf die Personalpolitik aufstellt. Ein Unternehmen kann alles standardisiert gestalten, indem überwiegend auf Technik und Roboter gesetzt wird. Maschinen können aber auch lediglich als Unterstützung für Menschen angesehen werden, die nach wie vor Kunden persönlich bedienen, beraten und individuell auf deren Bedürfnisse eingehen. Hier ist zeitliche und inhaltliche Flexibilität von grosser Bedeutung.

Welchen Einfluss hat die Automatisierung von Arbeitsabläufen auf die Motivation des Personals?  

Es sind zwei Effekte, die Roboter mit sich bringen. Sie wirken so lange unterstützend, bis eine Rationalisierung eintritt, sprich, bis Menschen ihnen weichen müssen oder sie aber derart gefordert sind, dass sie dauerhaft überlastet werden. Irgendwann gerät man unter Druck, was sich negativ auf die Motivation auswirken kann. Auch wird die Frage im Raum stehen, für wen es attraktiv ist, lediglich Technik zu überwachen, anstelle selbst eine Tätigkeiten ausführen zu dürfen.

Was halten Kunden davon, wenn sie von Robotern bedient werden? 

Ich persönlich finde es immer noch angenehmer, wenn ich eine Person habe, der ich sagen kann, was ich gerne hätte, statt zum Beispiel bei den automatischen Säulen meine Bestellung abzugeben. Die Problematik besteht dann, wenn Technik eingesetzt wird, ohne die Wünsche der Kunden zu berücksichtigen. Das erste Mal ist es vielleicht spannend, irgendwann gewöhnt man sich daran, aber ein menschlicher Kontakt mag dennoch besser und angenehmer sein.

*Sibylle Olbert-Bock ist Leiterin des Kompetenzzentrums «Leadership und Personalmanagement» an der Fachhochschule St.Gallen.

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Laurien Gschwend
veröffentlicht: 17. August 2017 07:00
aktualisiert: 20. September 2017 10:33