Betroffene erzählt

Deshalb braucht Zürich eine Polizeistelle nur für Sexualdelikte

Laura Dünser, 30. November 2022, 20:24 Uhr
Zwei Zürcher Gemeinderätinnen fordern eine eigene Anzeigestelle für Sexualdelikte. Gewöhnliche Polizisten seien in solchen Fällen schnell überfordert. Eine Betroffene sexueller Gewalt erzählt von ihrer persönlichen Begegnung mit der Polizei.
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«Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, das unmittelbar nach der Tat passierte», erzählt Tanja Hann. Allerdings weiss die 32-Jährige noch: sie rief die Polizei und traf sich anschliessend  in der Nähe des Tatorts mit zwei ausgerückten Polizisten. «Ich sagte bereits am Telefon: Ich glaube, ich wurde vergewaltigt». Ob und wie genau sie den Vorfall den Beamten danach schilderte, sei aber verschwommen. Trotzdem bleibt ihr die Begegnung in schlechter Erinnerung.

«Die Tat ist jetzt vorbei - dann können Sie ja nachhause gehen»

Was Tanja erlebte, wurde vor Gericht schliesslich als Schändung verurteilt. Der Unterschied zu einer Vergewaltigung ist dabei, einfach gesagt, dass Betroffene bei einer Schändung wehrunfähig sind. Das kann etwa wegen einer Narkose der Fall sein oder wenn der oder die Betroffene stark betrunken ist.

Tanja wurde an einer Party geschändet - mittlerweile vor fünf Jahren. Ein Fremder steckte ihr seinen Penis in den Mund und zwang sie zum Oralsex. Sie habe nichts dagegen unternehmen können: «Ich stand unter Schock, ich sah ihn gar nicht erst kommen und schon drängte er sich auf.»

In einer Betroffenen-Gruppe von Amnesty International kämpft Tanja Hann etwa für die Verankerung der «Nur Ja heisst Ja»-Lösung im Gesetz. Dass also alle Beteiligten vor einer sexuellen Handlung ihre Zustimmung ausdrücken müssen. 

© ZüriToday

Sie flüchtete von der Party und rief die Polizei. Die beiden ausgerückten Polizisten hätten es bestimmt gut gemeint, sagt Tanja heute. Aber doch habe sie sich damals nicht ernst genommen gefühlt. «Sie meinten einfach, die Tat sei jetzt vorbei, dann könne ich ja nachhause gehen. Das scheint mir unsensibel.» Ausserdem habe sie gar nicht gewusst, wo genau sie sich aufhielt. Die Party fand in der Stadt Zürich statt – Tanja wohnt in Winterthur.

«Die Polizei ist kein Taxiunternehmen»

«Ich hatte etwas Schlimmes erlebt, ich hatte Angst. Ich fragte deshalb, wie ich nachhause kommen soll und ob die Polizisten mich nachhause fahren könnten.» Darauf hätten die Polizisten geantwortet: «Die Polizei ist kein Taxiunternehmen.» Schlussendlich hätten die Beamten sie zum nächsten Taxistand gebracht.

«Vielleicht war ich auch einfach unsicher, weil da gerade zwei Männer vor mir standen. Das männliche Wesen war in diesem Moment ja der Feind, vor dem ich geflüchtet war.» Aber auch das Angebot psychologischer Unterstützung habe ihr in diesem Moment gefehlt.

Von der Stadtpolizei Zürich heisst es auf Anfrage, Tanja habe den Polizisten gegenüber kein Sexualdelikt erwähnt – deshalb hätten sie auch nicht weiter gehandelt. Tanja widerspricht dieser Aussage: Sie habe am Telefon klar gesagt, dass sie wohl vergewaltigt worden sei. Dass sie es den ausgerückten Polizisten gegenüber nicht erneut erwähnt habe, sei möglich.

Eine spezialisierte Stelle würde mehr Sicherheit geben

Anzeige erstattete Tanja erst am Tag nach der Tat. Nach dem ersten Erlebnis mit der Polizei habe sie das gleich noch mehr Mut gekostet. «Ich glaube, mit einer spezialisierten Anzeigestelle wäre die Hürde für Betroffene deutlich weniger hoch.» Geschultes Personal, das auf Opfer sexueller Gewalt spezialisiert sei, würde ihrer Meinung nach viel Sicherheit ausstrahlen.

Von der Stadtpolizei heisst es dazu, es gäbe bereits spezialisiertes Personal, das auf Opfer sexualisierter Gewalt sensibilisiert sind. Diese könnten zu jeder Tag- und Nachtzeit aufgeboten werden. Ausserdem würden immer wieder Schulungen und Kurse zum Thema durchgeführt.

Dieser Meinung ist auch Stephanie Beutler. Sie setzt sich gemeinsam mit Tanja in einer Betroffenen-Gruppe von Amnesty International unter anderem für die Reform des Sexualstrafrechts ein. Insbesondere bei der ersten Befragung durch die Polizei bestehe die Gefahr, dass die Sensibilität im Umgang mit der oder dem Betroffenen fehlt. «Da ist die Gefahr gross, dass das sogenannte Victim Blaming ins Spiel kommt.» Damit ist das Abwälzen der Schuld auf das Opfer gemeint – etwa mit Fragen wie: «Was hatten Sie denn an?»

Auch die 39-jährige Stephanie Beutler musste sexuelle Gewalt erleben. Sie warnt davor, dass die Schuld für eine Tat in der Gesellschaft oft auf das Opfer abgewälzt wird.

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Stadtrat muss 24-Stunden-Anlaufstelle prüfen

Die Forderung der Gemeinderätinnen verlangt eine eigene Anzeigestelle für Sexualdelikte mit sensibilisiertem Personal. Diese Stelle soll auf einer bestehenden Wache der Stadtpolizei eingerichtet werden. Zudem soll laut der Forderung vor Ort eine vertrauensvolle Stimmung herrschen – Tag und Nacht sollen ausgebildete Spezialistinnen und Spezialisten bereitstehen.

Das Sicherheitsdepartement von Karin Rykart prüfte das Anliegen. Das Postulat wurde im September eingereicht, es gilt eine Behandlungsfrist von zwei Jahren.

In der Gemeinderatssitzung am Mittwochabend zeigte sich der Stadtrat bereit, die Forderung einer 24-Stunden-Anlaufstelle zu prüfen. Der Widerstand der SVP blieb chancenlos. Das Postulat wurde mit 98 zu 13 Stimmen überwiesen. 

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 30. November 2022 16:49
aktualisiert: 30. November 2022 20:24