Ukraine-Krieg

Eine Ukrainerin erzählt: «Es ist wie ein Albtraum»

Chantal Herger, 27. Februar 2022, 11:21 Uhr
Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine ist Tatsache. Wie erlebt eine Ukrainerin die in Luzern lebt diesen Konflikt? Wir haben mit Khrystyna* gesprochen.
Die Ukrainerin Khrystyna ist sehr aufgewühlt über die Ereignisse in ihrer Heimat.
© PilatusToday

Wie ist das für dich: Wie erlebst du den Krieg in der Ukraine?

Khrystyna*: Ich begreife das noch gar nicht und kann nicht glauben, dass es jetzt Realität ist. Es ist wie ein Albtraum. Zwar sage ich mir immer wieder, dass alles gut kommt, aber ich kann mich nicht beruhigen und es kommt immer wieder über mich. Ich habe grosse Angst vor der Nacht, weil ich dann nicht weiss, was alles passieren wird. Es ist auch schwierig für mich, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie das für meine Familie in der Ukraine ist. Ich habe auch Angst davor, den Kontakt zu ihnen zu verlieren. Dann weiss ich nicht mehr, wie es ihnen geht. Es ist eine immerwährende Unruhe.

Noch vor dem offiziellen Krieg war ich sehr aufgeregt. Ich habe gespürt, dass etwas passieren wird, aber ich hätte nie gedacht, dass es wirklich soweit kommt. Damals konnte ich noch schlafen, aber seit zwei Tagen, als die Russen die Ukraine bombardiert haben, kann ich mich nicht mehr beruhigen und weiss nicht mehr, wie ich damit umgehen soll.

Ich versuche hier auch an Demonstrationen zu gehen. Das hilft mir und motiviert, wenn wir zusammen sind. Das gibt Solidarität.

Wie verfolgst du die Ereignisse? Was erzählt deine Familie, erzählen deine Freunde vor Ort?

Khrystyna: Ich kontrolliere jederzeit alle Nachrichten auf offiziellen Webseiten, ich schreibe mit verschiedenen Freunden und bin in Kontakt mit meiner Familie. Es gibt sehr viele Falschinformationen derzeit. Diese Nacht habe ich die ganze Zeit die Nachrichten verfolgt, weil ich nicht schlafen konnte. Ich habe auch geschaut, ob meine Heimatregion Transkarpatien bombardiert wird.

Es ist unterschiedlich, aber die meisten Leute wollen kämpfen. Sie haben genug: Sie wollen ihr Haus nicht verlassen und irgendwo in einem anderen Land leben oder flüchten. Und sie sind bereit, für ihr Zuhause und ihr Leben zu kämpfen – zu sterben und zu töten.

Meine Familie bleibt ruhig und kontrolliert auch immer die Nachrichten, dass sie wissen, was um sie herum passiert. Viele Leute haben Angst und können nicht schlafen, weil sie jederzeit erwarten, dass etwas passiert.

Was hältst du vom Konflikt? Kannst du nachvollziehen, wie es zum Krieg kommen konnte?

Khrystyna: Putins Aggression ist sehr gross und stark und dies seit langer Zeit. Seit acht Jahren haben wir Probleme. Er hat uns schon die Krim weggenommen, jetzt noch Luhansk und Donezk. Wir haben gedacht, das wird ihm reichen. Aber er will die ganze Ukraine. Er will nicht, dass wir als eigenständiges Land Ukraine, als Volk mit unserer Kultur und unserer Sprache existieren. Das ist ein Genozid.

Bereits in der Sowjetunion haben wir stark gelitten. Sie bezeichnen uns immer als kleiner Bruder, aber das sind wir nicht. Das wollen wir nicht.

Wie schätzt du die Berichterstattung über den Krieg in den westlichen und europäischen Medien?

Khrystyna: Es gibt viel Unterstützung. Für Europa und den Westen ist das ein Schock, mit dem Krieg konfrontiert zu werden. Sie wollen davon nichts wissen und wollen das nicht erleben. Das ist verständlich. Wir sind seit acht Jahren mit dem Krieg konfrontiert. Wir kennen diese Aggression der Russen. Und deshalb wissen wir auch: Gegen eine Aggression hilft nur eine Gegen-Aggression. Es klingt schrecklich. Entweder töten die Russen uns oder wir töten die Russen. Sie sind in unser Land gekommen, sind in unsere Häuser gekommen und haben unser Leben zerstört. Wir wollten keinen Krieg.

Ich hasse Putin, den Kreml und seine Unterstützer dafür. Es gibt kein Verständnis.

Was macht dir am meisten Sorgen? Wovor fürchtest du dich?

Khrystyna: Ich habe Angst, dass die ganze Ukraine von den Russen eingenommen wird. Darüber nachzudenken, ist sehr schwierig. Auch mache ich mir darüber Sorgen, dass sie Menschen töten, auch Zivilisten.

Wir haben nur unsere Armee, die uns schützt. Und ich bin froh, um diese mutigen Menschen, die kämpfen. Aber die Russen haben mehr Leute.

Was muss deiner Meinung nach passieren, damit der Krieg beendet wird? 

Khrystyna: Im Minimum glaube ich, dass Russland vom Zahlungssystem Swift ausgeschlossen werden müsste. Und: Unser Wunsch ist, dass die NATO uns unterstützt. Wir haben nur unsere Armee, wir sind allein und die ganze Welt schaut zu, wie wir kämpfen. Ich fühle mich als Ukrainerin im Stich gelassen. Es ist traurig, weil das Geld wichtiger scheint als das Menschenleben.

Ich würde mir wünschen, dass andere Länder auch militärisch eingreifen. Dann könnte der Krieg schnell gelöst werden, anders geht es nicht.

Was hältst du von den Reaktionen der Schweiz und dem Rest der Welt?

Khrystyna: Ich weiss nicht, was Russland stoppen kann. Ich glaube nicht, dass Sanktionen etwas nützen. Trotzdem wünschte ich mir, dass über das Swift-System gar nicht diskutiert werden müsste.

Und ich wünsche mir, dass Leute die Ukraine als eigenständiges Land mit der eigenen Kultur und Sprache verstehen. Viele haben eine falsche Vorstellung von der Ukraine als ein von Russland abhängiges Land. Aber ich identifiziere mich als Ukrainerin. Es ist ein eigenes Land.

Was denkst du, wie wird es weitergehen? 

Khrystyna: Ich glaube, dass der Krieg weitergehen wird. Unsere Armee wird weiterkämpfen, aber wir werden mehr Opfer haben. Ich bete für die Armee und unterstütze, wo ich kann. Die Armee ist das einzige, was unser Haus und unser Leben schützt.

Was wünschst du dir für die Zukunft der Ukraine und Russland?

Khrystyna: Ich wünsche mir, dass Russland uns in Ruhe lässt und dass wir unabhängig bleiben können – als eigenständiges Land. Dass wir unsere Kultur und Sprache weiter entwickeln können. Aber es gibt keine Ruhe mit diesem Nachbarn.

Und ich möchte, dass auch Leute in der Schweiz an Proteste teilnehmen, dass sie ihre Stimme erheben und sagen «Wir unterstützen euch, wir sind mit euch». Das ist sehr wichtig und gibt Hoffnung – dass wir gehört werden und Solidarität erleben.

*Name der Redaktion bekannt

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 26. Februar 2022 12:40
aktualisiert: 27. Februar 2022 11:21
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