Wissenschaft

Zimmerpflanzen kein Wundermittel für sauberere Luft

8. November 2019, 14:36 Uhr
Luftaustausch in Zimmern senkt die Konzentration flüchtiger organischer Verbindungen wesentlich schneller als Pflanzen.
Luftaustausch in Zimmern senkt die Konzentration flüchtiger organischer Verbindungen wesentlich schneller als Pflanzen.
© KEYSTONE/ENNIO LEANZA
Pflanzen in der Wohnung sehen nicht nur gut aus, sondern sind auch wichtig für ein gesundes Raumklima - so zumindest eine oft verbreitete Ansicht. Tatsächlich scheinen die Fähigkeiten von Efeu, Drachenbaum und Co. zur Luftreinigung geringer zu sein, als angenommen.

Das ist zumindest das Ergebnis einer US-Studie über flüchtige organische Verbindungen in Wohnungen. Wesentlich effektiver sei es, wenn man regelmässig lüfte, so das Fazit der Forscher im "Journal of Exposure Science and Environmental Epidemiology".

"Pflanzen sind grossartig, aber sie reinigen die Raumluft nicht schnell genug, um einen Effekt auf die Luftqualität ihres Zuhauses oder ihres Büros zu haben", erläutert Michael Waring vom Drexel University College of Engineering in Philadelphia.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Bryan Cummings überprüfte er ein Dutzend Untersuchungen aus 30 Jahren und stellte fest, dass der Luftaustausch in Zimmern - ob natürlich oder durch Belüftungssysteme erzeugt - die Konzentration flüchtiger organischer Verbindungen (VOC, Volatile Organic Compounds) viel schneller senkt, als es Pflanzen können.

Pflanzen selbst sondern auch VOC ab, was sich für die meisten Menschen beispielsweise bei einem Waldspaziergang wohltuend auswirkt. Daneben gibt es aber auch VOC in Form von Lösemitteln und anderen synthetisch hergestellten Stoffen, die ab einer bestimmten Konzentration schädlich wirken können. Bei letzteren wurde bislang davon ausgegangen, dass Zimmerpflanzen diese effektiv aus der Luft filtern könnten - eine Annahme, die nun widerlegt scheint.

Irrglaube hat Ursprung bei Nasa-Experiment

Für Waring und Cummings hat der weit verbreitete Irrglaube seinen Ursprung in einem berühmt gewordenen Experiment der Nasa. Die US-Raumfahrtbehörde experimentierte 1989 mit Pflanzen, um die Luft in Raumschiffen zu verbessern, und erklärte danach, dass diese im Räumen krebserregende Chemikalien aus der Luft entfernen. Das Problem bei solchen Experimenten sei jedoch, so Waring, dass sie in einer geschlossenen Kammer in einem Labor durchgeführt worden seien - also einer Umgebung, die wenig mit einer Wohnung oder einem Büro gemein habe.

Um die realen Effekte von Zimmerpflanzen auf die Luftqualität zu überprüfen, wandten Waring und Cummings nun die Clean Air Delivery Rate (CADR) an. Dieser Bewertungsstandard misst die Effizienz von Luftreinigern. Dabei wird die Raumgrösse und das Volumen der pro Minute produzierten Reinluft berücksichtigt und die Entfernung von wichtigen Schadstoffen aus der Raumluft bewertet.

Für fast alle untersuchten Studien konnten Waring und Cummings diesen CADR-Wert berechnen. Die beiden stellten dabei fest, dass die Rate, mit der Pflanzen den Anteil flüchtiger organischer Verbindungen reduzieren, erheblich geringer war als die beim Luftaustausch in Gebäuden. Der Gesamteffekt von Pflanzen auf die Raumluftqualität spielte also kaum eine Rolle.

Nach Berechnungen von Waring und Cummings wären zwischen 10 und 1000 Pflanzen pro Quadratmeter Nutzfläche erforderlich, damit diese mit dem Lüftungssystems eines Gebäudes oder sogar nur mit ein paar offenen Fenstern in einem Haus konkurrieren können.

Dennoch plädieren die Autoren der Studie nun nicht dafür, auf Topfpflanzen etwa in Büros zu verzichten. Sie würden sich positiv auf das Wohlbefinden der Menschen auswirken. Zudem setzten Pflanzen mit der Photosynthese Sauerstoff frei und nähmen Kohlendioxid auf, was positiv für die Luftqualität sei.

Quelle: sda
veröffentlicht: 8. November 2019 13:45
aktualisiert: 8. November 2019 14:36