Österreich

Deshalb sind die Restaurants in Vorarlberg wieder offen

Christian Ortner, 6. April 2021, 19:18 Uhr
Seit Mitte März dürfen die Restaurants in Vorarlberg ihre Gäste wieder bewirten.
© Keystone
Seit 1. April ist der Osten Österreichs wieder in einem harten Lockdown. Während die Einwohner dort ihre Wohnungen nur für dringend notwendige Besorgungen und die Arbeit verlassen dürfen, stürmen die Vorarlberger die Restaurants und Gastgärten.

Knapp 700 Kilometer entfernt war Anfang März die «Modellregion Vorarlberg» in einer gemeinsamen Pressekonferenz von Bundeskanzler Sebastian Kurz und Landeshauptmann Markus Wallner ausgerufen worden. Das westlichste Bundesland Österreichs hatte seit Wochen konstant niedrige Zahlen Infektionszahlen (7-Tage-Inzidenz zwischen 50 und 70) vorzuweisen und konnte somit ab 15. März zur Freude der Bevölkerung erste Öffnungsschritte setzen.

Seit drei Wochen ist die Tagesgastronomie bis 20 Uhr geöffnet, Kultur- und Profisportveranstaltungen können vor bis zu 100 Personen durchgeführt werden und Nachwuchssportler wieder trainieren. Freilich unter strengen Voraussetzungen wie regelmässigen aktuellen Tests, einer Registrierungspflicht und dem Vorhandensein eines tauglichen Präventionskonzepts.

Letzter sein nicht mit Vorarlberger Identität vereinbar

Noch im Herbst war Vorarlberg mit einer Inzidenz von 850 «Tabellenletzter» in der Corona-Rangliste der neun Bundesländer. Ein Umstand, der mit der Vorarlberger Identität nicht vereinbar ist. Das kleine, oft widerspenstige und manchmal streberhaft erscheinende Bundesland will trotz seiner Kleinheit immer vorne mitmischen. Das ist der alemannische Anspruch.

Der Ehrgeiz war geweckt und Vorarlberg entwickelte sich in den letzten Monaten zum «Testweltmeister». Heute stehen den knapp 400'000 Einwohnern 136 Gratis-Testmöglichkeiten sieben Tage die Woche zur Verfügung. Zum einen wurden in Gemeindesälen oder Hallen der Dornbirner Messe permanente Testzentren errichtet, daneben gewährleisten 33 Apotheken, Teststellen des Bundesheers und ein mobiler Bus, der 15 Kleinstgemeinden anfährt, eine hervorragende Erreichbarkeit und damit einen niederschwelligen Zugang zu den Antigen- und PCR-Tests.

Schnitzel und Bier gegen Vorlage eines negativen Tests

Inzwischen lassen sich wöchentlich über 130'000 Vorarlbergerinnen und Vorarlberg testen. Das ist nicht zuletzt der Öffnung der Gastronomie, die seit Anfang November geschlossen war, geschuldet. Ein Wiener Schnitzel oder ein Bier gibt es nur gegen Vorlage eines weniger als 48 Stunden alten Antigen-Tests.

«Damit konnten wir nochmals völlig andere Bevölkerungsgruppen zu Test animieren», erklärt Armin Fiedler, wissenschaftlicher Berater der Vorarlberger Landesregierung. Der Gesundheitsexperte mit WHO- und Weltbank-Hintergrund weiss nach 30 Jahren Berufserfahrung, wovon er spricht. Vor der Öffnung der Gastronomie habe man auch schon sehr viele, aber tendenziell immer dieselben, die sehr Gesundheitsbewussten, erreicht. Nun kommen auch jene dazu, die gerne ein paar Bier trinken, auf ein Konzert oder ein Fussballspiel gehen.

Wenn der Anreiz das Risiko schlägt

Vorarlbergs Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher bläst ins selbe Horn: «Anreiz schlägt Risiko. Im Mittelpunkt unserer Überlegungen für Öffnungsschritte steht die Abwägung, ob der Anreiz, sich testen zu lassen, das Risiko, damit die Infektionszahlen wieder zu erhöhen, schlägt.»

Bisher geben die Zahlen den Verantwortlichen recht. Zwar sind sie wie erwartet gestiegen, die Spital- und Intensivkapazitäten aber immer noch nicht kritisch belastet. Vor dem Osterwochenende mussten nur 20 Personen auf der Normal- und drei auf der Intensivstation behandelt werden. Der Inzidenzwert ist weiter nur etwa halb so hoch (130) wie im Österreich-Schnitt (250).

Damit das so bleibt, soll auch die Grenze zur Schweiz zwar weiter nicht geschlossen, aber dennoch fast «undurchlässig» sein. Der in den letzten Jahren durch den starken Franken geradezu explosionsartig gewachsene Einkaufs- und Ausflugstourismus bleibt untersagt, die 17'000 täglichen Pendler in die Schweiz und Liechtenstein müssen sich auch künftig wöchentlich testen lassen. Und noch eine Lehre zieht Rüscher aus der Corona-Pandemie: «Wir müssen endlich mehr Zusammenarbeit zwischen den Bundesländern und Kantonen im Dreiländereck zulassen. Noch entscheiden Wien, Bern und Berlin viel zu viel, den Regionen sind die Hände gebunden.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 6. April 2021 19:18
aktualisiert: 6. April 2021 19:18