Der schönste Brauch der Ostschweiz

Ein Schuppel "schöner" Silvesterchläuse.
Ein Schuppel "schöner" Silvesterchläuse. © Keystone/Ennio Leanza
Kunstvolle Hauben, furchteinflössende Masken, erhabene Zäuerli: Morgen locken die Silvesterchläuse wieder Tausende Zuschauer nach Ausserrhoden. Hier erfahrt Ihr alles über den schönsten Brauch der Ostschweiz.

Die aufgehende Sonne taucht die Kuppe in bläuliches Licht, die vom Frost überzogenen Strassen und Wiesen glitzern fast festlich. Feines Schellenläuten ist zu hören. Mit den majestätischen Hauben zieht ein Schuppel, eine Gruppe Silvesterchläuse, zum nahegelegenen Hof. Die sechs schönen Chläuse stehen zusammen und beglücken den Hausherrn mit einem mehrstimmigen Zäuerli. Eindrücklich, nicht nur Einheimische kriegen eine Gänsehaut.

Zweimal Silvester

Das Schöne am Silversterchlausen ist, er findet zweimal im Jahr statt: am 31.Dezember, dem Neuen Silvester, sowie am 13.Januar, dem Alten Silvester. Und das kommt daher: Ende des 16.Jahrhunderts wurde der Kalender einer Reform unterzogen, der julianische ersetzte den gregorianischen. Die Ausserrhoder weigerten sich aber, die neue Zeitrechnung anzuerkennen. Sie wollten sich vom Papst in Rom nicht vorschreiben lassen, wann sie ihre Feste zu feiern hätten. So beschlossen sie, den Silvester zweimal zu begehen. Dennoch: Ganz egal ist die Kirche den Chläusen nicht. Fällt der Silvester auf einen Sonntag, wird offiziell am Samstag gechlaust. Am Sonntag sind, nur Spasschläuse (siehe “Vier Chlausarten”) unterwegs.

Die Ursprünge des Silvesterchlausens selber sind indes unklar. Lange Zeit hiess es, das Chlausen wurzle in einem heidnischen Winterbrauch, mit dem die Menschen die bösen Geister vertreiben wollten. Nun gehen Historiker davon aus, dass der Brauch auf den (entarteten) St.Nikolausfeiertag der Klosterschüler zurückzuführen ist. Erstmals wurde das Chlausen 1663 schriftlich erwähnt.

Ausserrhoder Brauch

Die Ausserrhoder sind stolz auf ihr Silversterschlausen, sehr stolz sogar. Er gehört ganz allein ihnen, sie müssen ihn nicht mit den Innerrhodern teilen. Denn diese begehen den Brauch nicht. Nur vereinzelt machen Innerrhoder, etwa aus dem grenznahen Schlatt-Halsen, inkognito bei den Ausserrhodern mit. Öffentlich gibt das aber niemand zu.

Das Silvesterchlausen findet in den Hinterländer Gemeinden Herisau, Urnäsch, Hundwil, Schönengrund, Schwellbrunn und Waldstatt sowie in der Mittelländer Gemeinde Teufen statt. Vereinzelt wird auch in Bühler und Speicher gechlaust. Die Gemeinden vermarkten den Brauch unterschiedlich. In Herisau ist der Neue Silvester ein Dorffest geworden. An keinem anderen Tag sind so viele Menschen anzutreffen. Das Zentrum ist für den Verkehr gesperrt. Die Chläuse sind von 10.30 bis 13.30 Uhr anzutreffen.

Urnäsch ist am Alten Silvester der Hot-Spot. Das Dorf wird von auswärtigen Gästen fast überrollt. Das passt nicht allen: Statt Ausserrhoder ist häufig Zürcher Dialekt in den Gassen des Hinterländer Dorfes zu hören.

Vier Chlausarten

Man unterscheidet vier Arten von Silvesterchläusen. Die “Wüeschte” sehen furchteinflössend aus. Sie tragen wilde Masken und das Kleid besteht aus Tannenreisig, Stroh oder anderen Gewächsen aus dem Wald.

Eine Gruppe “wüeschter” Chläuse. KEYSTONE/Ennio Leanza

Die “Schönen” tragen Larven und farbige Samtgewänder. Hauben und Hüte zieren den Kopf und stellen Szenen aus dem bäuerlichen Alltag dar. Die Sujets werden in aufwändiger Arbeit hergestellt. Regnet es an Silvester, verzichten deshalb viele Chläuse auf die Hauben oder schützen sie mit einer Plastikhülle. Das Outfit verlangt den Männern körperlich einiges ab: Es ist bis zu 30 Kilogramm schwer.

Die Hauben erzählen Geschichten aus dem Bauernalltag. (KEYSTONE/Steffen Schmidt)

“Schöwüeschte” sind eine Mischform. Sie tragen Hauben, Hüte und Larven, dazu ein Groscht aus Waldmateralien.

“Schöwüeschti” Chläuse ziehen von Hof zu Hof. (KEYSTONE/Regina Kuehne)

“Spasschläuse” sind selten anzutreffen. Sie tragen keine Hauben, sondern Zipfelkappen und Kopftücher zu den Larven.

Obwohl Frauen dargestellt werden, gibt es nur männliche, erwachsene Chläuse. Bei den Kindergruppen, Goofeschuppel genannt, sind hingegen Mädchen anzutreffen.

Ein typischer Chlaus-Tag

Und so “funktioniert” das Chlausen: Der Tag beginnt für den Schuppel bereits in den frühen Morgenstunden. Gegen fünf Uhr er trifft sich ausserhalb des Dorfes. Dann zieht die Gruppe von Hof zu Hof. Gegen Mittag sind die Männer in den Dorfzentren anzutreffen, am Abend in Restaurants und Gasthöfen.

Vor dem Haus stellt sich der Schuppel auf. Die Chläuse schellen, rollen und stimmen anschliessend ein Zäuerli an. Normalerweise werden drei Zäuerli “genommen”. Nach dem letzten Jodel wünschen die Chläuse dem Hausherrn „e guets Neus“. Bevor sie weiterziehen, erhalten sie als Dank Weiss- oder Glühwein, zudem häufig ein Geldgeschenk.

Kleines Glossar

Groscht: Das Gewand der Silvesterchläuse.

Larve: Die Maske.

Noerolli: Das Rollenweib, welches das Schlusslicht des Schuppels bildet.

Rolli oder Rollenweib: Der Rolli trägt eine Frauentracht mitsamt lächelnder Frauenmaske und Blume im Mundwinkel. Eine Haube schmückt sein Haupt. Auf den Rücken trägt er mehrere Schellen (Rollen).

Schelli oder Schellenchläuse: Sie tragen Männerkleider, eine Larve sowie ein oder zwei grossen Schellen. Sie werden auch „Mannevölcher“ genannt.

Schuppel: So wird die Gruppe genannt, sie kann vier bis zwölf Mitglieder aufweisen.

Strech: Die Route der Silvesterchläuse.

Vorrolli: Er führt den Schuppel an.

(red)

Ende 2013 begleitete TVO einen Schuppel in Herisau:

 


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