Pestizide als «Verbrechen gegen Zukunft»

25. Februar 2019, 12:54 Uhr
Die Initianten reichen die Unterschriften der Initiative "Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide" ein. (Archivbild)
Die Initianten reichen die Unterschriften der Initiative "Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide" ein. (Archivbild)
© KEYSTONE/ANTHONY ANEX
Unfruchtbarkeit, genetische Veränderungen, unter Umständen sogar Krebs: Die Urheber der Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» warnen eindringlich vor Unkraut- und Schädlingsvertilgungsmitteln. Sie fordern ein totales Verbot.

Vor den Medien in Bern bezeichnete der französische Kinderarzt Charles Sultan am Montag synthetische Pestizide als «Verbrechen gegen die Zukunft». Ein grosser Teil davon verändere das menschliche Genom, beeinträchtige die Reproduktionsfähigkeit, hemme die Entwicklung des Fötus und sei potenziell krebserregend.

Pestizide sind nach Ansicht des Mediziners eine Zeitbombe, da sich die Gifte in den Böden ansammeln. Hinzu komme, dass die Wirkung einzelner Stoffe zwar untersucht werde, hingegen kaum bekannt sei, wie verschiedene Stoffe zusammenwirkten.

Im Fall von Pestiziden sei auch nicht die Dosis entscheidend, sagte Antoinette Gilson vom Vorstand des Initiativkomitees. Weil viele davon wie Hormone wirkten, sei die Dauer und der Zeitpunkt der Exposition entscheidend. Besonders problematisch ist es laut Gilson, wenn Schwangere mit Pestiziden kontaminierte Lebensmittel konsumieren, weil dadurch das Kind im Mutterleib geschädigt wird.

Die Initianten sehen in einem Verbot nicht nur Vorteile für die Gesundheit, sondern auch für die Wirtschaft. Ziel sei eine strukturelle Veränderung, sagte Joël Thiébaud. Falls die Wirtschaft die Chance ergreife, gebe es viel Raum für Innovation und wirtschaftliche Entwicklung. Das Label «Swiss Made» würde aufgewertet. Das nütze auch Export und Tourismus.

Doch vor allem die Landwirtschaft würde profitieren, ist der Weinbauer Jean-Denis Perrochet überzeugt. Ein Verbot synthetischer Pestizide werde zu einer Reaktivierung des Lebens im Boden und der Bodenfruchtbarkeit führen, sagte er. «Die Schweiz könnte zur Pionierin einer nachhaltigen Landwirtschaft werden.»

Die Initianten wissen, dass ein solcher Wandel nicht über Nacht stattfindet. Perrochet benötigte rund sechs Jahre, um seinen Weinbaubetrieb auf biodynamische Produktion umzustellen. Die Initiative sieht eine Übergangsfrist von zehn Jahren vor. Die Umstellung sei nicht eine Frage des Könnens, sondern des Wollens, sagte Perrochet.

Die Initiative fordert ein Verbot synthetischer Pestizide in der landwirtschaftlichen Produktion, in der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und in der Boden- und Landschaftspflege.

Auf der Verbotsliste stehen unter anderem der umstrittene Unkrautvertilger Glyphosat oder für Bienen gefährliche Neonicotinoide. Substanzen wie Kupfersulfat hingegen wären weiterhin erlaubt, ebenso Behandlungen im ökologischen Landbau. Auch das Düngen bliebe zulässig.

Damit Schweizer Bauern nicht benachteiligt werden, will die Initiative den Import von Lebensmitteln verbieten, die mit synthetischen Pestiziden hergestellt wurden oder die solche enthalten. Der Bundesrat warnt, dass ein Importverbot gegen WTO-Recht und Freihandelsabkommen verstossen würde.

Er lehnt die Initiative ohne Gegenvorschlag ab. Der Bundesrat sieht die schweizerische Land- und Ernährungswirtschaft in Gefahr. Die inländische Produktion und die Qualität der Lebensmittel wird seiner Meinung nach sinken. Auch die Wahlfreiheit der Konsumentinnen und Konsumenten werde eingeschränkt, warnt die Regierung. Gemäss ersten Umfragen geniesst die Initiative Unterstützung weit über ökologische Kreise hinaus.

Quelle: SDA
veröffentlicht: 25. Februar 2019 12:40
aktualisiert: 25. Februar 2019 12:54