Bündner bringen Hanf auf den Teller

Die Bündner Hanfpioniere in einem ihrer Hanffelder.
Die Bündner Hanfpioniere in einem ihrer Hanffelder. © Instagram/AlpenPionier
Bis in die 1930er Jahre wurde in der Schweiz Hanf als Rohstoff angebaut und vielfältig genutzt. Das junge Bündner Unternehmen «Alpenpionier» will zurück zu diesen Wurzeln und Hanf auch als Lebensmittel massentauglich machen.

Stilpalast

Hanf verbinden wohl die meisten mit Kiffen, High-Sein und einer Droge, die abhängig macht. So zumindest der Tenor. Doch dass Hanf eine der ältesten Nutz- und Zierpflanzen der Welt ist und auch in Graubünden bis in die 1930er Jahre als Rohstoff und Nahrungsmittel angebaut wurde, wissen die wenigsten. «Hanf ist eine alteuropäische Kulturpflanze und birgt ein noch nicht ausgeschöpftes Potenzial», erklärt Adrian Hirt. Zusammen mit fünf Mitstreitern – darunter ein Lebensmitteltechnologe, Gärtner, Profi-Snowboarder, eine Köchin und Naturheilpraktikerin – will Hirt mit seinem Unternehmen «Alpenpionier» die Vielseitigkeit von Hanf als Lebensmittel zeigen und – als Alternative zu Soja – zurück auf die Teller bringen.

Am Anfang standen drei Tonnen Hanfnüsse

Zum Hanfpionier wurde der Bündner Adrian Hirt, der unter anderem auf einer Rinderfarm in Kanada und in einer Metzgerei auf Jamaica gearbeitet hat, eher zufällig. Bereits seit 2014 stellt er mit «Alpenhirt» Produkte her, vor allem Trockenfleisch, das frei von Pökelsalz und anderen künstlichen Zusatzstoffen ist, nach dem Rezept seines Urgrossvaters in seinem Heimatort Tschiertschen in Graubünden.

Eines Tages erhielt er in seinem Laden Besuch von Emanuel Schütt, welcher 2015 auf zwei Hektaren Lebensmittel-Hanf angebaut hatte. Dieser fragte Adrian Hirt, ob er Interesse an drei Tonnen Hanfnüsschen habe. «Ich dachte zuerst: Was soll ich denn damit? Ich hatte keine Ahnung von Hanf als Lebensmittel», sagt Hirt. Aber die Neugier darüber, was man mit diesem Produkt alles machen könnte, siegte, und so stand er plötzlich mit drei Tonnen Hanfnüssen da. Im September 2017 gründete Hirt zusammen mit Carlo Weber und Emanuel Schütt den Lebensmittel-Brand «Alpenpionier» und erhielt gleichzeitig tatkräftige Unterstützung durch die drei Markenbotschafter Mia Engi, Rebecca Clopath und Nicolas Müller.

Eine alternative Proteinquelle zu Soja

Hanf hat weltweit eine lange Tradition: Christoph Kolumbus entdeckte mit Segeln aus Hanf Amerika, die erste Levi’s-Jeans bestand aus Hanf-Fäden, und die erste Bibel wurde auf Hanfpapier gedruckt. Erst nach der Prohibition in den 1930er Jahren wurde die Pflanze in die Drogen-Ecke verwiesen und für illegal erklärt.

«In meinem Studium der Lebensmitteltechnologie hat nie jemand ein Wort über Hanf verloren», entrüstet sich der Bündner. Dabei sei Hanf ein vielseitiges Schweizer Kulturgut und eine vollwertige Proteinquelle. «Hanf hat fast den gleichen Proteingehalt wie Soja, alle wichtigen Aminosäuren und die optimale Zusammensetzung an Omega 3, 6 und 9. Ausserdem braucht es für die Kultivierung von Hanf keine künstliche Bewässerung, Fungizide und Pestizide», informiert der Lebensmitteltechnologe über die Vorteile des Hanfanbaus.

Regionaler Anbau und lokale Produktion

Um seinem Ziel, Hanf wieder als tägliches Nahrungsmittel in die Schweiz zu bringen, schloss er sich vergangenes Jahr mit 12 regionalen Bio-Bergbauern zusammen. In Graubünden, St.Gallen, Thurgau und Liechtenstein pflanzten diese auf 12 Hektaren – das entspricht etwa 17 Fussballfeldern – Hanf an. «Für die Bauern ist die Hanfkultivierung eine gute Alternative und bedeutet fast keine Arbeit. Die Pflanze wächst bis auf 2000 Meter, ist sehr widerstandsfähig und erst noch gut für den Boden», erklärt Hirt. Für ihre Produkte – etwa Hanf-Pasta, Hanföl, Hanftee, Hanfpulver oder Hanfschnaps – ernten sie lediglich die Hanfnuss. Diese ist völlig THC- und CBD-frei, macht also nicht high.

Dieses Jahr will «Alpenpionier» expandieren und mit 30 Bauernbetrieben zusammenarbeiten. Das Problem sei lediglich, dass die Bauern keine Subventionen erhalten – dies mache den Anbau teuer. «Wir sind in ständigem Austausch mit dem Bundesamt für Landwirtschaft. Unser Ziel ist es, auf die Direktzahlungsliste zu kommen – so wie Tabak, Soja und Quinoa. Doch es ist noch viel zu tun. Das schlechte Image der Pflanze hat sich sehr in den Köpfen festgesetzt», so Hirt über seine Pionierarbeit.

Von verpönt zu massentauglich

Hier würden auch die drei Markenbotschafter, der Profi-Snowboarder Nicolas Müller, die Naturheilpraktikerin Mia Engi und die Spitzenköchin Rebecca Clopath, ins Spiel kommen. «Die Medien müssen endlich wahrnehmen, dass Hanf mehr als nur eine Droge ist. Deshalb bieten wir Exkursionen auf die Felder an sowie Degustationen und Kochkurse. Hanf soll ein Massenprodukt werden», wünscht sich Hirt.

Einen kleinen Schritt in diese Richtung machen sie bereits: Dank eines Crowdfundings erhielten die Pioniere vergangenes Jahr rund 95’000 Franken, um ihre Mission voranzutreiben und vor allem ihr Alpen-Protein im grossen Stil produzieren zu können. Das Fernziel sei, eine umfassende Palette an Nahrungsmitteln zu etablieren. «Ausserdem sind wir im Gespräch mit einem Textilunternehmen, das Kleider aus Hanffäden produzieren will, und einem Bauunternehmen, das Hanfziegel fertigt und so Häuser baut. So wäre der ganze Kreislauf der Pflanze geschlossen», sagt Hirt stolz.

«Criterion», das Festival für Design und Esskultur, findet vom 6. bis 8. April in Zürich statt.


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