London

Vom Obdachlosen zum Modezar – mit St.Galler Hilfe

Sandro Zulian, 16. Februar 2020, 11:07 Uhr
Der ehemalige Obdachlose Andy Palfreyman aus London hat ein bewegtes halbes Jahrhundert hinter sich. Unter anderem dank einer St.Gallerin feierte der 55-jährige Künstler am Wochenende ein weiteres Highlight in seinem neuen Leben.

In Grossbritannien leben schätzungsweise 320'000 Obdachlose – das entspricht fast der Einwohnerzahl von Zürich. Einer von ihnen war Andy Palfreyman. Der Nordengländer kehrte mit 19 Jahren seinem Elternhaus den Rücken und kehrte nie mehr zurück.

Er wurde angezündet und bepinkelt

Über 30 Jahre lebte der heute 55-Jährige auf der Strasse. Die Geschichten, die Palfreyman auf Lager hat, sind haarsträubend. In der britischen Tageszeitung «The Guardian» schildert er, wie sein Schlafsack angezündet und er regelmässig von Betrunkenen angepinkelt wurde. «Die fanden das wohl lustig», sagt er traurig. Man gewöhne sich an die Obdachlosigkeit, irgendwann gehöre sie einfach dazu.

Grosses Glück im Unglück hatte Palfreyman, dass er während seiner Obdachlosigkeit nie Drogen oder dem Alkohol verfallen war. Seinen Vater habe er seit seinem Ausriss von zuhause nur einmal wieder gesehen: «Irgendwie muss er mich nach Jahren in London ausfindig gemacht haben. Er lud mich auf ein Bier ein und wir redeten.» Palfreyman machte seinem Vater daraufhin aber klar, dass er nicht zurückkommen würde.

Die Schweizer Kirche als Sprungbrett

Nach drei Jahrzehnten dann endlich die Wende. Palfreyman irrte planlos durch Londons Innenstadt und fand sich wie durch Zufall vor einem speziellen Gebäude wieder. «Ich wusste erstens gar nicht, dass das eine Kirche ist und zweitens sicherlich nicht, dass es sich um eine Schweizer Kirche handelte.»

Neugierde und Kälte bringen den Obdachlosen dazu, die Kirche zu betreten, sich aufzuwärmen und den kostenlosen Kaffee zu geniessen. Es wundert wenig, dass Palfreyman fortan immer wieder zurückkehrte, um sich in der Schweizer Kirche zu wärmen. Und genau hier sollte sich sein Leben für immer verändern.

Eine St.Gallerin hilft ihm auf die Beine

Carla Maurer leitet seit einigen Jahren die Schweizer Kirche in London. Die St.Gallerin war eine der ersten Ansprechpersonen Palfreymans. «Ich würde nicht sagen, dass ich ihn von der Strasse geholt habe. Ich habe ein wenig Hilfestellung geleistet und er hat die Chance gepackt», sagt Maurer gegenüber FM1Today. Palfreyman hält dagegen und ist sich sicher: «Ohne Carla hätte sich mein Leben nie so verändert.»

Der ehemalige Obdachlose Andy Palfreyman hat in der Schweizer Kirche in London eine neue Heimat gefunden.

© Sandro Zulian

Dank seinem spontanen Besuch in der Schweizer Kirche wird Palfreyman langsam zum Stammgast, später sogar zum Mitarbeiter. Er knüpft neue Kontakte, welche ihm wiederum neue Möglichkeiten bieten und schliesslich sogar den Weg für eine eigene Wohnung freimachen: «Während der ersten Nacht im eigenen Bett habe ich nur geweint», erinnert sich der 55-Jährige. Noch heute arbeitet Palfreyman teilzeit in der Schweizer Kirche.

Modeschau einmal anders

Nun steht Palfreyman – einmal mehr dank Carla Maurer und der Schweizer Kirche – im Rampenlicht. Im Rahmen der London Fashion Week hat er mithilfe von verschiedenen Freiwilligen und Freunden eine Modeschau auf die Beine gestellt, mithilfe derer er die Bevölkerung für das Thema Obdachlosigkeit sensibilisieren will. Die Show fand am Samstag – wo auch sonst – in der Schweizer Kirche statt.

Wer sich dabei nun aber eine klassische Show mit Mode-Models vorstellt, irrt. Für die Show hat Palfreyman und seine langjährige Begleiterin Rebecca Smith auf so viel Vielfalt wie möglich Wert gelegt. So tänzeln alte Männer neben jungen Frauen über den Catwalk, korpulente Frauen neben einarmigen Männern und 50-jährige Damen präsentieren Bademode.

Genau so vielfältig, wie es auch die vielen Obdachlosen in der britischen Hauptstadt sind. Die Mode, mit denen die Models eingekleidet wurden, kam ausschliesslich aus Wohltätigkeits-Shops aus ganz London und die zahlreichen Besucher konnten die Outfits sogar kaufen, damit sie an Bedürftige weitergegeben werden können.

Zum Schluss eine grosse Bitte und ein paar Tränen

Und mittendrin einmal mehr: Andy Palfreyman. Bei seiner Ansprache nach der Modeschau übermannen ihn seine Gefühle. «Ich bitte euch: Wenn ihr auf der Strasse eine obdachlose Person sieht, sagt einfach Hallo.» Für viele Leute auf der Strasse seien oft nicht nur Hunger, Kälte oder Krankheit das Problem, sondern die Tatsache, dass sie von der Bevölkerung nicht wahrgenommen, nicht «gesehen» werden. Am Schluss seiner Ansprache versagt seine Stimme, die Tränen kommen: «Ich war über 30 Jahre lang auf der Strasse, helft bitte mit, dass das in Zukunft niemand mehr durchmachen muss.»

Endlich wird Andy Palfreyman von allen gesehen.

Sandro Zulian
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 16. Februar 2020 14:40
aktualisiert: 16. Februar 2020 14:40
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