Bauernverband: Landwirte sitzen wie auf Nadeln

26. April 2019, 15:37 Uhr
Ein Teil eines im letzten Jahr vertrockneten Kartoffelfeldes: Für die in den letzten zwei Wochen gepflanzten Kartoffeln ist der Regen nun existenziell. (Archivbild)
Ein Teil eines im letzten Jahr vertrockneten Kartoffelfeldes: Für die in den letzten zwei Wochen gepflanzten Kartoffeln ist der Regen nun existenziell. (Archivbild)
© KEYSTONE/GAETAN BALLY
In der Schweiz herrscht im Gegensatz zu Deutschland wegen der Trockenheit noch keine Alarmstimmung. Die Bauern sitzen aber wie auf Nadeln, sagt Bauernverbands-Sprecherin Sandra Helfenstein. Immer mehr Bauern versichern sich gegen Ernteausfälle wegen Trockenheit.

«Erste gestern haben wir die Wasserbilanz angeschaut: Im Vergleich mit den letzten vier Jahren war es noch nie so trocken wie jetzt», schildert Helfenstein die aktuelle Situation. «Im Moment ist die Lage sicher nicht dramatisch. Aber die Bauern sitzen wie auf Nadeln», sagt sie.

Bis jetzt habe es für die Kulturen gerade noch ausreichend geregnet. In den letzten beiden Wochen seien nun Zuckerrüben gesät und Kartoffeln gepflanzt worden: «Für diese Kulturen ist der Regen jetzt existenziell», sagt Helfenstein.

Vielen Landwirten machen auch noch «Altlasten» aus dem sehr trockenen Vorjahr zu schaffen. Der Grundwasserspiegel ist nach wie vor sehr tief. Und gerade Bauern, die über eigene Quellen verfügten, könnten deshalb rasch Probleme bekommen, wenn es nicht ausreichend regne.

Während die deutschen Bauern angesichts der anhaltenden Trockenheit bereits nach Brüssel schauen und die EU-Kommission Hilfe für die Landwirte erwägt, herrscht in der Schweiz kein Aktivismus auf politischer Ebene. «Die Lage ist im Moment nicht dramatisch - was nicht heisst, dass es noch anders kommen könnte», sagt Jürg Jordi, Informationschef im Bundesamt für Landwirtschaft.

Krisenszenarien würden keine ausgearbeitet. Viele Bauern hätten auch vorsorglich reagiert. So würden etwa trockenheitsresistentere Sorten angebaut oder vermehrt würden Bauern auch Ernteausfallversicherungen abschliessen. Derzeit wird im Rahmen der Agrarpolitik 2022 plus diskutiert, ob der Bund sich an der Versicherung finanziell beteiligen soll. Spruchreif ist das Projekt noch nicht.

Tatsache aber ist, dass bei der Hagel-Versicherung vermehrt Landwirte ihre Ernte gegen Ausfälle wegen Trockenheit versichern lassen. So verzeichnete Hagel Schweiz im letzten Jahr rund 1430 Policen mit einer gegen Trockenheit versicherten Fläche von 32'200 Hektaren. Für das laufende Jahr wird mit einer weiteren Zunahme gerechnet, wie Hagel Schweiz auf Anfrage weiter bekannt gab.

Die Trockenheitsdeckung in der heutigen Form wird für Ackerkulturen seit 2013 und für Grasland seit 2016 angeboten. Im Vergleich von 2015 zu letztem Jahr betrug die Zunahme bei den Policen 214 Prozent und bei der versicherten Fläche 200 Prozent.

Doch, wie entwickeln sich die Niederschlagsmengen? «Auch wenn das vergangene Jahr 2018 extrem wenig Niederschlag brachte, ist in den langen Niederschlags-Messreihen der Schweiz grundsätzlich keine Abnahme der Niederschlagsmengen zu beobachten», wie der Klimatologe Stephan Bader vom Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie (MeteoSchweiz) auf Anfrage sagte.

Einen langfristigen Trend zu mehr Niederschlag zeige der Winter auf der Alpennordseite. Für die anderen Jahreszeiten sei in allen Regionen der Schweiz keine signifikante langfristige Niederschlagsänderung feststellbar. «Die Regenarmut im Sommerhalbjahr 2018 ist also nicht Teil eines laufenden Klimatrends», sagt Bader. Das Niederschlagsregime in der Schweiz sei vielmehr seit Messbeginn sehr stabil, was die Niederschlagssummen betreffe, zeige aber hohe Jahr-zu-Jahr-Schwankungen.

Doch auch ohne Änderung des mittleren Niederschlags habe sich die verfügbare Wassermenge verringert. Die seit den 1990er Jahren markant angestiegene Sommertemperatur verstärke die Verdunstung. Entsprechend sei heute häufiger mit Sommertrockenheit zu rechnen als früher.

«Mit der erwarteten weiteren Sommererwärmung wird die Sommertrockenheit in den nächsten Jahrzehnten zunehmend akuter, auch ohne Änderung der sommerlichen Niederschlagssummen», sagt Bader. Die Sommerniederschläge würden sich in der Schweiz gemäss aktuellem Wissen erst ab dem Jahr 2060 verringern und die Sommertrockenheit zusätzlich verstärken.

Quelle: SDA
veröffentlicht: 26. April 2019 15:28
aktualisiert: 26. April 2019 15:37