Maskottchen ausser Rand und Band

René Rödiger, 26. Januar 2019, 14:03 Uhr
Chiitan als obdachloses Maskottchen vor einem Burgerladen.
Chiitan als obdachloses Maskottchen vor einem Burgerladen.
© Twitter/love2chiitan
Die japanische Stadt Susaki hat ein inoffizielles Maskottchen. Und damit ein Problem. Denn dieses herzige Tierchen benimmt sich so gar nicht knuffig. Es sorgt für Chaos.

Die Stadt Susaki wollte den Tourismus ein bisschen ankurbeln. Wie bereits andere Städte in Japan sollte deshalb ein Maskottchen her. Gewählt wurde ein Otter. Damit das Tier auch öffentlichwirksam auftreten konnte, gab es von Chiitan schon bald eine «echte Version», ein Mensch, der im Kostüm als Shinjokun Tourismus-Werbung machte.

https://www.twitter.com/love_otter_love/status/1087550231762264064

Shinjokun war herzig, machte lustige Sachen, umarmte Kinder und posierte für Fotos. Was ein Maskottchen halt so machen sollte.

Das brave Maskottchen Shinjokun. (Bild: pd)
Das brave Maskottchen Shinjokun. (Bild: pd)

Doch dann tauchte plötzlich eine weitere Version auf. Eine eher verstörende Version, die dunkle Seite des knuffigen Maskottchens. Jemand kaufte ein ähnliches Otter-Kostüm und nannte sich ebenfalls Chiitan. Dieses Anarcho-Maskottchen kippt Autos, begibt sich völlig unsinnig in Gefahr, spielt mit laufenden Heckentrimmer, zeigt sich selbst in einem dunklen Keller, den es selbst «mein besonderer Raum» nennt.

http://www.twitter.com/ogecebel/status/1054284722476474369

https://www.twitter.com/love2chiitan/status/1002834363636051968

Hausbesuch mit Baseballschläger

«Chiitan kommt zu dir nach Hause», schrieb der böse Maskottchen-Zwilling zu einem kurzen Video, in dem er einen Baseballschläger aus dem Schrank nimmt, einsteckt und aus dem Bild verschwindet. Die Reaktionen blieben nicht aus. Mehrere hundert Reklamationen gingen bei der Stadt ein. Die einzige Reaktion der Behörde: Der Posten des Ehren-Botschafters wurde gestrichen, der richtige Otter somit «arbeitslos».

https://www.twitter.com/ogecebel/status/1069509702164217856

Damit war das Problem des bösen Chiitan natürlich nicht aus der Welt geschafft. Schnell machte das Gerücht die Runde, die Stadt hätte Chaos-Chiitan offiziell sanktioniert. Zu diesem Zeitpunkt war die böse Version schon lange zu einem Social-Media-Star geworden, die Stadt Susaki stand als Spassbremse da.

https://www.twitter.com/ogecebel/status/1020956761711235072

Maskottchen ändern sich

Gegenüber der «New York Times» sagt der britische Autor Chris Carlier, der in Tokio wohnt und sich mit japanischen Maskottchen beschäftigt: «Das Beispiel Chiitan zeigt, wie sich die Maskottchen-Welt auch auf lustige oder zumindest unvorhergesehene Arten ändern kann. Staatlich abgesegnete Maskottchen wie Shinjokun müssen sich benehmen, die übleren Charakter dürfen so anarchistisch sein wie sie wollen.»

https://www.twitter.com/love2chiitan/status/1088349024078331905

Die Stadt Susaki prüft nun mit einem Anwalt, ob sie zumindest den Hersteller des Kostüms belangen kann. Gegen Anarcho-Chiitan hat die Stadt den Kampf schon länger verloren.

René Rödiger
Quelle: rr
veröffentlicht: 26. Januar 2019 14:03
aktualisiert: 26. Januar 2019 14:03