Tiktok, Instagram und Co.

Der Krieg im Livestream: Wie unterscheide ich Fakt von Fake?

Dario Brazerol, 25. Februar 2022, 12:33 Uhr
Seit die Lage in der Ukraine eskalierte, kursieren im Internet Videos, Fotos und Augenzeugenberichte aus dem Krisengebiet. Vor allem auf Social-Media-Plattformen wie Tiktok und Instagram entsprechen diese aber nicht immer der Realität. Manche Userinnen und User erhoffen sich Klicks durch Kriegsangst – aber auch Propaganda kann so verbreitet werden.
Nicht alles was auf Social Media unter dem Hashtag Ukraine gezeigt wird, stammt auch wirklich aus der Region.
© Keystone

Nächtliche Raketenangriffe, Tankstellen, die explodieren, Menschen, die ihr Hab und Gut packen, um aus Kiew zu flüchten, im Hintergrund Sirenenlärm. Man könnte meinen, via Tiktok das Kriegsgeschehen aus erster Hand mitzuerleben. Allerdings sind viele der Videos, die aktuell auf Social Media viral gehen, aus dem Zusammenhang gerissen, sind schon mehrere Jahre alt, stammen von einem anderen Ort – oder wurden schlichtweg manipuliert, um ein Horrorszenario für Klicks zu generieren.

Propaganda und Desinformation verhindern

Der Krieg ist auf Tiktok, Instagram und Co. angekommen. Videos und Bilder verbreiten sich rasend schnell. So schnell, dass die Überprüfung der Authentizität der Inhalte fast nicht mehr möglich ist – oder vergessen geht. Gerade in der aktuellen Situation ist es aber um so wichtiger, Fakt von Fake zu trennen, damit mögliche Propaganda und reine Desinformation im Keim erstickt werden.

Ein Beispiel ist ein Tiktok-Video, welches in den letzten Tagen über 20 Millionen Klicks erhalten hat. Es zeigt einen Militärfallschirmspringer, der sich selbst beim Absprung filmt. In den Kommentaren gehen die Menschen davon aus, dass dies eine aktuelle Momentaufnahme in der Ukraine ist. In Wahrheit ist das Video aber bereits sechs Jahre alt. Mittlerweile wurde es vom Account gelöscht.

Journalistinnen warnen vor Fake News

Solche Videos können Verwirrung stiften und lassen nur auf eine vermeintliche Realität schliessen. Trotzdem werden sie millionenfach geteilt, ohne zu wissen, ob die Videos lediglich von einem Internet-Troll stammen, der sich einen makabren Scherz erlauben will, oder ob es gar als Propagandamittel der russischen Regierung eingesetzt wird. Vor der aufkommenden Social-Media-Propaganda warnt auch die österreichische Journalistin Corinna Milborn auf Twitter:

Auch Journalistin Esther Chan, ehemalige Faktencheckerin bei AFP, dem weltweit grössten Fact-Checking-Netzwerk, weisst darauf hin, dass bereits eine Stunde nach Putins Rede die ersten Videos von Kampfjets auftauchten, die in keinerlei Zusammenhang mit der Ukraine standen:

Auf vertrauenswürdige Nachrichtenportale setzen

In der aktuellen Situation ist Social Media nicht die verlässlichste Quelle, um an fundierte und in den Zusammenhang gestellte Informationen zu gelangen. Aber auch bei Webseiten, die vermeintlich seriös wirken, weil sie beispielsweise eine ansprechende Optik aufweisen, ist Vorsicht geboten, da diese auch gefälscht sein können. Darum empfiehlt es sich, immer nach dem Urheber der Seite zu suchen.

Kommerzielle Webseiten müssen gesetzlich vorgeschrieben über ein Impressum verfügen. Mit den darin enthaltenen Informationen ist es möglich, herauszufinden, wer für den Inhalt der Website verantwortlich ist und wie man diese Person kontaktieren kann. Wird beispielsweise auf einem persönlichen Blog über den Krieg in der Ukraine berichtet, auf der Webseite aber nirgends ausgewiesen, wer der Verfasser der Nachrichten ist, kann es sein, dass dieser willentlich Fehlinformationen verbreitet.

Tipps für den richtigen Umgang mit Kriegs-Inhalten

Doch wie schaffen es Userinnen und User, effektiv Fakt von Fake zu unterscheiden und wie sollen sie mit Desinformationen umgehen? Hier einige allgemeine Tipps, die der Bund herausgegeben hat:

  1. Quellen checken: Stammt der Inhalt von einer bekannten oder einer unbekannten Quelle? Nicht nur der Urheber der Information, sondern auch die Person, die sie weiterverbreitet, sollte überprüft werden. Zusätzlich sollte man sich fragen, ob der Autor oder die Autorin identifizierbar ist, einen persönlichen Bezug zum Thema hat und ein Interesse mit dem Erstellen des Beitrags verfolgt.
  2. Verhaltensmuster des Urhebers überprüfen: Bestimmte Verhaltensmuster von Social-Media-Accounts können Hinweise für automatisierte Posts sein. Beispielsweise wenn ein Account erst seit kurzem oder in bestimmter Regelmässigkeit, zu jeder Tages- oder Nachtzeit sowie nur zu einem bestimmten Thema aktiv ist oder sehr häufig postet. Man sollte also überprüfen, seit wann auf einem Social-Media-Profil Inhalte geteilt werden und wie vielseitig es genutzt wird.
  3. Form überprüfen: Bei multimedialen Inhalten mit Foto, Video und Audio kann leicht getrickst werden. Es kann also sein, dass der Text nicht mit dem Bild oder dem Ton übereinstimmt. Bei Bildern und Videos kann eine Rückwärtsbildersuche Aufschluss darüber geben, wann und in welchem Kontext ein Bild entstanden oder zum ersten Mal online aufgetaucht ist. Dabei wird ein Bild hochgeladen und anschliessend die Webseiten angezeigt, auf denen dieses Bild zu sehen ist.
  4. Gegenchecken: Wenn du dir nicht sicher bist, ob der Inhalt vertrauenswürdig ist, versuche, eine weitere Quelle zu finden, die den Inhalt bestätigt oder dementiert. 
  5. Nicht weiterleiten: Besteht der Verdacht, dass es sich um eine Falschmeldung handelt, sollte der Inhalt nicht weitergeleitet werden. Besser sollte man der Quellen-Plattform die Falschmeldung mitteilen. 
  6. Kritisch bleiben: Bleibe auch bei Informationen aus deinem Umfeld kritisch. Grundsätzlich ist es sehr wahrscheinlich, dass aufgrund des Vertrauens im eigenen Bekanntenkreis Fakten weniger überprüft werden.

Die «Zeit Online» hat auf Twitter eine Liste mit geprüften Accounts erstellt, welche News in Echtzeit posten. Darunter befinden sich Journalistinnen und Journalisten sowie Russland- und Ukraine-Experten und -Expertinnen.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 25. Februar 2022 11:48
aktualisiert: 25. Februar 2022 12:33
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