Die erste Kantine der Schweiz in Uzwil

Für 85 Rappen gab es in der ersten Kantine im Bühler ein Menu.
Für 85 Rappen gab es in der ersten Kantine im Bühler ein Menu. © Bühler AG
«Einmal Spaghetti Bolognese mit Menu-Salat und Suppe» – viele Unternehmen in der Schweiz bieten ihren Mitarbeitern mittlerweile eine Kantine oder ein Personalrestaurant an. So selbstverständlich ist dieses Angebot aber nicht: Die allererste Kantine der Schweiz wurde heute vor 100 Jahren in Uzwil eröffnet.

«Chani es bizeli meh Pommes Frites ha?», fragt Kurt, der Personalberater, der immer einen besonders grossen Hunger hat. «Für mi bitte nur eis Schnitzel», sagt Sachbearbeiterin Lilian, die regelmässig den halben Teller stehen lässt. Viele von uns haben schon dutzende Mittagessen in einer Mensa, Kantine oder in einem Personalrestaurant verspeist. Dies bei «Riz Casimir», «Schnipo» oder «Hörnli mit Ghackets». Für viele ist das Essen im Personalrestaurant günstiger, als der Gang in ein normales Restaurant und gehört zum Arbeitsalltag dazu.

Kantine für alleinstehende Mitarbeiter

Kaum vorstellbar, dass die allererste Kantine der Schweiz erst vor 100 Jahren eröffnet wurde und das in der Ostschweiz. Die Firma Bühler in Uzwil verfügte über die allererste Kantine mit täglich rund 150 Mahlzeiten.

Die erste Kantine der Schweiz wurde in der Firma Bühler in Uzwil eröffnet.

Die erste Kantine der Schweiz wurde in der Firma Bühler in Uzwil eröffnet. (Bild: SV Group)

Gegründet wurde die Kantine vom damaligen Schweizer Verband Soldatenwohl – des heutigen Gastronomieunternehmens SV Group. Das ursprüngliche Ziel der Gründerin Else Züblin-Spiller war es, Schweizer Soldaten mit preiswerter und ausgewogener Kost ohne Alkohol zu versorgen. Nachdem Ende des Ersten Weltkrieges entdeckte die gute Frau, dass auch ausserhalb der Armee, die Leute nicht immer ausgewogen ernährt waren. Vor allem alleinstehende oder auswärtige Mitarbeiter von Fabriken konnten sich kaum verpflegen. Deshalb entwickelte sie das Konzept der Arbeiterkantine. «Nicht für alle Mitarbeiter war es einfach, sich gut und regelmässig zu einem guten Preis zu ernähren», sagt Patrick Candrian, Geschäftsführer der SV Schweiz.

Else Züblin hatte die Idee zur ersten Kantine in der Schweiz.

Else Züblin hatte die Idee zur ersten Kantine in der Schweiz. (Bild: SV Group)

Ein Glas Lindenbütentee zum Essen

Am 12. Januar 1918 wurde die erste Arbeiterkantine in der Maschinenfabrik Bühler AG in Uzwil eröffnet. 150 Mitarbeiter kamen an diesem Tag und genossen ein Mittagessen. Alkohol gab es keinen, dafür bekam jeder ein Glas Lindenblütentee. Am Anfang kostete ein Mittagessen 85 Rappen, später einen Franken, das war ungefähr so viel wie ein Stundenlohn. «Es hat sehr viel mit der Familie Bühler zu tun, dass die erste Kantine in ihrer Firma entstand», sagt Patrick Candrian. Ein familiengeführtes Unternehmen sei eher bereit Risiken einzugehen und es hat kurze Entscheidungswege. «Die Familie Bühler hat vor 100 Jahren gesagt, ja, das machen wir, wir sind bereit das Risiko zu tragen.»

Russische Eier war eines der Menus, welches im Bühler serviert wurde. (Bild: SV Group)

Russische Eier war eines der Menus, welche im Bühler serviert wurden. (Bild: SV Group)

Das Buffet bewährte sich

Im Laufe der Zeit wurden in rund 30 weiteren Schweizer Betrieben Kantinen eingerichtet, die auf demselben Prinzip beruhten. 20 Jahre später folgte das erste Selbstbedienungsbuffet, wiederum bei Bühler in Uzwil. Obwohl die Mitarbeiter mit dem Buffet anfänglich ihre Schwierigkeiten hatten, war es schliesslich ein grosser Erfolg. Jeder konnte sich nach Belieben bedienen und das Essen je nach finanzieller Situation selbst zusammen stellen. Heute sind die Kantinen zwar vielseitiger, trotzdem gibt es immer noch gewisse Parallelen: «Damals war es eine Revolution, dass man sich selber bedienen und selber abräumen musste», sagt Patrick Candrian. «Es war unerhört. Man hat das nicht gekannt. Heute ist dies in Mitarbeiterrestaurants Gang und Gäbe um die Preise tief halten zu können.»

Kantinen sind anspruchsvoller geworden

Verändert habe sich hingegen das Angebot in den Firmen: «Früher galt es, die hungrigen Mägen der Fabrikarbeiter mit möglichst nahrhaften Speisen zu füllen – heute stehen andere Wünsche im Vordergrund», sagt Patrick Candrian. Die Betriebskantinen hätten sich in den letzten Jahren zu immer anspruchsvolleren Mitarbeiterrestaurants mit vielseitigem Angebot entwickelt. «Die Leute sind viel weltoffener geworden, sie sind offen für neue Formen der Ernährung wie beispielsweise Vegetarier oder Veganer, ausserdem legen sie mehr Wert auf die Nachhaltigkeit.» Es gebe aber immer noch Klassiker, die sich bewähren: «Wenn ein Mitarbeiterrestaurant einen Schnitzeltag hat, ist die Nachfrage bei den Gästen riesig und das Gesunde rückt ein wenig in den Hintergrund.»

 


(abl)


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