Diese Instagramerin «stirbt» überall

Christoph Thurnherr, 8. Mai 2019, 05:44 Uhr
Egal ob vor dem Eiffelturm, im Zoo von San Diego oder bei der Golden Gate Bridge: Die Instagramerin «Stefdies» stellt sich gerne tot. Sie betrachtet ihr Schaffen als Gegenbewegung zur Selfie-Kultur und leistet dafür vollen Körpereinsatz. Das ist oft sehr unhygienisch.

Plötzlich kippt sie um. Eine Frau mit dunklen Haaren. Noch vor einem Augenblick konnte man sie kaum vom Rest der Menschenmenge unterscheiden. Vielleicht starrte sie in ihr Smartphone oder richtete gerade ihren Selfie-Stick aus, um ein obligatorisches Touristen-Foto zu schiessen. Nun liegt sie mit dem Gesicht nach unten auf dem Pflasterstein. Sie ist zwar nicht tot, gibt es aber vor. Denn «Stefdies» hat genug. Von mobilisierten Selfie-Horden. Von Inszenierung. Von der auf Hochglanz polierten Insta-Welt. Aber nicht vom Leben. Und dafür stirbt sie rund um die Welt den Foto-Tod.

Fotos in ihrer ursprünglichen Form

«Stefdies» ist eine fotografische Performance, die das Leben feiert, heisst es auf der Website. Jedes Foto sei dabei ein Anti-Selfie, welches wieder zu den Wurzeln der Fotografie zurückmöchte: Dem festgehaltenen Moment. Deswegen sei auch nichts vorbereitet. Stephanie Leigh Rose, so heisst die Dame wirklich, geht normal durch's Leben (so normal wie man das als – laut Instagram – Schauspielerin, Künstlerin, Aktivistin, Athletin und Model eben tut) und falls sich eine Gelegenheit bietet wird sie zu ihrer Kunstfigur. Das führt zu teilweise verstörenden Bildern mit ahnungslosen Passanten und manchmal auch zu Problemen. So wurde sie laut «Metro» einmal aus der Kathedrale Notre Dame geworfen und die italienische Polizei zwang Stephanie sogar, die Fotos zu löschen.

Urin und Hundekot

Durch die zumindest behauptete Spontanität werden nicht nur die anwesenden Personen geschockt, sondern auch die Klamotten von Stephanie in Mitleidenschaft gezogen. Ein Grossteil ihrer Garderobe sei ruiniert. Auch weil sie immer wieder mit Unappetitlichem in Berührung kommt. So habe sie auf dem Boden in San Francisco definitiv Urin geschmeckt und mit Hundekot sei sie schon unzählige Male in Berührung gekommen. Was tut man nicht alles für die Kunst. Die ist aber nicht frei von Kritik.

Die Golden Gate Bridge ist ein Magnet für Personen mit Suizidabsichten. An keinem anderen Ort der USA nehmen sich so viele Leute das Leben. Deswegen wurde dort vor gut zwei Jahren ein Fangnetz für mehr als 200 Millionen Franken angebracht. Doch um den Tod soll es ja gar nicht gehen. «Stefdies ist eine konstante Erinnerung daran, wie kostbar das Leben ist», schreibt Stephanie. «Eines Tages werden wir alle mit dem Gesicht nach unten daliegen. Wir wissen nicht, ob wir morgen noch da sind. Deshalb lasst uns diese Momente feiern.»

Christoph Thurnherr
Quelle: thc
veröffentlicht: 8. Mai 2019 05:44
aktualisiert: 8. Mai 2019 05:44