Der Kampf gegen düstere Erinnerungen

Jordan Spieth muss immer wieder über sein Versagen referieren
Jordan Spieth muss immer wieder über sein Versagen referieren © KEYSTONE/AP/GENE J. PUSKAR
Wie vor dem US Masters im April sind die besten drei Golfer der Gegenwart vor dem am Donnerstag beginnenden US Open in Oakmont vor allen anderen favorisiert: Jason Day, Jordan Spieth, Rory McIlroy.

Day, Spieth und McIlroy sind in dieser Reihenfolge die Nummern 1 bis 3 der Weltrangliste.Sie haben die vier grossen Turniere im Golfsport in den letzten zwei Jahren dominiert. Und sie haben sich seit August 2014 immer wieder gegenseitig an der Spitze der Weltrangliste abgelöst. In dieser Zeitspanne hob sich Spieth viermal auf den Thron, McIlroy und Day je dreimal. Der letzte Weltranglisten-Erste ausserhalb des Trios war der Australier und Wahlschweizer Adam Scott Mitte Mai 2014.

Ein vorangegangenes Scheitern an einem der vier Turniere auf Grand-Slam-Stufe kann einem Golfprofi schwer schaden – für lange Zeit oder im Extremfall für immer. Scott Hoch, ein nicht überragender Amerikaner, schob 1989 aus weniger als 60 Zentimetern auf stümperhaft anmutende Weise den Ball am Loch vorbei. Er hätte das US Masters gewonnen. Nick Faldo, der abgebrühte Engländer, stand daneben und traute seinen Augen nicht. Er erbte von Hoch seinen ersten Sieg am wichtigsten Turnier. Während Faldo das Masters auch noch 1990 und 1996 gewann, geriet Hoch in ein Tief, das es ihm verunmöglichte, je noch in die Nähe eines grossen Sieges zu kommen.

Jordan Spieth muss in dieser Woche am 116. US Open im Oakmont Country Club in Plum im Bundesstaat Pennsylvania beweisen, dass er aus der Ereignissen am US Masters in Augusta vor zwei Monaten keinen seelischen Schaden davongetragen hat. Der erst 22-jährige Texaner verschob dort keinen kurzen Siegesputt wie seinerzeit Scott Hoch. Aber er führte in der Schlussrunde mit einem Vorsprung von bis zu fünf Schlägen. Am 12. Loch, dem kurzen, aber tückischen Par 3, kam das traumatisierende Erlebnis. Er wasserte den Ball zweimal und fing sieben Schläge ein, ein sogenanntes Quadruple-Bogey. Er wurde eingeholt und überholt und musste den nachmaligen Sieger Danny Willett aus England schliesslich um drei Schläge davonziehen lassen.

Die Geschichte zeigt, dass die besten Golfer ein solches Schreckenserlebnis an einem Majorturnier nur an einem anderen Major richtig verarbeiten und überwinden können. Spieth gewann nach dem US Masters ein “normales” Turnier, jenes in Fort Worth vor drei Wochen. Aber erst in dieser Woche kann er sich und der Golfwelt beweisen, dass seine Seele wieder die Alte ist und nicht mehr dem verpassten Grosserfolg nachhängt. Spieth müsste wieder dort ankommen, wo er vor genau einem Jahr war, als er in Chambers Bay im Bundesstaat Washington einen Schlag vor seinem Landsmann Dustin Johnson das 115. US Open gewann – nachdem er zuvor auch schon in Augusta triumphiert hatte.

Ob Jordan Spieth, Jason Day oder Rory McIlroy, jeder von ihnen hat in dieser Saison schon mindestens ein Turnier in den USA oder auf dem europäischen Circuit gewonnen. Aber keiner spielte durchwegs auf hohem Niveau. Keiner erreichte annähernd die Konstanz, wie sie vor Jahren Tiger Woods – er muss auch in dieser Woche infolge seiner Rückenverletzung passen – vorgeführt hatte. Jeder der drei erlebte zwischendurch schwächere Phasen, in denen er bisweilen den Cut verpasste, also nach zwei von vier Runden ausschied.

Diese Vorgeschichte macht jede Prognose für das US Open zum Wagnis. Es gibt 20, 30 weitere Spieler, denen der Sieg an der Offenen Meisterschaft des amerikanischen Golfverbandes USGA ebenso zuzutrauen ist. Zu ihnen gehört der Masters-Champion Willett, der letzten Juli auch am Omega European Masters in Crans-Montana siegte.

Viel wird von der Beschaffenheit des Par-71-Platzes im Oakmont Country Club abhängen. Selbst die besten Professionals sprechen vom härtesten Test aller Zeiten, auch wenn der Kurs im Vergleich zu anderen Majorturnier-Plätzen keineswegs lang ist. Vier Par-4-Löcher sind sogar nur um die 350 Meter lang. Die Schwierigkeit besteht zur Hauptsache aus dem sogenannten Rough, dem ungewöhnlich dicken Gras entlang der engen Fairways.

Spieth spielte am Sonntag eine Trainingsrunde in starkem Wind. Danach sagte er, er hätte unmöglich weniger als 75 Schläge benötigen können. Allgemein wird nicht erwartet, dass der Score des Siegers unter Par liegen wird.

Rory McIlroy sagte: “Man ist bei jedem einzelnen Schlag unter einem riesigen Druck. Darauf muss man unbedingt gefasst sein. Der Platz verlangt ungeheuer viel Konzentration.” Das erste Loch ist auf den meisten berühmten Plätzen verhältnismässig einfach. Nicht so hier. Der starke Südafrikaner Branden Grace findet für das Eröffnungsloch nur ein Wort: “grässlich”.

In den letzten 25 Jahren fand das US Open zweimal in Oakmont statt. 1994 siegte der Südafrikaner Ernie Els, 2007 der Argentinier Angel Cabrera. Beide sind in dieser Woche am Start.

(SDA)


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