Kein Staatsbegräbnis

Russen erweisen Michail Gorbatschow die letzte Ehre

3. September 2022, 06:39 Uhr
Russland nimmt Abschied vom ehemaligen sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow, der vor allem im Ausland grosses Ansehen genoss.
ARCHIV - Der ehemalige sowjetischen Staatspräsident Michail Gorbatschow nimmt an den Vorbereitungen zum deutsch-russischen Petersburger Dialog teil. Gorbatschow, der russische Friedensnobelpreisträger und ehemalige sowjetische Staatschef ist tot. Foto: Armin Weigel/dpa
© Keystone/dpa/Armin Weigel
Anzeige

Der Friedensnobelpreisträger, der als einer der Väter der Deutschen Einheit gilt, soll am Samstag in Moskau bestattet werden. Er war am Dienstag nach langer schwerer Krankheit im Alter von 91 Jahren gestorben.

Ein Staatsbegräbnis wird es – anders als nach dem Tod des russischen Präsidenten Boris Jelzin (1931-2007) – nicht geben. Es werden zudem keine führenden Politiker Europas zu dem Begräbnis erwartet. Hintergrund sind die westlichen Sanktionen gegen Moskau wegen des Ukraine-Kriegs.

Quelle: CH Media Video Unit / Katja Jeggli

Wladimir Putin nicht bei Beerdigung

Die Trauerfeier soll um 9.00 Uhr beginnen. Der Leichnam Gorbatschows wird zunächst für mehrere Stunden im Haus der Gewerkschaften in Sichtweite des Kreml aufgebahrt. Traditionell wurden dort die Särge der Sowjetführer nach ihrem Tod aufgestellt. Die Trauernden können sich so von Gorbatschow verabschieden. Danach soll er auf dem Moskauer Prominentenfriedhof am Neujungfrauenkloster bestattet werden – neben seiner Frau Raissa.

Russlands Präsident Wladimir Putin wird nicht teilnehmen. Sein Sprecher Dmitri Peskow begründete dies mit Terminproblemen. Putin hatte Gorbatschow an dessen Sarg am Donnerstag die letzte Ehre erwiesen. Gorbatschow kritisierte als Miteigentümer der kremlkritischen Zeitung «Nowaja Gaseta» unter anderem Beschränkungen der Pressefreiheit und andere autoritäre Machtzüge unter Putin.

Reise nach Russland für viele Politiker unmöglich

Deutschland wird durch den Geschäftsträger der Botschaft in Moskau vertreten sein. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) begründete seinen Verzicht auf eine Teilnahme damit, dass es keine Einladung gebe. In mehreren Bundesländern wurde eine Trauerbeflaggung angeordnet.

Für viele ausländische Politiker wäre eine Teilnahme an dem Begräbnis ohnehin nicht möglich gewesen, weil sie von russischer Seite als Reaktion auf die westlichen Sanktionen mit Einreiseverboten belegt wurden. Gesperrt ist zudem der Luftraum in Russland für Flugzeuge aus «unfreundlichen EU-Staaten». Deshalb werden vor allem ausländische Botschafter und Diplomaten von Gorbatschow Abschied nehmen.

Im Westen verehrt, im Osten verachtet

Gorbatschow galt als Wegbereiter für das Ende des Kalten Krieges. Unter seiner Führung schloss die Sowjetunion in den 1980er Jahren mit den USA wegweisende Verträge zur atomaren Abrüstung und Rüstungskontrolle. In seiner Heimat leitete er als Generalsekretär der Kommunistischen Partei mit seiner Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) einen beispiellosen Reformprozess ein.

Der politische Prozess führte letztlich zu einem Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums. Viele Politiker und Bürger Russlands sehen Gorbatschow deshalb als «Totengräber der Sowjetunion», der Russland damals ins Chaos stürzte. Vor allem im Osten Deutschlands genoss «Gorbi» wegen der Öffnung des kommunistischen Systems und des von Moskau damals zugelassenen Mauerfalls grosses Ansehen. Sein Tod löste international Trauer aus.

Quelle: sda
veröffentlicht: 3. September 2022 06:38
aktualisiert: 3. September 2022 06:39