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Weshalb die Amerikaner weiterballern

Marco Latzer, 3. Oktober 2015, 19:05 Uhr
Ein neuerlicher Amoklauf in Oregon heizt in den USA die Waffendebatte aufs Neue an. Präsident Obama fordert – wie praktisch nach jedem Drama mit Schusswaffen – schärfere Kontrollen. Ganz so simpel ist die Sache allerdings nicht.
Grosse Trauer in Roseburg, Oregon / Getty

Speziell in Europa besteht seit langem ein in vielen Hinterköpfen fest verankertes USA-Bild: das des bis an die Zähne bewaffneten Amis. Und mit jeder Meldung wie dem Amoklauf in Roseburg, Oregon, mit neun Toten manifestiert sich dieser Eindruck weiter in den Gedächtnissen. Tatsächlich prägen solche tragische Ereignisse immer wieder die globalen Schlagzeilen. Prominente Beispiele sind der «Batman-Killer» in Aurora, der Hook-Amolauf in Newton oder das Mörder-Duo aus Columbine.

Sheriff unter Beschuss

Für viele Beobachter dieser Ereignisse ist klar: Die USA haben ein akutes Waffenproblem. Und als Hauptschuldiger für Versäumnisse im US-Waffenrecht muss jeweils die National Rifle Association (NRA) ihren Kopf hinhalten - als wöchentlich grüssendes Murmeltier, wenn man so will. Im Fall von Roseburg wird im Nachgang allerdings auch der zuständige County-Sheriff John Hanlin kritisiert – er hatte sich in einem Brief an Vize-Präsident Joe Biden gewandt und geschrieben: «Waffenkontrollen sind nicht die Lösung, um abscheuliche Verbrechen, wie beispielsweise Schul-Schiessereien, zu verhindern.»

In Anbetracht der Tatsache, dass es in den USA fast wöchentlich zu Schiessereien an Schulen kommt und die Vereinigten Staaten jährlich tausende Toten durch Waffeneinsatz zu verzeichnen haben,  mögen diese Worte für die Opfer wie Hohn klingen. Im Grundsatz trifft die Aussage des Sheriffs aber den Kern der Sache: Für einen freiheitsliebenden Ami, welcher zumeist in den ländlich geprägten Bundesstaaten anzutreffen ist, kommt ein Verzicht auf seine Schiesseisen nämlich nicht in die Tüte.

Waffenbesitz kann legitim sein

Und das hat durchaus seine Gründe: Ein Recht auf Waffenbesitz ist seit jeher in der Verfassung festgeschrieben; genauso wie ein Recht auf Selbstverteidigung des eigenen Grundstücks. Gerade im Nordwesten des Landes, wo auch Roseburg liegt, leben viele Menschen im wahrsten Sinne ab vom Schuss. Bis ins nächste Kaff – und sei es noch so klein – dauert die Fahrzeit schnell mal eine halbe Stunde oder länger. Sprich: Die Bewohner von einsamen Staaten wie Oregon, Idaho oder Montana sind auf sich alleine gestellt, wenn sich jemand am eigenen Hab und Gut zu schaffen macht. Die Polizei kann in vielen Fällen daher gar nicht zur Hilfe eilen – geschweige denn überhaupt alarmiert werden. Längst nicht jedes Landhäuschen verfügt über einen Telefonanschluss. Von der Netzabdeckung für Handys in der Pampa ganz zu schweigen.

Der Griff zur eigenen Schrotflinte ist für viele Landmenschen daher ein absolut legitimes Mittel. Zumal auch die Natur Gefahren birgt, die man hierzulande nur aus Abenteuer-Filmen kennt. Freilebende Bären auf Nahrungssuche und etliche weitere Raubtiere sind im wilden Westen weit verbreitet.

In der Gegend um Roseburg leben viele Menschen, die sagen: „Meine Waffen abgeben?! Nur über meine Leiche!“ Und das in einem verhältnismässig liberalen Staat wie Oregon. In Anbetracht der Einsamkeit der Prärie vermag die Liebe zu Knarren niemand zu überraschen. Und doch stecken die USA mit all ihren blutigen Zwischenfällen in einem Dilemma: Die Herausforderung, die Verbreitung von Schusswaffen zu reduzieren, Durchgeknallten den Zugang zu verweigern, Amokläufe zu verhindern und es gleichzeitig der Landbevölkerung irgendwie recht zu machen, die nicht im Ansatz daran denkt, ihre Waffen abzugeben. Als Präzisierung: Wir sprechen von etlichen Millionen Menschen, die irgendwo zwischen Ost- und Westküste in ihrer eigenen Welt leben.

Marco Latzer
Quelle: mla
veröffentlicht: 3. Oktober 2015 17:07
aktualisiert: 3. Oktober 2015 19:05