«Wer Leben rettet, ist kein Verbrecher»

Demonstranten vor dem italienischen Konsulat in München fordern die Freilassung der deutschen Kapitänin.
Demonstranten vor dem italienischen Konsulat in München fordern die Freilassung der deutschen Kapitänin. © EPA/Lukas Barth-Tuttas
Die deutschte Kapitänin Carola Rackete wird am Montagnachmittag in Sizilien verhört. Politiker und Promis fordern die Freilassung der 31-Jährigen, die am Samstagmorgen verhaftet wurde, weil sie für die Hilfsorganisation «Sea Watch» ohne Bewilligung Migranten an den Hafen von Lampedusa brachte.

Unter den Promis sind die beiden Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf. Die beiden deutschen Moderatoren haben am Samstag eine gemeinsame Spendenaktion gestartet. Innerhalb weniger Stunden hatten sie bereits über 100’000 Euro zusammen. Aktuell (Stand Montag, 13.45 Uhr) liegt der gesammelte Betrag bei über 775’000 Euro. «Wer Menschenleben rettet, ist kein Verbrecher», heisst es in der Sammelaktion. Aktionen, die Leben anderer retten, sollen niemals bestraft werden dürfen. «Wie die meisten von euch, können wir nicht persönlich vor Ort im Mittelmeer helfen. Deshalb unterstützen wir die inhaftierte Kapitänin, die Crew der ‹Sea Watch 3› und die private Seenotrettung im Mittelmeer mit dem, was wir in Deutschland am allermeisten haben: mit Geld.»

Thurgauerin sammelt Geld

Nicht nur auf den Aufruf von Böhmermann und Heufer-Umlauf haben viele ihre Kreditkarten gezückt, auch bei der Hilfsorganisation Sea Watch sind Spenden eingegangen. Eine Sammelaktion in Italien brachte über 400’000 Euro ein. Auch im FM1-Land wird gesammelt, eine Thurgauerin sucht über Facebook nach Unterstützung für die Hilfsorganisation Sea Watch. Innerhalb von 48 Stunden hat Cristina Roduner deutlich über 1000 Franken gesammelt.

Das Geld auf dem Sea-Watch-Konto sei einerseits für die Gerichtskosten von Rackete, erklärte Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer in der deutschen Tagesschau, andererseits brauche die Sea Watch ein neues Schiff, sollte die «Sea Watch 3» beschlagnahmt bleiben. Für das unerlaubte Einfahren in Häfen sei eine Strafe von bis zu 50’000 Euro vorgesehen.

Rackete darf nur mit Anwälten sprechen

Auf politischer Ebene drängen etliche Politiker in Deutschland auf die Freilassung der 31-jährigen Kapitänin. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil beispielsweise sieht die anderen EU-Staaten in der Pflicht, Druck auf Italiens Regierung auszuüben: «Wenn mitten in Europa eine junge Frau verhaftet wird, weil sie Ertrinkende rettet, läuft gehörig etwas schief», wird er in deutschen Zeitungen zitiert.

Carloa Rackete wird seit Samstag in Italien festgehalten. (Bild: ANSA/Matteo Guidelli via AP)

Carola Rackete wird seit Samstag in Italien festgehalten. (Bild: ANSA/Matteo Guidelli via AP)

Carola Rackete war am Samstagmorgen in Lampedusa festgenommen worden, weil sie ein Schiff mit 40 Migranten an Bord ohne Einfahrgenehmigung in den Hafen steuerte. Entgegen eines expliziten Verbots sei sie in den Hafen der italienischen Insel eingedrungen und habe auf dem Weg ein italienisches Patrouillenboot und dessen Besatzung gefährdet, heisst es von den italienischen Behörden. Nur knapp wurde ein Zusammenstoss des Rettungsschiffs mit einem Patrouillenboot vermieden. Sie habe den Hafen angesteuert, weil sie befürchtete, Migranten an Bord könnten ins Meer springen, sagte Rackete. Die Migranten hatten zuvor mehr als zwei Wochen auf einem Schiff ausharren müssen, weil sie weder von Italien noch von Malta oder Frankreich eine Anlege-Erlaubnis erhielten. Auch ein Aufruf an die anderen EU-Staaten, sich dafür einzusetzen, dass die Migranten an Land gehen können, wurde nicht erhört.

Schiffe von zwei NGO nach Libyen unterwegs

Der italienische Innenminister Matteo Salvini äusserte seine Hoffnung, dass die Kapitänin in Untersuchungshaft kommen könnte. Rackete habe die italienischen Gesetze verletzt und gehöre hinter Gitter, sagte Salvini nach Medienangaben. Carola Rackete könnte aufgrund des Vorfalls eine Strafe zwischen drei und zehn Jahren Haft erhalten.

Der Innenminister drohte Nichtregierungsorganisationen (NGO) mit einer hohen Geldstrafe, der Konfiszierung der Schiffe und der Festnahme der Crew, sollten sie unerlaubt italienische Gewässer erreichen. Die Schiffe von zwei NGO sind im Mittelmeer in Richtung Libyen unterwegs. Dabei handelt es sich um die «Open Arms» der spanischen NGO «Proactiva Open Arms» und um die «Alan Kurdi» der deutschen Hilfsorganisation Sea Eye.

In der sizilianischen Stadt Agrigent wird Carola Rackete am Montagnachmittag von den ermittelnden Staatsanwälten vernommen. Die 31-Jährige sei bereit, alle Fragen zu beantworten, sagen ihre Rechtsanwälte.

(abl/sda)


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