Unterstützt der Vater wird das Hirn grösser

3. Juni 2019, 10:38 Uhr
Wolfsvater Oka (l) hilft Mutter Artemis (r) bei der Aufzucht. Gemäss Zürcher Forschenden ermöglicht sein Engagement die Entwicklung grösserer Hirne bei der Brut. Denn im Tierreich bietet der Vater die zuverlässigere Unterstützung als der Rest vom Rudel. Bei den Menschen ist es anders. (Symbolbild)
Wolfsvater Oka (l) hilft Mutter Artemis (r) bei der Aufzucht. Gemäss Zürcher Forschenden ermöglicht sein Engagement die Entwicklung grösserer Hirne bei der Brut. Denn im Tierreich bietet der Vater die zuverlässigere Unterstützung als der Rest vom Rudel. Bei den Menschen ist es anders. (Symbolbild)
© Keystone/AP/JEFF ROBERSON
Wenn Väter bei der Aufzucht helfen, entwickeln die Nachkommen grössere Gehirne und werden klüger. Das gilt aber nur im Tierreich, wie Zürcher Forscher bewiesen haben. Menschenmütter finden auch bei anderen Familien- und Gruppenmitgliedern zuverlässige Hilfe.

Je grösser das Gehirn im Verhältnis zur Körpergrösse ist, desto intelligenter ist ein Lebewesen. Ein grosses Hirn auszubilden, hat aber seinen Preis: So verbraucht ein Säugling rund zwei Drittel seiner Energie ausschliesslich zur Versorgung des Hirns.

Diese grosse Energiemenge muss in Form von Milch und später via Nahrung permanent zur Verfügung stehen. Allein können die Weibchen von vielen grosshirnigen Tierarten die Energiezufuhr für die Aufzucht der Jungen nicht bewältigen - sie sind auf zusätzliche Hilfe angewiesen.

Bisher nahm man an, dass es nebensächlich ist, ob der Vater oder andere Gruppenmitglieder die Mutter bei der Versorgung des Nachwuchses unterstützen. Ein Forscherteam vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich (UZH) hat nachgewiesen, dass dem nicht so ist: Tierväter sind zuverlässigere Helfer als andere Gruppenmitglieder.

In ihrer Studie haben Sandra Heldstab und ihre Kollegen Karin Isler, Judith Burkart und Carel van Schaik zum Beweis die Hirngrössen sowie den Umfang und die Häufigkeit der väterlichen Hilfe und jener anderer Gruppenmitglieder von rund 480 Säugetierarten miteinander verglichen.

«Väter helfen bei der Jungenaufzucht konstant und zuverlässig, während die Unterstützung von anderen Gruppenmitgliedern wie etwa älteren Geschwistern viel weniger verlässlich ist», erklärt Evolutionsbiologin Heldstab.

Beispielsweise bei Wildhunden und Wölfen - zwei Säugetierarten mit grossen Hirnen - handeln die älteren Geschwister oft egoistisch: Zuweilen klauen sie den Kleinen sogar das Futter. Jungtiere von anderen Arten wandern in fremde Populationen ab, sobald sie gross genug sind, um den Müttern helfen zu können. Väter dagegen intensivieren ihr Engagement noch, wenn die Umweltbedingungen sich verschlechtern.

«Die Studie zeigt einmal mehr, dass nur eine stabile und zuverlässige Energieversorgung - etwa durch väterliche Hilfe - im Verlauf der Evolution ein grosses Hirn ermöglicht», schreibt die Forschergruppe, die ihre Erkenntnisse in der aktuellen Fachzeitschrift «Behavioural Ecology and Sociobiology» vorgestellt hat.

Tiermütter, die nicht auf väterliche Hilfe bei der Brutpflege zählen können, beispielsweise Löwinnen, gebären gemäss UZH-Forschergruppe statt weniger Nachkommen mit grossen Hirnen mehrere mit kleinen. Dadurch stellt die Evolution sicher, dass trotz erhöhter Säuglingssterblichkeit ein Teil des Wurfs überlebt.

Menschenmütter müssen sich nicht mit dem Problem herumschlagen, denn Menschen sind die Ausnahme: «Nicht nur die väterliche Unterstützung, sondern auch die Hilfe von anderen Verwandten und nicht Verwandten ist bei der Kinderbetreuung sehr zuverlässig.» Deshalb haben Menschen auch das im Verhältnis zur Körpergrösse grösste Gehirn.

Quelle: SDA
veröffentlicht: 3. Juni 2019 10:00
aktualisiert: 3. Juni 2019 10:38