Bern schlägt Lugano dank Scherwey in der Verlängerung

Im dritten Final wurde vor allem gekämpft und gerauft. Alleine die reguläre Spielzeit zog sich über fast drei Stunden hin
Im dritten Final wurde vor allem gekämpft und gerauft. Alleine die reguläre Spielzeit zog sich über fast drei Stunden hin © KEYSTONE/TI-PRESS/SAMUEL GOLAY
Der SC Bern schafft im Playoff-Final gegen Lugano das Break. Die Berner gewinnen in der Resega 3:2 nach Verlängerung und führen nach Siegen mit 2:1. Am Samstagabend wird wieder in Bern gespielt.

In der Zusatzschicht eines über dreistündigen Hockey-Thrillers legte nur noch eine Mannschaft abermals zu: der SCB, der wegen seiner etwas breiteren Besetzung über ein Quäntchen mehr Kraft verfügte. Die 2:1-Führung in der Best-of-7-Serie könnte angesichts der minim grösseren Ressourcen Berns kursweisend sein. Den Bianconeri droht eher früher als später ein Treibstoffengpass.

Am Abend der zahllosen und überschäumenden Emotionen, das Spiel der grossen Wogen innerhalb des teilweise kaum mehr zu bremsenden Publikums, das (zu) viele Unterbrüche und zusätzliche Eisreinigungen provozierte, rückte der Sport zeitweise in den Hintergrund. Zu viele gerieten in Wallung und verloren im Treibhaus Resega phasenweise die Contenance – Diskussionen, Lamento, Beschwerden in jeder Ecke und Kurve des ausverkauften Stadions.

Als Damien Brunner bei einem späten Solo von Simon Moser mit dem Stock traktiert worden war, drohte zeitweise ein Tumult. Die Südschweizer verlangten einen Penalty und lagen nicht falsch, die Spielleiter indes werteten die Szene anders.

Nach einer Flut von gegenseitigen Provokationen und Boxeinlagen – 36 Strafminuten hatten die Referees innerhalb des hektischen ersten Abschnitts verhängt – konzentrierte sich Bern zunächst schneller wieder auf das Wesentliche. Simon Bodenmann verschaffte dem SCB in Unterzahl nach einem Konter den ersten Vorteil.

Die Tessiner Reaktion blieb indes nicht aus. Tony Martensson, mit acht Treffern in 13 Partien aktuell der beste Playoff-Finisseur, spielte einmal mehr seine grosse Klasse aus. Der 35-jährige Schwede verarbeitete ein Zuspiel Ulmers perfekt. In der 38. sorgte mit Maxim Lapierre ausgerechnet jener Akteur für die temporäre 2:1-Führung, der im Normalfall nur die Big Points im physischen Bereich zuständig ist. Der Kanadier, zuvor die Nummer 77 der Playoff-Skorerliste, mit der eher unrühmlichen Referenz von 730 Strafminuten in 694 NHL-Partien auf der Schweizer Bühne angekommen, lenkte eine Scheibe unhaltbar ab.

“Lugano wird wieder mit einer anderen Intensität auftreten”, hatte Alex Chatelain nach der höchst einseitigen Angelegenheit im zweiten Akt (1:0) prognostiziert. Der SCB-Sportchef täuschte sich nicht. Die Startphase war nicht mehr vergleichbar mit jener am Dienstagabend.

Die Tessiner verwickelten die Gäste auf allen Ebenen in einen wilden Kampf. Vor allem im ersten Drittel folgte nahezu jedem harten Duell ein längeres Scharmützel. Sannitz und Conacher lösten in der 16. eine mehrminütige Auseinandersetzung mit diversen privaten Abrechnungen aus. Sekunden vor der ersten Pause verliessen sogar Luganos Nordländer die Komfortzone – Klasen prügelte, Pettersson ebenfalls. Lokale Beobachter wunderten sich, weil die Schweden mit ihrer eher schmalen Postur in der Regel solchen Rencontres konsequent ausweichen würden.

Mitten in der aufgeheizten Atmosphäre liess sich selbst der in der Regel besonnene SCB-Coach Lars Leuenberger früh aus der Reserve locken. Die “Unterredung” mit Doug Shedden verlief so intensiv wie die Checks auf dem Eis. Der Austausch von zwei, drei Nettigkeiten erinnerte zumindest ansatzweise an die Epoche der legendären Playoff-Rivalitäten zwischen Luganos “Il mago” John Slettvoll und seinem Ex-Antipoden Bill Gilligan.

Leuenberger fand den Fokus allerdings ziemlich schnell wieder und lotste seine Equipe auf dem Hauptschauplatz auf die richtige Linie. Als die Berner ihre Betriebstemperatur auf angemessene Ausmasse senkten und ihre Energie im richtigen Moment in Konstruktives investierten, verschafften sie sich wieder Zugriff zu einer Partie, die nicht nur den Schiedsrichtern, sondern auch ihnen zu entgleiten drohte.

Aber nicht nur die Hitzköpfe Berns beruhigten sich im Finish wieder, auch Luganos Adrenalin-Fraktion passte die eigene Drehzahl im richtigen Augenblick wieder der Bedeutung des Spiels an. Brunner und Co. setzten in der Overtime vermehrt auf ihre Kernkompetenzen – die Rückkehr zur Normalität genügte nicht, nach 69 Minuten und 25 Sekunden jubelten nur die Berner.

Lugano – Bern 2:3 (0:0, 2:1, 0:1, 0:1) n.V.

7800 Zuschauer (ausverkauft). – SR Kurmann/Massy, Bürgi/Wüst. – Tore: 21. Bodenmann (Ebbett/Ausschluss Rüfenacht!) 0:1. 26. Martensson (Ulmer/Ausschluss Blum) 1:1. 38. Lapierre (Chiesa, Sannitz) 2:1. 47. Ebbett (Simon Moser, Jobin) 2:2. 70. (69:25) Tristan Scherwey (Martin Plüss) 2:3. – Strafen: 8mal 2 Minuten gegen Lugano, 10mal 2 plus 10 Minuten (Roy) gegen Bern. – PostFinance-Topskorer: Klasen; Conacher.

Lugano: Merzlikins; Steve Hirschi, Kparghai; Chiesa, Philippe Furrer; Stefan Ulmer, Julien Vauclair; Kienzle; Damien Brunner, Gregory Hofmann, Bertaggia; Walker, Sannitz, Lapierre; Diego Kostner, Schlagenhauf, Reuille; Fazzini.

Bern: Stepanek; Jobin, Untersander; Krueger, Blum; Helbling, Beat Gerber; Flurin Randegger; Bodenmann, Ebbett, Simon Moser; Conacher, Derek Roy, Ruefenacht; Tristan Scherwey, Martin Plüss, Reichert; Alain Berger, Pascal Berger, Gian-Andrea Randegger.

Bemerkungen: Lugano ohne Steinmann (verletzt), Stapleton, Sartori, Romanenghi (alle überzählig), Bern ohne Luca Hischier, Kobasew, Bergenheim, Bührer, Kousa (alle verletzt), Kreis, Ness, Smith (alle überzählig). 4. Pfostenschuss von Pascal Berger. 63. Timeout Lugano.

(SDA)


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