Ausland

In China sind die Abschlussprüfungen mehr als nur ein Test

Fabian Kretschmer aus Peking, 7. Juli 2020, 20:13 Uhr
Geschafft fürs Erste: Schüler in Nanjing nach dem ersten «Gaokao»-Prüfungstag.
© Chinatopix/AP (7. Juli 2020
10,7 Millionen Chinesen traten am Dienstag zur wichtigsten Prüfung ihres Lebens an. Der «Gaokao» wird von einem riesigen Kriminalfall überschattet.

Ein Dutzend Polizisten in dunkelblauen Uniformen steht um den abgesperrten Eingang der Pekinger Oberschule Nr. 55. Mit ernster Miene und schnellen Handbewegungen dirigieren die Ordnungshüter die Fahrradfahrer und Lieferkuriere auf ihren E-Scootern durch die Seitenstrasse. Auf dem gegenüberliegenden Trottoir hat sich eine Menschenmenge versammelt: Rund 50 Mütter und Väter schauen gebannt auf den Schuleingang. Ihre Anspannung ist trotz der Gesichtsmasken zu erkennen.

Der Grund für die kuriose Szenerie ist nicht etwa eine neue Corona-Ausgangssperre, sondern die Rückkehr zum Normalzustand in China: Endlich, mit einem Monat Verspätung, traten am Dienstag 10,7 Millionen Schüler zum «Gaokao» an, der wohl wichtigsten Prüfung ihres Lebens. Das Resultat des mehrtägigen Tests in Literatur, Mathe und Englisch bestimmt nämlich über die Zulassung an die renommierten Universitäten im Land. Diese entscheiden in der Volksrepublik massgeblich über Karriere- und auch Heiratschancen. Zwei Tage, die den Kurs des weiteren Lebens vorgeben.

Als die 29-jährige Wang Yuan auf ihrem Weg ins Büro die Oberschule Nr. 55 passiert, kommen bei ihr Erinnerungen hoch: «Wir wurden mit Schulbussen zur Prüfungsstätte gefahren, eskortiert von Polizeiautos, damit wir stets Vorfahrt hatten», erinnert sich die Angestellte. «Uns war klar: Wenn wir bei dem Test scheitern, wird das unser ganzes Leben beeinflussen.» Bis um zehn Uhr nachts hatte sie damals täglich für die Prüfung gelernt.

Lange Zeit galt das «Gaokao» in China als grösster Garant für soziale Durchlässigkeit. Alleine durch Bildung konnten die Jugendlichen aus benachteiligten Familien oder rückständigen Provinzen in der Gesellschaft aufsteigen, die bei Postenvergaben noch immer stark von Vetternwirtschaft geprägt ist. Doch wirkliche Chancengleichheit kann auch der Multiple-Choice-Marathon nicht garantieren: Zunehmend versuchen reiche Familien durch teure Nachhilfelehrer einen Vorteil für ihre Sprösslinge zu ergattern.

Dank Identitätsklau zu guten Prüfungsresultaten

Dieses Jahr erzürnt zudem ein Kriminalfall die chinesische Volksseele: Mehrere Universitäten in der Provinz Shandong haben bekannt gegeben, dass 242 ehemalige Studenten die Identität und «Gaokao»-Testresultate von anderen Personen «gestohlen» haben, um sich an den renommierten Hochschulen einschreiben zu können. Der ständige Ausschuss des nationalen Volkskongresses hat die Angelegenheit zur Chefsache erhoben und möchte sichergehen, dass die mittlerweile erwachsenen Täter rechtlich zur Verantwortung gezogen werden.

Für die Volksrepublik ist das «Gaokao» die grösste logistische Herausforderung seit Ausbruch des Coronavirus: 400000 Klassenzimmer wurden für die 10,7 Millionen Schüler bereitgestellt. Beaufsichtigt werden sie von 945000 Aufsichtspersonen – darunter auch Psychologen, die die Prüflinge mental betreuen. Oder Sicherheitskräfte, die Schüler auf Schmierzettel oder Schummel-Gadgets filzen. Damit der Prüfungsmarathon reibungslos über die Runden geht, wurden zudem an den Schulen Körpertemperaturkameras aufgebaut. Die Maskenpflicht wird strikt durchgezogen.

Die 2020-Prüflinge sind doppelt Epidemie-erprobt

«Viele Schüler fühlen sich benachteiligt, weil sie durch die Pandemie weniger Zeit zur Vorbereitung hatten», sagt der 17-jährige Österreicher Maximilian Santner, der derzeit an einer Pekinger Oberschule ein Austauschjahr absolviert. Auch er hat mehrere Monate während des Virusausbruchs im Lockdown mit Online-Learning verbracht. Zuletzt wurden die Schulen in der chinesischen Hauptstadt erneut geschlossen, weil das Virus mit bislang 355 Infizierten wieder aufgeflammt war.

Vielen Chinesen tun die Prüflinge in diesem Jahr gleich doppelt leid. Denn, so will es die Ironie des Schicksals: Ausgerechnet jener Jahrgang, der 2002 während der Sars-Epidemie geboren wurde, muss nun im Corona-Jahr zum «Gaokao» antreten.

Fabian Kretschmer aus Peking
Quelle: CH Media
veröffentlicht: 8. Juli 2020 05:00
aktualisiert: 7. Juli 2020 20:13