Eine Olympiasiegerin aus dem Kühlschrank

Sarah Höfflin freut sich über ihre Goldmedaille
Sarah Höfflin freut sich über ihre Goldmedaille © KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Angekündigt hat die Freeski-Equipe ein Spektakel, bei den Frauen hält sie mit dem doppelten Medaillengewinn Wort. Sarah Höfflin spielt dabei die Hauptrolle und vergoldet ihren nicht alltäglichen Weg.

Fast jede Gold-Story an Olympischen Spielen beinhaltet aussergewöhnliche Kapitel. Am Tag des unfassbaren Triumphs der eigentlichen Snowboard-Spezialistin Ester Ledecka beim Super-G der Alpinen produzierte Sarah Höfflin eine fast mindestens so prickelnde Geschichte. Ihr Coup im Slopestyle-Kurs liess sogar den im Normalfall überaus gesprächigen Chefcoach Misra Noto vorübergehend verstummen: «Was soll ich sagen? Ich bin sprachlos.»

Noto, ein Mann der ersten Schweizer Freeski-Stunde, fand den sprachlichen Tritt indes rasch wieder. Seine Wangen glühten trotz der Kälte, die Euphorie sprudelte minutenlang aus ihm heraus. Er hatte eine Athletin «von einem anderen Stern» gesehen«, eine Sportlerin, die einen nahezu beispiellosen Umweg an die Weltspitze hinter sich hat. «Vor vier Jahren wusste sie wohl kaum, dass sie richtig gut Ski fahren kann.» 2018 gewann sie innerhalb von 20 Tagen die X-Games und Olympia-Gold.

Höfflins Curriculum Vitae ist ohnehin beeindruckend. Die Tochter eines Genfers und einer Neuseeländerin verbrachte einen Teil ihrer Jugend in England. Neben dem Studium der Neurowissenschaft tummelte sich das Bewegungstalent in Manchester tagelang in Indoor-Skiparks – in «Kühlschränken», wie die Engländer zu sagen pflegen. Die wahren Herausforderungen ihres Hobbys lernte die Romande erst während längeren Aufenthalten in Frankreich kennen.

In Tignes und Méribel finanzierte sie sich ihr Skiabenteuer mit Jobs in Busunternehmen und Einsätzen hinter der Bartheke. Ihre Lust an Experimenten wuchs, ihre Ambitionen weiteten sich aus. Dann spielte ein schöner Zufall eine entscheidende Rolle. Auf der europäischen SFR-Tour in Val Thorens entdeckte Christoph Perreten ihren Namen auf einer Startliste. «Bis dahin hatten wir von ihr nie etwas gehört», erinnert sich der Freestyle-Boss von Swiss-Ski.

Eine eher zufällige Begegnung im Januar 2015 mit dem «Rohdiamanten» (Noto) veränderte den Alltag Höfflins komplett. Die Schweizer Entscheidungsträger handelten sofort und unbürokratisch. Noto quartierte Höfflin im Frühling danach in einem Hotel in Affoltern am Albis ein. Im Wassersprungzentrum in Mettmenstetten durchlief sie eine mehrmonatige Intensivschulung – Theorie, Rotationen, Flips.

Vom Amateurstatus ins Profi-Geschäft, von instinktiven Runs zum exakt geplanten Spektakel. «Man sah ihr Talent, musste aber hart arbeiten mit ihr. Es ging zuerst einmal darum, ihr beizubringen, was sie überhaupt macht. Sarah schaffte Tricks, verstand sie aber gar nicht.» Noto fasst den Beginn der Zusammenarbeit in etwa so zusammen: «Wir haben sehr viel miteinander geredet, es ging zunächst um fundamentale Dinge.»

Sie hat das Knowhow des Trainerstabs regelrecht verschlungen und jeden Input sofort umgesetzt. An gewissen Tagen mussten die Betreuer die forsche Freestylerin fast ein bisschen stoppen; der Übermut der Spätberufenen beschleunigte den Aufstieg nicht immer. Aber ihre Courage, ihre Bereitschaft, Schmerzen auszuhalten, zahlten sich aus. «Sie steht nach jedem Crash wieder auf», sagt Noto.

Ihr ungewöhnlicher, kaum einmal gerader Weg führte sie zum wertvollsten Ergebnis ihrer Karriere. Im dritten Final-Run gelang Höfflin, was nur Champions können: unter Druck im wichtigsten Wettkampf die maximale Performance abzurufen. Nach einem «Auf und Ab», nach einer manchmal «etwas komplizierten» Lebenslinie, wie sie selber resümierte.

Der Diamant funkelte, die Kronjuwelen leuchteten. Und die zweitklassierte Teamkollegin Mathilde Gremaud wollte mit ihrer Copine «einfach Spass haben». Ein Duo aus der Romandie ganz oben – ein Novum, unvergleichlich. «Riesig wars.» Noto übertrieb nicht.

(SDA)


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