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Baldwin-Unfall

Wie kann so etwas passieren? Schweizer Experten klären auf

Sandro Zulian, Chantal Gisler, Tobias Karlen, 22. Oktober 2021, 18:44 Uhr
Hollywood ist nach dem Unfall mit Alec Baldwin schockiert. Eine Kamerafrau starb, als der Schauspieler eine Schreckschusswaffe abfeuerte. Drei Experten erklären, wie und wozu Schreckschusswaffen an Filmsets verwendet werden und was dabei schiefgehen kann. Alec Baldwin meldet sich derweil via Twitter zu Wort.
Unfall beim Western-Dreh: Schauspieler Alec Baldwin traf mit einer Schreckschusswaffe versehentlich eine Kamerafrau.
© PilatusToday

US-Schauspieler Alec Baldwin hat bei einem Filmdreh mit einer Requisitenwaffe geschossen und dabei zwei Menschen getroffen (wir berichteten). Die Kamerafrau starb später im Spital, der Regisseur wurde verletzt. Bilder auf Instagram und Twitter zeigen Alec Baldwin sichtlich geschockt nach dem Unfall.

Für viele stellt sich nun die Frage: Wieso kommen solche Waffen überhaupt bei Dreharbeiten zum Einsatz? Filmfachmann Philipp Portmann von Portmann Media erklärt: «Die Schreckschusspistolen sind sehr authentisch. Sie liegen wie eine echte Waffe in der Hand, sehen echt aus und sind gleich schwer, wie normale Waffen. Die Schauspieler verhalten sich während dem Dreh, als würden sie eine echte Waffe halten.»

Der Umgang mit Waffen ist für viele Schauspieler gewissermassen Alltag. «Alec Baldwin hat schon in vielen Filmen gespielt, in denen massiv herumgeschossen wurde, beispielsweise ‹The Departed› oder ‹Mission Impossible›», erklärt Portmann. «Dafür werden die Schauspieler auch trainiert, das ist nichts Aussergewöhnliches.»

Die Schreckschusspistolen vereinfachen die Post-Production. «Bei der Schreckschusswaffe sieht man eine kleine Explosion wie bei einer echten Waffe, die abgefeuert wird. In der Nachbearbeitung ist das eine grosse Hilfe, weil man die Explosion der Patrone schon auf Video hat und sie nicht nachträglich einfügen muss. Gleichzeitig bewegt sich der Schauspieler richtig und reagiert auf den Schuss, es wirkt authentischer.»

So läuft es normalerweise mit Waffen am Set

Echte Waffen werden für den Film präpariert – es sind sogenannte Probs oder Requisitenwaffen. «Sie sind auch als solche markiert und es gibt bestimmte Personen, die dafür zuständig sind: ein Waffenexperte, ein Sicherheitsexperte sowie ein Stunt-Coordinator», erklärt Portmann.

Marcel Stucki ist Stunt-Coordinator aus Zollikofen, der aktuell in dieser Funktion am Film «Mad Heidi» mitarbeitet. Er erklärt, wie der Umgang mit Waffen am Set aussieht: «Meistens ist eine Person pro Filmwaffe verantwortlich.» Er führt aus: «Das heisst: Jemand übergibt dem Schauspieler die Waffe für die Szene. Und sobald die Szene gedreht ist, nimmt sie die Person zurück und bereitet sie für die nächste Szene vor.»

Am Set gibt es bestimmte Regeln. «Es darf niemand direkt vor einer Waffe stehen, die abgefeuert wird. Und die Crew muss einen bestimmten Abstand zur Waffe halten.» Denn selbst Platzpatronen können gefährlich sein.

Mehrere Vorfälle in der Vergangenheit – auch in der Schweiz

1984 kam es durch eine Schreckschusspistole zu einem tragischen Unfall: In der Fernsehserie «Mode, Models und Intrigen» (Cover Up) hielt sich der Schauspieler Jon-Erik Hexom die Waffe an die Schläfe. Dabei löste sich ein Schuss, er wurde mit einer fatalen Hirnblutung ins Krankenhaus eingeliefert und später für hirntot erklärt.

Der wohl bekannteste Unfall geschah 1993. Damals wurde Brandon Lee, der Sohn von Kampfsport-Legende Bruce Lee, beim Filmdreh von «The Crow» von einem Projektil getroffen, das wohl in der Waffe feststeckte. Er wurde in den Bauch getroffen und starb. Nach der Baldwin-Tragödie äussert sich die Familie von Brandon Lee auf Twitter:

Auch in der Schweiz gab es einen Zwischenfall mit Waffen an einem Film-Set: Im Januar 2020 wurde in der Boomerang Bar in Rapperswil-Jona ein Film gedreht. Dort kam es zur Schussabgabe durch eine Schreckschusswaffe. Dabei wurden drei Statisten verletzt und mussten ins Spital gebracht werden. Der Vorfall wurde von der Kantonspolizei St. Gallen untersucht.

Platzpatronen werden unterschätzt

Aber wie kann man jemanden mit einer Schreckschusswaffe tödlich verletzen? Florian Schneider, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen, erklärt: «Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie man durch Schreckschusswaffen verletzt werden kann. Etwa wenn die Patrone fehlerhaft ist oder sich Rückstände Lauf verfangen und die Teile dann rausfliegen.» Dazu kommt der Gasdruck, den die Waffe aufbaut. «Wenn man die Waffe nahe an den Körper hält, kann der Gasdruck zu Verletzungen führen.»

Warum und wie genau es zum Unfall in den USA kam, ist noch nicht geklärt – gemäss dem Filmportal «IndieWire» war in Baldwins Waffe eine echte Patrone geladen. Das habe die Gewerkschaft IATSE Local 44, welche für die Requisiteure (die Spezialisten, die beispielsweise die Waffen für den Dreh vorbereiten) zuständig ist, am Freitag in einem Mail an ihre Mitglieder geschrieben, so eine Meldung auf dem Portal. Die genauen Hintergründe werden derzeit von der Polizei New Mexicos ermittelt.

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Quelle: CH Media Video Unit / Melissa Schumacher

Alec Baldwin meldete sich derweil erstmals seit dem tragischen Unglück zu Wort. «Mein Herz ist gebrochen», schrieb der Schauspieler auf Twitter. Er sei in Kontakt mit dem Ehemann der verstorbenen Halyna Hutchins. Es gebe keine Worte, um den Schock und die Traurigkeit zu beschreiben, welche der tragische Unfall in ihm ausgelöst habe. Weiter schrieb der Schauspieler, dass er mit der Polizei kooperieren werde, um die genauen Umstände des Unfalls aufzuklären.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 22. Oktober 2021 17:06
aktualisiert: 22. Oktober 2021 18:44