Ukrainer über Krise

«Viele machen Witze, aber bereiten sich heimlich aufs Schlimmste vor»

Muhammed Ali Keskin, 15. Februar 2022, 17:57 Uhr
Die Lage zwischen der Ukraine und Russland droht zu eskalieren – Kriegsangst macht sich weltweit breit. Doch wie gehen die direkt betroffenen Menschen mit der Situation um? Ein Ukrainer aus Kiew über Ängste, Dankbarkeit und Hoffnung.
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Ganz Europa schaut nach Osten. Die Ukraine blickt zur Grenze, wo Russland seine Truppen mobilisiert. Ein baldiges Ende des Konflikts? Nicht in Sicht. Dieser Ansicht ist auch Dmytro. Die Situation sei noch angespannter. «Medien bombardieren uns mit Nachrichten, die Unruhe in unserer Gesellschaft erzeugen», erklärt der Ukrainer in Ausbildung gegenüber ArgoviaToday.

Dmytro lebt in Kiew, am linken Ufer des Dnepr-Flusses. «Die Russen könnten den Damm etwas flussaufwärts zerstören und meine ganze Nachbarschaft würde weggeschwemmt werden.» Es sei nicht einfach, mit «verrückten» Nachbarn zu leben. Die Verbündeten würden sich langsam zurückziehen, ihre Diplomaten und Bürger würden alle das Land verlassen, erzählt Dmytro. «Das macht mir Angst, denn es zeigt, dass wir im Falle eines Krieges allein kämpfen müssen.» Doch der junge Ukrainer könne sie verstehen. Er sei trotzdem zutiefst dankbar für die Unterstützung.

Dmytro hat eine kleine Karte gedoodelt, wie er sich den Einmarsch der Russen vorstellt. Eine Zerstörung des Damms wäre verheerend.

© Google Maps / zVg

Auf die Frage, wie es sich in so einer Krisensituation lebt, zeigt sich Dmytro sorgenfreier, als man vermuten würde. «Trotz aller Sorgen scheint niemand in Panik zu geraten oder gar mit anderen über den Krieg zu sprechen.» Man werde an öffentlichen Plätzen und in Schulen darüber informiert. Es gebe viele Plakate über das Verhalten in Kriegszeiten.

Die Leute machten oft Witze über den Konflikt. Doch man bereite sich auf das Schlimmste vor. Man höre meistens Sätze wie: «Ich habe eine Menge Fleischkonserven und Benzin gekauft, weil ich eines Tages campen gehen möchte.» Dmytro relativiert: «Natürlich haben sie das nicht zum Zelten gekauft.» Kommt jetzt also das grosse Hamstern in der Ukraine? Nein, verspricht Dmytro. Die Regale in den Geschäften seien voll, es gebe keine Leute, die Toilettenpapier oder Lebensmittel hamstern. «Das Einzige, was jetzt schwieriger zu kaufen ist, ist Munition, und das ist ziemlich motivierend.»

Dmytro glaubt, dass bald alles vorbei sein wird. So würden die meisten in der Ukraine denken. Aber was, wenn der Krieg trotzdem kommt? «Ich kann nicht zur Armee gehen, aber das hält mich nicht davon ab, für meine Freiheit zu kämpfen.» Für ihn gebe es zwei Optionen: Entweder kämpfen oder fliehen.

Was könne man tun, um zu deeskalieren? Man müsste den Forderungen Russlands nachgeben. Das werde aber nicht funktionieren. Dmytro: «Russlands Garantien sind das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind. Das Budapester Memorandum ist ein gutes Beispiel dafür.» Dieses Memorandum garantiert, dass Russland die ukrainische Unabhängigkeit, Souveränität sowie die bestehenden Grenzen achten wird. Doch mit der Annexion der Krim wurde bereits dagegen verstossen.

Es gebe Gerüchte, dass Russland am Mittwoch die Ukraine angreifen wolle, so Dmytro. «Nun, am Dienstag herrschte keine Vorkriegsstimmung. Es fühlt sich an wie jeder andere sonnige Wintertag», sagte er am Dienstag. Er beendet unser Gespräch mit den Worten: «Wir werden aber kämpfen, wenn wir es müssen.»

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 16. Februar 2022 08:23
aktualisiert: 16. Februar 2022 08:23