Doch keine Demo in St.Gallen

Von Simon Riklin
Die Jenischen kämpfen schweizweit für mehr Durchgangs- und Standplätze.
Die Jenischen kämpfen schweizweit für mehr Durchgangs- und Standplätze. © (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Die Schweizer Fahrenden verzichten vorerst auf das Blockieren der St.Galler Innenstadt. Die Gemeinden haben dies im letzten Moment verhindert. Noch diese Woche überreichen die St.Galler Gemeinden eine Liste mit möglichen Durchgangsplätzen.

500 Jenische besetzen derzeit mit 60 Wohnwagen eine Wiese in Kriens und fordern mehr Durchgangsplätze im Kanton Luzern. Eine unbewilligte Demonstration hätte eigentlich in St.Gallen stattfinden sollen. Die St.Galler Gemeinden wendeten dies noch in letzter Sekunde ab. Nach einer Krisensitzung mit der Bewegung der Schweizer Fahrenden im Januar hatte der Kanton St.Gallen die Gemeinden in die Verantwortung genommen. Diese mussten dem Kanton Vorschläge für mögliche Fahrenden-Plätze machen.

Standorte noch geheim

Nun legen die St.Galler Gemeindepräsidenten dem Kanton diese Woche eine Liste mit möglichen Durchgangsplätzen vor. In welchen Gemeinden Plätze geplant sind und wie viele es letztlich sein werden, verrät Beat Tinner, Präsident der St.Galler Gemeindepräsidenten-Vereinigung, heute nicht: “Wir warten noch, bis alles unter Dach und Fach ist.”

Protest wegen Gossau

Mike Gerzner, Präsident der Fahrenden Jenischen, bestätigt, dass ihnen im Kanton St.Gallen drei bis vier Plätze zugesichert wurden. Er hofft, dass nun Bewegung in die Sache kommt. “Seit 15 Jahren kämpfen wir für Durchgangsplätze, bis jetzt bekamen wir aber nur leere Versprechen”, sagt Gerzner. “Wir sind trotzdem zuversichtlich, dass es diesmal in St.Gallen klappt.”

Noch im August fühlten sich die Fahrenden vom Kanton St.Gallen verschaukelt. Die Schweizer Jenischen kündeten daraufhin ein Protestcamp mit 150 Wohnwagen in St.Gallen an. Grund war der Entscheid vom Gossauer Stadtparlament gegen einen Durchgangsplatz im Gossauer Industriegebiet.

Mike Gerzner, Praesident Bewegung der Schweizer Reisenden.

Mike Gerzner, Praesident Bewegung der Schweizer Reisenden. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

“Das ist moderner Genozid. Wenn man uns diese Plätze nicht gibt, drängt man uns in Wohnungen. Das Jenische Volk wird so ausgerottet und wir können unsere Kultur nicht weiterleben”, sagte ein enttäuschter Mike Gerzner gegenüber TVO im August. Das letzte Wort ist in Gossau aber noch nicht gesprochen. Am 5. Juni stimmen die Gossauer über den Durchgangsplatz ab.

“Die Siedlungen sind nach den Bedürfnissen der Bevölkerung zu gestalten…” Art.3, Abs.3 Raumplanungsgesetz

Ein Bundesgerichtsentscheid vom 28. März 2003 hält fest, dass dies auch für Fahrende gilt und die Kantone für genügend Stand- und Durchgangsplätze sorgen müssen.

Noch keine Gewissheit

Die Politik tut sich schwer damit. “Wir glauben, die Bevölkerung versteht unser Anliegen. Schwieriger ist es mit den Politikern. Die haben Angst, die Finger zu verbrennen.” Gerzner ist überzeugt, dass noch viele Vorurteile gegenüber Fahrenden herrschen. “Wir sind Schweizer und arbeiten normal. Der einzige Unterschied besteht darin, dass wir in Wohnwagen leben”, sagt Gerzner.

Derzeit gibt es im Kanton St.Gallen drei Standplätze für die Wintermonate aber noch keinen Durchgangsplatz. Der Kanton müsste auf Anweisung vom Bund vier bis sechs Durchgangsplätze zur Verfügung stellen. Die Fahrenden wollen nun abwarten: “Sie haben uns versprochen, dass die Plätze im Sommer bezugsbereit sind. Falls dies nicht der Fall ist, werden wir in St.Gallen ein Protestcamp errichten”, sagt Gerzner abschliessend.

Mehr zum Thema im TVO-Beitrag:


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