Das Erbe jahrelanger, harter Arbeit

Für die Gruppenunterkunft «Castello» wird ein neuer Chef gesucht.
Für die Gruppenunterkunft «Castello» wird ein neuer Chef gesucht. © zVg
Die Gruppenunterkunft «Castello» in Tägerwilen zieht Jahr für Jahr Gruppen aus der ganzen Schweiz an. Nun wird das langjährige Erbe von Gründer Matthias Fuchs, das usprünglich aus einer übermütigen Idee entstand, verkauft. 

«Vor über 25 Jahren kam ich auf die Idee, diese Zirkuswagen zu kaufen», erzählt Noch-Präsident Matthias Fuchs. Der 51-Jährige zog 1989 mit seinen Schülern aus Tägerwilen durch den ganzen Kanton und führte mit ihnen ein Theaterstück in Schulen auf. Wie Fuchs der Thurgauer Zeitung erzählt, wohnten er und seine Schüler damals wochenlang in zwei alten Zirkuswagen.

Narrenfreiheit für die Lehrer

«1989 wurde der Schulanfang vom Frühling auf den Sommer verlegt», sagt Fuchs. «Die Lehrer hatten damals für ein paar Monate quasi ‘Narrenfreiheit’ und konnten zwischen Frühling und Sommer mit ihren Schülern etwas Spezielles unternehmen.» Fuchs habe dann mit seiner Mittelstufeklasse ein ziemlich aufwändiges Theater inszeniert. Doch damit nicht genug: «Wir haben Zirkuswagen gekauft, diese umgebaut und sind durch den ganzen Kanton gefahren. Bei Gastgeberschulen haben wir dann jeweils unser Quartier aufgebaut und dort unser Theater aufgeführt.» Im Gegenzug haben dann die Gastgeber-Schulklassen ihrerseits ein Programm aufgeführt.

Der jugendliche Übermut sorgte für den Kauf der Wagen

«Ich hatte schon als junger Lehrer viel Freude an Theater und Zirkus», erinnert sich Fuchs. Im jugendlichen Übermut schrecke man halt vor nichts zurück. Mit seiner grossen Idee hatte er die damalige Tägerwiler Schulbehörde schnell auf seiner Seite: «Sie waren begeistert davon!» Nachdem die Behörde sich die Pläne des jungen Matthias Fuchs angehört hatte, stellte sie Geld zur Verfügung, damit er sich die alten Zirkuswagen leisten konnte. «Natürlich wurde die ganze Sache komplett unterschätzt. Wir waren uns nicht im Klaren darüber, was es mit so einem Wandertheater alles zu tun geben würde.» Dafür habe es aber verdankenswerterweise unterstützende Eltern und Handwerker gegeben. «Alle haben mitgeholfen, damit in zwei solchen Wagen eine ganze Klasse übernachten und wohnen kann.» Aus einer enthusiastischen Idee sei dann Realität geworden: «Wir konnten uns wirklich auf diese Reise begeben», reminisziert Matthias Fuchs.

«Die Luft ist ein wenig draussen»

In der Folge wurde das «Castello» in Tägerwilen zu einem bekannten, kleinen «Zirkusdorf». «Viele Pfadis, Blauring, Schulklassen und Vereine nutzen unser Angebot rege.» Nach 27 Jahren sei jetzt aber langsam Schluss, sagt Fuchs: «Wir haben die Wagen, die mittlerweile um mehrere Zähler gewachsen sind, all die Jahre lang vermietet. Schliesslich musste es auch finanziell irgendwie aufgehen.» Wobei Fuchs immer nur das Nötigste eingezogen hat, um die Kosten zu decken. «Das Dörflein war irgendwann von April bis Oktober durchgehend vermietet.» Der grosse Aufwand wurde der ehrenamtlichen Gruppe rund um Matthias Fuchs irgendwann genug: «Einige von uns sind bereits Grosseltern. Dazu kommt, dass wir auch ausserhalb des ‘Castello’ noch Interessen haben. «Die Luft ist bei uns ein wenig draussen. Es wird Zeit, dass jüngere Leute diese Arbeit übernehmen.» Natürlich sei es mitunter auch ein komisches Gefühl. «Wie es sich emotional auf mich auswirkt, kann ich erst sagen, wenn das ‘Castello’ erstmalig im Frühling im Winterquartier bleibt.»

Nachfolger müssen den «Plausch» haben

Kaufen müssen die Nachfolger die Gruppenunterkunft nicht. Diesen Teil übernimmt die Gemeinde Tägerwilen. Ferner wurden verschiedene Neuanschaffungen durch private Investoren oder den Lotteriefonds unterstützt. Die neue Gruppe, welche die Unterkunft übernehmen wird, sollte sich bewusst sein, dass damit nicht das grosse Geld zu holen ist, sagt Fuchs: «Sie sollte einfach den ‘Plausch’ an diesem speziellen Ort haben. Es sollten pädagogisch talentierte Personen sein, die den Kontakt zu Lehrpersonen sowie Kindern nicht scheuen.» Aber auch handwerklich sollen die neuen Pächter einiges in petto haben. Dazu komme laut Fuchs auch die ganze administrative Arbeit im Hintergrund. «Im Allgemeinen sollten es Menschen sein, die Freude haben, einen solchen Ort in Schwung zu halten.»

Grosser Dank an alle Beteiligten

Es wäre falsch, zu denken, Matthias Fuchs hätte diese Arbeit im Alleingang während 27 Jahren gemeistert: «Im Verlaufe all dieser Jahre haben so viele Leute mitgeholfen. Viele sind gegangen, andere sind dazu gekommen.» Geblieben sei aber ein ‘harter Kern’ aus zehn bis zwölf engagierten Personen. Etwas ist Fuchs speziell wichtig: Es heisse immer, die Geschäftswelt sei so gestresst und könne aus Zeit- und Kostengründen keine Arbeiten aus Nächstenliebe realisieren. «In Tägerwilen haben wir immer wieder Handwerker gefunden, die zu Selbstkostenpreisen oder gar gratis für uns Reparatur- oder Verbesserungsarbeiten ausgeführt haben. Das hat mich am Meisten beeindruckt und gefreut.»

(saz)


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