Soll ich mich als neuer Nachbar vorstellen?

Sarah Lippuner, 26. September 2018, 06:06 Uhr
Auch wenn es etwas unangenehm ist, sich vorzustellen gehört einfach dazu.
Auch wenn es etwas unangenehm ist, sich vorzustellen gehört einfach dazu.
© istock
«Hallo, wir sind die neuen Nachbarn.» Wie oft hört man diesen Satz heutzutage noch? Und wie soll man ihn am besten sagen? Wir haben bei Experten nachgefragt.

Der 1. Oktober ist ein gängiger Zügeltermin in der Schweiz. Bis man sich aber im neuen Zuhause wohl fühlt, kann es eine Weile dauern. Sobald die ersten Kisten ausgepackt sind, kommt die grosse Frage: Wie stelle ich mich bei meinen neuen Nachbarn vor? Barbara Albrecht, Geschäftsleiterin der Nachbarschaftshilfe Zürich, und Catherine L. Tenger, Trainerin für Umgangsformen, beantworten uns die wichtigsten Fragen.

Die Möbel sind aufgestellt und man beginnt sich am neuen Wohnort zuhause zu fühlen. Soll ich mich nun bei meinen neuen Nachbarn vorstellen?

Tenger: «Natürlich stellt man sich bei den neuen Nachbarn vor, das gibt einen guten Start. Man sagt wer man ist und in welcher Wohnung man wohnt. Wenn man in ein Haus eingezogen ist, stellt man sich bei den drei bis vier umstehenden Häusern vor. Wenn man allerdings in ein Mehrfamilienhaus mit vielen Parteien einzieht, sollte man sich bei den Nachbarn auf demselben Stockwerk und vor allem auch bei den Wohnung über und unter der eigenen Wohnung vorstellen. Das ist wichtig, falls es in Zukunft zu Konflikten wegen Lärm etc. käme. Die Toleranz ist grösser, wenn man sich kennt. Idealerweise lädt man die neuen Nachbarn auch auf einen Apéro ein oder hängt bei Mehrfamilienhäusern einen Steckbrief ans Schwarze Brett.»

Bei einem Apéro kann man die neuen Nachbarn in einer entspannten Atmosphäre kennenlernen. (Bild: istock)
Bei einem Apéro kann man die neuen Nachbarn in einer entspannten Atmosphäre kennenlernen. (Bild: istock)

Auf was sollte man sonst noch achten, im Umgang mit der neuen Nachbarschaft?

Albrecht*: «Man muss sich einfach bewusst sein, dass man in eine bestehende Struktur einzieht und somit Veränderungen bringt. Man darf sich nicht einfach in seiner Wohnung verkriechen. Man sollte sich bei den Nachbarn über die etablierten «Spielregeln» informieren und sich damit arrangieren. Hier ist es sehr wichtig, dass man offen aufeinander zugeht. Es funktioniert nach dem Echo-Prinzip, wenn man auf andere zugeht, kommt auch etwas zurück.»

Tenger: «Hierbei ist es wertvoll, wenn man erstmal seine Hilfe anbietet, bevor man die Nachbarn um einen Gefallen bittet. Das passt auch gut beim Vorstellen, man kann zum Beispiel sagen, dass man gerne mal bereit wäre, die Pflanzen zu giessen während den Ferien oder ähnliches.»

Gibt es einen Unterschied bezüglich Nachbarschaft in der Stadt und auf dem Land?

Albrecht: «Nein, da gibt es keine markanten Unterschiede. Eine Stadt funktioniert in ihren Einzelteilen gleich wie in einem Dorf. Die Nachbarschaftshilfe Zürich hat dazu vor einigen Jahren eine Umfrage gemacht. Das Ergebnis war, dass 80 Prozent der Befragten ihre direkten Nachbarn kennen und ihnen ab und zu einen Gefallen machen, sie tragen zum Beispiel den Müllsack für eine ältere Frau aus dem Haus.»

Nein, hier muss man sich nicht bei jedem vorstellen, aber bei den Nachbarn in der Nähe sollte man schon. (Bild: istock)
Nein, hier muss man sich nicht bei jedem vorstellen, aber bei den Nachbarn in der Nähe sollte man schon. (Bild: istock)

Gibt es kulturelle Unterschiede?

Tenger: «Das auf jeden Fall! In den USA zum Beispiel ist es so, dass man sich nicht als neuer Nachbar vorstellt, sondern man wird von den Nachbarn willkommen geheissen, meistens mit einem kleinen Geschenk. Bei uns in der Schweiz gilt jedoch die ungeschriebene Regel, dass man sich selbst vorstellt, wenn man neu einzieht. Bei einem Einweihungsfest bringt man traditionellerweise Brot und Salz mit, das steht für Sesshaftigkeit.»

Wie entwickelt sich die Nachbarschaftsbeziehung vom Grüssen bis zur freundschaftlichen Plauderei?

Albrecht: «Dafür braucht es Zeit, man muss dem Alltag freien Lauf lassen. Am Anfang sollte man zudem nicht zuviel erwarten. Man sollte einfach offen sein und auch keine Angst haben, dass man stört. Oftmals fragen ältere Menschen oder Familien mit kleinen Kindern ihre Nachbarn gar nicht erst um Hilfe, da sie Angst haben, zu stören. Dies ist oftmals nicht der Fall.»

Ein Zaun muss nicht immer trennen, er kann die Nachbarschaft bei einem Schwätzchen auch enger verbinden. (Bild: istock)
Ein Zaun muss nicht immer trennen, er kann die Nachbarschaft bei einem Schwätzchen auch enger verbinden. (Bild: istock)

Und was meinst du, wie wichtig das Vorstellen als neuer Nachbar ist? Stimm ab oder schreib und deine Meinung in die Kommentare.

*Anmerkung der Redaktion: Das Interview mit Barbara Albrecht führte das Radio FM1 vor ein paar Jahren. Da wir die Antworten von Albrecht als interessante Ergänzung zu den Ausführungen von Catherine L. Tenger sehen, haben wir die Aussagen an dieser Stelle wiederholt. Barbara Albrecht war für FM1Today für ein aktuelles Interview nicht zu erreichen.
Sarah Lippuner
Quelle: sar
veröffentlicht: 26. September 2018 06:06
aktualisiert: 26. September 2018 06:06