Barça verliert in Madrid den Titel und das Gesicht

Atleticos Matchwinner Antoine Griezmann jubelt, umklammert von Teamkollege Gabi Fernandez
Atleticos Matchwinner Antoine Griezmann jubelt, umklammert von Teamkollege Gabi Fernandez © Keystone/AP/Paul White
Die Defensivkünstler von Atletico Madrid schalten den Titelhalter FC Barcelona aus. Antoine Griezmann stoppt die weltbeste Klubmannschaft mit seiner Doublette (36./88.) nahezu im Alleingang.

Eine brillante Aktion genügte, um den katalanischen Koloss wie vor zwei Jahren am selben Schauplatz vom europäischen Thron zu stossen: Saul Niguez, das grosse spanische Versprechen für die Zukunft, flankte mit dem Aussenrist, der französische EM-Teilnehmer Antoine Griezmann schloss den Angriff in der 36. Minute perfekt ab.

Und als Griezmann nach einer längeren katalanischen Druckperiode kurz vor Schluss vom Elfmeterpunkt aus die Zäsur erzwang, weitete sich der Enthusiasmus auf den alten Tribünen zum Orkan aus. Diego Simeone trieb die Massen und sein Team weiterhin unaufhörlich an – bis zum zweitgrössten Erfolg seiner Trainerkarriere.

Nach sieben Niederlagen in Folge gegen den FCB lehnte sich der Verein aus dem rauen Madrider Quartier Arganzuela zur Primetime erfolgreich auf – auch deshalb, weil der italienische Referee Nicola Rizzoli in der Nachspielzeit ein Hands von Atleticos Captain Gabi im Strafraum übersehen hatte und bei Barça eine flächendeckende Schimpftirade auslöste.

Tut sich der seit fünf Spielen torlose Lionel Messi schwer, büsst selbst die weltbeste Klubmannschaft markant an Schwung und Ausstrahlung ein. Der fünffache Weltfussballer fand kein Mittel, seine Kunst reichte nicht, im Gegenteil: seine rätselhafte Lethargie bremste den Triple-Gewinner der letzten Saison eher noch.

Im Vicente Calderon leisteten sich aber auch die übrigen Superstars des Titelhalters einen zu langen Anlauf. In der ersten Stunde überliess das hoch veranlagte Ensemble die Kontrolle dem Aussenseiter, der mit den Freiheiten in der Startphase etwas anzufangen wusste und sich dank Antoine Griezmann den ersten entscheidenden Vorteil verschaffte.

Erst als sich die Lage spürbar verschärfte und erst zum dritten Mal innerhalb von zehn Jahren ein Szenario ohne Platz in den Halbfinals drohte, legte Barcelona erheblich zu. Erst in den letzten 30 Minuten stemmte sich der fünffache Sieger des europäischen Premium-Wettbewerbs vehement, aber ohne Glück gegen das Out.

Die Intensität der Zweikämpfe nahm im Minutentakt zu, die beiden Urus Diego Godin und Luis Suarez beharkten sich ohne Rücksicht auf körperliche Verluste. Im Strafraum der Gastgeber verdichtete sich der Verkehr, Atletico liess sich einschnüren, die Fronten verhärteten sich zusehends.

Aber nicht nur jene unter Dauerdruck verloren in mancher Szene den Überblick. Der (vergebliche) Ansturm zehrte auch in den Reihen von Neymar und Co. an den Nerven – der Brasilianer setzte im Frust zu einem Tackling an, das für ihn mit einem Platzverweis hätte enden können.

Im Sommer wird Griezmann für Les Bleus einen grossen Teil der EM-Last tragen. Spätestens nach dem sportpolitisch bedingten Verzicht auf den Real-Star Karim Benzema steht der 25-Jährige des Stadtrivalen im Sturmzentrum des EURO-Gastgebers.

Bei Atletico ist er in der zweiten Saison zum Leader aufgestiegen. Das Spiel ist auf ihn ausgerichtet. Der Franzose, der sich im tiefen Juniorenalter dem Nachwuchszentrum von Real Sociedad angeschlossen hat und im spanischen Fussball sozialisiert wurde, setzt immer wieder die entscheidenden Akzente.

Mit seinem 1:0 in der 36. Minute veränderte er das Drehbuch zunächst vollumfänglich zu Gunsten der Gastgeber. Ihnen kam der Verlauf nach dem 1:2 im Hinspiel zupass. Sie reduzierten das Risiko geschickt, ohne in Passivität abzudriften, ohne sich in der eigenen Zone zu verbarrikadieren.

Atléti vertritt generell eine komplett andere Kultur als Barcelona, das bei jeder Gelegenheit einen hohen Prozentsatz Ballbesitz anstrebt. Die Madrilenen verstehen den Fussball primär als harte Arbeit. Sie verteidigen mit Passion und auf höchstem Niveau.

Unter Simeone haben sie ihre defensive Organisation kontinuierlich perfektioniert. Seit seiner Jobübernahme vor fünf Jahren hat die Mannschaft in 184 Spielen in der Primera Division lediglich 148 Treffer hinnehmen müssen – weder Barcelona noch Real Madrid haben bessere Werte vorzuweisen.

Einbruch ohne Ansage

Noch vor wenigen Wochen deutete nahezu nichts auf erste Dissonanzen in der erst 22-monatigen Amtszeit von Luis Enrique hin. Barça zauberte, Barça siegte ohne Ende. Und das magische Trio Messi, Neymar und Suarez entzückte das Publikum praktisch in jeder Woche mit einem neuen Kunststück.

Ohne Vorwarnung kam den Katalanen die traumwandlerische Sicherheit abhanden. Ein paar Fehler, ein paar Kommunikationsprobleme hallten nach. In der Liga resultierte aus den letzten drei Spielen nur ein Punktgewinn, die Dauersieger gerieten unverhofft in Bedrängnis, die Konkurrenz aus Madrid sitzt dem Meister wieder im etwas versteiften Nacken.

Mit dem plötzlichen Stillstand flammte die alte Debatte wieder auf, ob die teilweise auf vier verschiedenen Bühnen forcierten Superstars zur Unzeit auf einen Energie-Engpass zusteuern könnten. “Diese Spieler sind nie zu müde, um zu gewinnen”, pflegte der Coach die Kritik sanft vom Tisch zu wedeln.

Unter Umständen ist dem Strategen an der Linie das Lächeln gefroren. Das Scheitern gegen die Nummer 2 aus Madrid ist als schwerer Rückschlag zu werten.

Atletico Madrid – FC Barcelona 2:0 (1:0)

54’000 Zuschauer. – SR Rizzoli (ITA). – Tore: 36. Griezmann 1:0. 88. Griezmann (Handspenalty) 2:0.

Atletico Madrid: Oblak; Juanfran, Godin, Lucas Hernandez (93. Savic), Filipe Luis; Koke, Fernandez, Gabi, Saul Niguez; Carrasco (74. Partey), Griezmann (90. Correa).

FC Barcelona: Ter Stegen; Dani Alves (64. Sergi Roberto), Piqué, Mascherano, Jordi Alba; Rakitic (64. Arda Turan), Busquets, Iniesta; Messi, Suarez, Neymar.

Bemerkungen: Atletico ohne Fernando Torres (gesperrt), Gimenez (verletzt), Barcelona ohne Vermaelen, Aleix Vidal, Mathieu, Sandro (alle verletzt). 53. Lattenkopfball von Saul Niguez. Verwarnungen: 69. Gabi, 70. Suarez (beide Foul), 76. Neymar (Unsportlichkeit), 85. Godin (Foul), 87. Iniesta (Hands), 90. Correa (Foul), 91. Arda Turan (Reklamieren), 95. Koke (Foul).

(SDA)


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