Lehrkräftemangel

Zürcher Schulen trifft der Ukraine-Krieg zum ungünstigsten Zeitpunkt

Oliver Schneider, 21. März 2022, 16:03 Uhr
Tausende Menschen flüchten aus der Ukraine in die Schweiz. Viele von ihnen besuchen nun die Zürcher Schulen. Das braucht Platz, Material und Personal. Doch gerade an Lehrkräften fehlt es wie nie in den letzten Jahren.

Quelle: TeleZüri

Die Zürcher Schulen kommen unter Druck. Bereits seit längerem ein Problem ist der Mangel an Lehrkräften. Und dieses Problem dürfte sich weiter verschärfen. Denn alleine im Schuljahr 2020/21 mussten 100 neue Klassen geschaffen werden, schreibt die Bildungsdirektion des Kantons Zürich auf Anfrage. Entsprechend würden immer mehr Lehrpersonen benötigt.

Christian Hugi, Präsident des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands, bestätigt die angespannte Lage: «Der Mangel an Lehrkräften ist gravierend.» Stand heute sind auf der Stellenbörse des Zürcher Volksschulamtes 810 Stellen ausgeschrieben. Das sind 200 offene Stellen mehr als im Vorjahr. Die Folge: Stellen müssen mit Stellvertretungen besetzt, Klassen aufgelöst und die Kinder auf andere Klassen verteilt werden, weil die Lehrpersonen fehlen.

Fit machen für die Schulklassen

Nun kommt mit dem Ukraine-Krieg eine weitere Herausforderung auf die Schulen zu. Alleine die Schule Zollikon hat in der vergangenen Woche zehn geflüchtete Schülerinnen und Schüler in den Unterricht aufgenommen, wie Kantonsrätin und Schulpräsidentin Corinne Hoss gegenüber TeleZüri sagt. Sie sind zwischen 7 und 18 Jahren alt. Wie viele Kinder und Jugendliche aus der Ukraine insgesamt die Schulen im Kanton Zürich besuchen, kann die Bildungsdirektion nicht sagen. Da sich die Flüchtenden nirgends zentral registrieren müssten, seien genaue Angaben nicht möglich.

Die Schule Zollikon musste für die Betreuung der ukrainischen Schülerinnen und Schüler zum einen erst mal Platz schaffen. Zum anderen mussten Lehrpersonen für den Unterricht gefunden werden. Die Kinder und Jugendlichen besuchen aktuell die DaZ (Deutsch als Zweitsprache)-Klasse. Sobald sie das dafür notwendige Niveau erreicht haben, sollen sie in die Regelklassen wechseln können.

Für die Schulen heisst dies: Sowohl die DaZ- wie auch die Klassenlehrpersonen müssen aufgestockt werden, wie Hoss sagt. Auch für die schulischen Heilpädagogen seien mehr Pensen erforderlich. Lehrpersonen zu finden sei generell sehr schwierig. «Da wird sicher noch einiges auf uns zukommen, denn alle Gemeinden suchen im Moment Daz-Lehrpersonen und Heilpädagogen», so Corinne Hoss. Sie schlägt deshalb vor, einen Appell an pensionierte Lehrerinnen und Lehrer zu richten, ob sie nicht einspringen könnten.

Es fehlen die, die es am meisten braucht

Gerade bei den schulischen Heilpädagogen und Heilpädagoginnen besteht aber aktuell Mangel, wie Lehrerpräsident Hugi sagt. Ebenfalls heiss begehrt seien Lehrpersonen im Kindergarten. Erschwerend kommt hinzu: Zürcher Lehrerinnen und Lehrer leisten viel unbezahlte Überzeit. Durchschnittlich arbeite eine Lehrperson 8 Wochen unbezahlte Überzeit jährlich, so Hugi. Viele Lehrpersonen reduzierten als Reaktion darauf ihr Pensum, um einem Burn-out vorzubeugen.

Für die Geflüchteten aus der Ukraine sei nun das Wichtigste, dass sie möglichst rasch in die Schule können und dort Normalität sowie Sicherheit erleben. Auch unbeschwerte Momente zusammen mit den anderen Kindern gehörten dazu, so Hugi weiter. Für die Schulen bedeute das natürlich auch, dass die ohnehin schon grossen Klassen im Kanton Zürich noch grösser werden. Die Integration sei aufwendig. Schulen und Lehrpersonen brauchten dafür Unterstützung in Form von Personal und zusätzliche Ressourcen von den Schulgemeinden und vom Kanton.

Wie viele Menschen noch aus der Ukraine in die Schweiz flüchten werden, ist vom Kriegsverlauf abhängig. 500 bis 1000 von ihnen überschreiten gerade täglich die Schweizer Grenze. Bis Ende Jahr könnten es 300'000 Geflüchtete sein, schätzen die Kantone. Deshalb lässt sich gemäss Bildungsdirektion auch nicht vorhersagen, wie viele Kinder aus der Ukraine in die Zürcher Schulen gehen werden.

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Kanton und Gemeinden sind gefragt

Wie bereiten sich die Zürcher Lehrerinnen und Lehrer in dieser unsicheren Situation vor? In den einzelnen Klassen müsse man aktiv werden, wenn es konkret wird und Kinder in die Klasse kommen, sagt Christian Hugi. Es müssten Plätze und Material bereitgestellt und die Klassen informiert werden. Vor allem aber sollten die neuen Kinder gut ankommen und sich möglichst rasch einleben können. Welche spezifische Förderung nötig ist, werde sich dann rasch zeigen. Auf Gemeinde- und kantonaler Ebene müssten derweil Strukturen auf- und ausgebaut werden. Es brauche Aufnahmeklassen, zusätzliches Lehrpersonal und Übersetzer.

Der Kanton Zürich will angesichts der angespannten Lage Quereinsteigern den Einsatz im Klassenzimmer erleichtern. So könnten zum Beispiel Lehrpersonen, welche ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen haben, zeitlich befristet eingesetzt werden, schreibt die Bildungsdirektion. In Einzelfällen könne das Volksschulamt auch gleichwertige Ausbildungen oder berufsspezifische Aus- und Weiterbildungen in Kombination mit Berufserfahrung anerkennen. Generell hätten die Schulen des Kantons Zürich eine langjährige und fundierte Erfahrung im Bereich der Integration.

Trotz all dieser Schwierigkeiten ist die Zolliker Schulpräsidentin Corinne Hoss zuversichtlich. «Es läuft sehr gut. Die Kinder helfen sich gegenseitig sehr. Das Verhältnis ist fast familiär.» Bei vielen Kinder sei es bald möglich, sie in die Regelklassen zu integrieren. «Ich bin überzeugt, sie werden ganz schnell in der Schweiz Fuss fassen.»

Für Eltern und Schulen hat die Bildungsdirektion des Kantons Zürich eine Website mit Informationen und Antworten rund um den Krieg in der Ukraine online gestellt.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 21. März 2022 14:58
aktualisiert: 21. März 2022 16:03
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