«Haare schneiden war mein Leben»

Von Vanessa Kobelt
Mit knapp 80 Jahren geht der Coiffeur Georg Karagougas in den Ruhestand.
Mit knapp 80 Jahren geht der Coiffeur Georg Karagougas in den Ruhestand. © FM1Today/Vanessa Kobelt
Mit bald 80 Jahren schliesst der Coiffeur Georg Karagougas in Rüthi schweren Herzens sein Geschäft. Jahrelang schnitt er vielen Leuten im Dorf die Haare – und das mit ganz viel Leidenschaft.

«Es tut weh, wenn ich daran denke, schon bald das letze Mal eine Schere in der Hand zu halten», sagt Georg Karagougas und schaut verträumt in den Spiegel des kleinen, schmucken Coiffeursalons. Ein wenig sieht es dort aus, als wäre die Zeit stehen geblieben. Fast 45 Jahre lang war Georg Karagougas Coiffeur in Rüthi. Ende Mai macht er sein Geschäft nun zu. Obwohl Georg Karagougas schon längst pensioniert wäre, kann er sich es kaum vorstellen, wie es ist, keine Kunden mehr zu empfangen. «Ich werde es sehr vermissen», sagt der bald 80-Jährige. «Coiffeur zu sein, war für mich nie ein Beruf. Haare schneiden war mein Leben und ist bis heute eine grosse Leidenschaft.»

Aus zwei Wochen wurden zehn Jahre

Der gebürtige Grieche kam in die Schweiz, um eine Coiffeur-Stelle in Appenzell anzutreten, die er durch seinen Cousin erhalten hatte. Dazu kam es aber nie. «Ich war zwei Wochen zu früh in der Schweiz», sagt Georg Karagougas. «Da haben mich die Zöllner nach Österreich geschickt. Zufällig suchte der Coiffeur des Zöllners gerade einen Mitarbeiter. Ich wollte nur für zwei Wochen in Feldkirch aushelfen, bin dann aber zehn Jahre geblieben.» Erst danach kam Georg Karagougas über die Österreicher Grenze nach Rüthi, wo er sein eigenes Geschäft aufmachte.

«Mir ging es nie ums Geld»

Zu Beginn war Georg Karagougas ein reiner Herrencoiffeur. Um die weiblichen Kunden kümmerte sich seine damalige Frau. Erst als diese verstarb, liess er sich auch zu Frauen-Frisuren hinreissen. «Das Schönste an dem Beruf ist, dass man seiner Fantasie manchmal freien Lauf lassen und kreativ sein kann», so Georg Karagougas. «Ich liebe es, etwas Neues zu erschaffen, etwas, was nicht jeder kann. Viele Coiffeure arbeiten, damit sie Geld verdienen. Mir war es immer egal, wie lange ich für eine Frisur hatte. Hauptsache sie hat mir und dem Kunden am Schluss gefallen.»

Geheimnisse bewahren

Der Beruf Coiffeur ging für Georg Karagougas weit übers Haare schneiden, waschen und föhnen aus. Für viele Menschen war er eine Bezugsperson, ja oft auch eine Art Psychiater. «Die Leute haben sehr oft ihr Herz bei mir ausgeschüttet und ich habe ihnen gerne zugehört. Coiffeur und Psychiater ist fast dasselbe! Als Coiffeur musste ich viele Geheimnisse für mich behalten. Die Kunden haben mir Geschichten anvertraut, die sonst niemand wusste. Ich hätte ihre Geheimnisse aber für keinen Preis der Welt weiter erzählt.»

Streitereien im Salon

Auch selbst hat Georg Karagougas viele Geschichten in seinem Salon erlebt. Es kam immer wieder vor, dass sich Ehepaare über die Frisuren stritten. «Einmal beharrte ein Mann darauf, dass ich ihm die Haare ganz kurz schneide, obwohl seine Frau dagegen war. Ich versuchte zu schlichten, aber die Ehefrau drohte ihrem Mann, er würde was erleben, sobald er nachhause käme und stürmte davon. Seine Haare haben wir trotzdem kurz geschnitten. Solche Streitereien gibt es immer wieder.»

Auch zwischen Kindern und ihren Eltern kam es immer wieder mal zu Auseinandersetzungen. «An eine Geschichte kann ich mich gut erinnern. Das Kind wollte seine langen Haare behalten, die Mutter wollte, dass sie kurz geschnitten werden. Ich entschied mich für einen Kompromiss und schnitt die Haare halblang. Am Schluss haben beide, sowohl das Kind als auch die Mutter, geweint.»

«Meine Kunden werden mir fehlen»

Meist erlebte Georg Karagougas aber schöne Momente mit seinen Kunden. Momente, an die er auch in seinem wohlverdienten Ruhestand denken wird. «Die Kunden waren es, die mich dazu brachten, noch bis 80 weiter zu arbeiten und die Kunden sind es, die mir auch am meisten fehlen werden», so Karagougas. Noch immer würden viele Leute traurig reagieren, wenn er ihnen sage, dass sein Geschäft Ende Mai zugeht. Doch für ihn sei es nun an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen. «Auch wenn es weh tut… Irgendwann muss man aufhören und mit fast 80 Jahren ist es bestimmt nicht zu früh.»

(kov)


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