Blocher warnt vor Knechtschaft, Cassis wirbt für Neubeginn

Ins Leben gerufen wurde die Albisgüetli-Tagung 1989 von Alt-Bundesrat Christoph Blocher, als «politische Kundgebung mit landesweiter Ausstrahlung». (Archiv)
Ins Leben gerufen wurde die Albisgüetli-Tagung 1989 von Alt-Bundesrat Christoph Blocher, als «politische Kundgebung mit landesweiter Ausstrahlung». (Archiv) © Keystone/Walter Bieri
Die 30. Albisgüetli-Tagung in Zürich stand ganz im Zeichen des geplanten Rahmenabkommens mit der EU. SVP-Übervater Christoph Blocher warnte vor neuer Knechtschaft, während Gastredner Ignazio Cassis das SVP-Publikum für einen Neuanfang mit der EU zu gewinnen versuchte.

Blocher begann seine launige Rede am Freitag mit einem Sonett von Gottfried Keller. Danach spann er den Bogen vom freiheitsliebenden Volk, das sich einst erfolgreich gegen fremde Landvögte aufgelehnt hatte, bis zur Gründung des liberalen Schweizer Nationalstaates, der endlich Frieden und Wohlstand gebracht habe.

Es folgten Zitate von Schiller, Goethe, Dürrenmatt und aus dem Matthäus-Evangelium. Der prallvolle Festsaal lauschte in andächtiger Stille, während Blocher in grossväterlicher Manier rezitierte.

Heute seien die Unabhängigkeit und der Wohlstand der Schweiz mehr denn je zuvor in Gefahr, warnte Blocher die anwesenden «Fraue und Manne». Es sei traurig, festzustellen, dass die Classe politique in Bern in den letzten 25 Jahren alles getan habe, um das klare Nein zum EWR-Beitritt von 1992 auszuhebeln.

Die «Gauner, Lügner und Verräter» in Bundesbern hätten diesen Volksentscheid im Grunde genommen nie akzeptiert. Inzwischen werde internationales Recht vor das von Volk und Ständen geschaffene Recht gestellt. Hier habe ein «stiller Staatsstreich» stattgefunden. Die Schweiz sei heute deshalb erneut «auf dem Weg zur Knechtschaft».

Doch die SVP sei entschlossen, dem Staatsstreich in geordneten Bahnen entgegenzutreten, sagte Blocher und verwies auf die Begrenzungs- und die Selbstbestimmungsinitiative.

Zuvor hatte der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis als Gastredner für einen Neuanfang in den Beziehungen zwischen Bern und Brüssel geworben. Der FDP-Bundesrat versprach dem SVP-Publikum gleichzeitig, die Landesregierung werde nicht akzeptieren, dass fremde Richter Schweizer Recht auslegen. «Wenn wir keine Einigung finden, gibt es keinen Deal».

Der Freisinnige Tessiner hatte vor der Bundesratswahl mit dem Versprechen, in der festgefahrenen Diskussion um ein Rahmenabkommen mit der EU die «Reset-Taste» drücken zu wollen, im SVP-Lager viel Sympathie-Punkte gesammelt. An diesen Sympathie-Vorschuss versuchte er am Freitag anzuknüpfen und lud die SVP-Anhänger dazu ein, den Reset-Knopf gemeinsam zu drücken.

Mit dem «institutionellen Rahmenabkommen» sei es wie mit der Bibel, stellte Cassis fest: Alle sprächen davon, aber niemand wisse genau, was drin stehe. Das Ziel sei im Grunde genommen nichts anderes als ein Marktzugangsabkommen.

Doch dieser Begriff liess Blocher in seiner Replik nicht durchgehen: Es sei nichts anderes als der Versuch, mit schönen Worten einen Ankettungsvertrag zu verharmlosen. Der Name, der der Wahrheit entspreche, sei «Vertrag zur Abschaffung der schweizerischen direkten Demokratie».

Um mit der EU eine Einigung in den festgefahrenen Verhandlungen zu finden, schwebt Cassis gemäss Medienberichten ein neues Vertragspaket vor, das Marktzugänge und Teile aus dem umstrittenen Rahmenabkommen verknüpft. Das Paket soll laut der «SonntagsZeitung» einen Stromvertrag und ein Dienstleistungsabkommen für den Zugang für Schweizer Banken und Versicherungen zu den EU-Märkten sichern.

Integriert werden sollen auch Institutionen zur Überwachung der Marktzugangsverträge und ein Gericht, das bei Streitigkeiten über die Einhaltung der Verträge urteilt. Cassis erhoffe sich von der Paketlösung von Brüssel grösseres Entgegenkommen bei der heiklen Frage der «fremden Richter», indem die EU gemischte Gerichte statt den EU-Gerichtshof akzeptieren solle.

(SDA)


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