Russland-Experte Ulrich Schmid

«Warnung vor 3. Weltkrieg ist Ausdruck russischer Hilflosigkeit»

27. April 2022, 05:35 Uhr
Gut zwei Monate sind seit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine vergangen. Russland-Experte Ulrich Schmid schätzt im Interview die aktuelle Lage ein – und beurteilt unter anderem, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines dritten Weltkriegs tatsächlich ist.

Quelle: FM1Today/Nico Conzett/Tim Allenspach

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Ulrich Schmid, jüngst mehren sich die Berichte über verstärkte russische Angriffe im Osten der Ukraine. Ist die Ukraine militärisch überhaupt in der Lage, die ostukrainischen Provinzen Donezk und Luhansk langfristig zu halten?

Die Aussichten sind düster. Ich glaube aber, die Ukraine kann nicht verlieren und Russland nicht gewinnen. Die russische Armee ist zahlen- und ausrüstungsmässig zwar überlegen. Auf der anderen Seite erhält die Ukraine aber viel westliche Militärhilfe. Gerade die Panzerabwehrraketen haben sich als sehr effizient erwiesen. Und man muss auch beachten, dass die Kampfmoral der ukrainischen Armee jener der Russen haushoch überlegen ist.

Zumindest die ukrainische Regierung gibt sich nach wie vor siegessicher. Wie sehen die Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Ländern aktuell tatsächlich aus?

Ich glaube, beide Seiten müssen jetzt aufpassen, dass sie nicht allzu unrealistische Erwartungen wecken. Die russische Armee ist etwa vier- bis fünfmal stärker, aber beide Länder haben sehr viel in die Modernisierung ihres Militärs investiert. Daher denke ich, selbst wenn Russland kurzfristig einen Sieg erringen würde, hätten sie ein Problem, die eroberten Gebiete zu halten und zu kontrollieren. Russland müsste sich wohl auf einen langen Partisanenkampf einstellen.

Russland hat kürzlich erstmals konkrete Ziele für den Krieg genannt: Putin will den Osten und Süden erobern und damit einen direkten Landzugang zur Halbinsel Krim schaffen. Ist das kein Widerspruch zum Beginn des Kriegs, als er von Entnazifizierung und Befreiung der ganzen Ukraine gesprochen hatte?

Das ist natürlich bis zu einem gewissen Grad ein Widerspruch. Was wir jetzt sehen, ist, dass Moskau zurückrudert von den maximalen anfänglichen Erwartungen. Russland hat geglaubt, man könne den ukrainischen Präsidenten Selenskyj schnell vertreiben und eine russlandfreundliche Regierung in Kiew installieren. Das hat sich als Illusion erwiesen. Und jetzt muss man natürlich im Hinblick auf die Siegesfeiern am 9. Mai in Russland ein einigermassen realistisches Kriegsziel definieren – und das ist die Eroberung von Donezk, Luhansk und dem Landkorridor entlang der Küste des Schwarzen Meeres.

(Anmerkung der Redaktion: Am 9. Mai wird in Russland der «Tag des Sieges», der Triumph der Roten Armee im zweiten Weltkrieg über Deutschland, gefeiert. Dies ist der wichtigste Feiertag in Russland.)

Ein realistisches Teilziel bis 9. Mai also – was denken Sie, worum geht es Putin denn insgesamt noch alles? 

Putin hat sich zum Gefangenen einer Situation gemacht, die er selbst geschaffen hat. Ursprünglich wollte er die historische Einheit von Russland, der Ukraine und Weissrussland herstellen. Das hat sich als unrealistisch herausgestellt. Im Moment geht es ihm deshalb darum, das Gesicht zu wahren.

Aber Putin will natürlich als Retter der Ukraine und als Vereiniger der russischen Länder in die Geschichte eingehen. Es ist für ihn eine ziemlich schwierige Situation im Moment.

Der russische Aussenminister Sergej Lawrow hat kürzlich vor einer weiteren Eskalation des Krieges gewarnt, vor einem dritten Weltkrieg und dem Einsatz von Atomwaffen. Auch in der Schweiz sorgen solche Ankündigungen für Verunsicherung. Wie ernst muss man diese Aussagen nehmen?

Russland hat in den letzten Jahren immer wieder ins Spiel gebracht, dass es eine Atommacht ist – bis zu einem gewissen Grad hat das auch gewirkt beim Westen. Die Nato und die USA haben von Anfang gesagt, dass es zu keiner direkten Konfrontation zwischen dem Westen und Russland kommen wird, gerade wegen der Eskalationsgefahr und einem möglichen Atomkrieg.

Ich hoffe sehr, dass sich Russland auch weiterhin an diese rote Linie halten wird. Die Warnung von Lawrow bezüglich eines dritten Weltkriegs ist auch Ausdruck einer gewissen Hilfslosigkeit, weil immer mehr westliche, effiziente Waffen an die Ukraine geliefert werden.

Also halten Sie insgesamt eine weitere Eskalation, einen Atomkrieg, nicht für realistisch?

Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass es in dieser schwierigen Situation, in welcher sich Russland befindet, zu einer weiteren Eskalation kommen kann. Ich denke, dass es bei der Warnung vor einem dritten Weltkrieg oder auch beim Hinweis auf einen möglichen Einsatz taktischer Atomwaffen mehr um rhetorische Kriegsführung geht. Denn es hat natürlich eine Signalwirkung auf den Westen.

Lawrow wirft der Nato auch vor, mit den Waffenlieferungen an die Ukraine einen Stellvertreterkrieg zu führen. Das klingt hingegen plausibel.

Es ist schon so, dass es viele Waffenlieferungen aus Nato-Staaten an die Ukraine gibt. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es auch einen Beistandspakt zwischen der Nato und der Ukraine gibt. Im Prinzip kommt die Nato damit ihren vertraglichen Verpflichtungen nach.

Und auf der anderen Seite ist das natürlich einfach die russische Perspektive: Schon immer wurde gesagt, dass die Nato die Ukraine quasi hochrüste und dass es die Aufgabe von Russland sei, die eigene Sicherheit zu schützen, indem man dem entgegentrete.

Der Krieg ist seit Beginn schnell brutaler geworden, wie beispielsweise die mittlerweile zahlreichen Berichte über Kriegsverbrechen zeigen. Überrascht sie diese Entwicklung? Oder ist das einfach die russische Art, Krieg zu führen?

Die Brutalisierung der Kriegsführung war von Moskau sicherlich nicht beabsichtigt. Am Anfang ging man davon aus, dass es einen kurzen und «sauberen» Krieg gibt, dass sich die Ukraine schnell ergibt und man einen leichten Sieg davontragen kann. Und jetzt haben die Russen realisiert, dass sich die Ukrainer bis aufs Äusserste wehren.

Glaubhafte Schätzungen gehen mittlerweile von einer fünfstelligen Zahl an russischen Kriegsopfern unter den Soldaten aus. Das führt natürlich auch zu einer gewissen Verhärtung innerhalb der russischen Truppen. Ich denke, das ist eine Entwicklung, die sich in vielen Kriegen beobachten lässt: Der Krieg wird geplant als etwas Kurzes, Sauberes – und wird dann sehr, sehr schnell grausam, blutig und dreckig.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 27. April 2022 05:35
aktualisiert: 27. April 2022 05:35