Jérôme Boateng, wertvoll wie nie

Ausgelassener Jubel nach seinem ersten Länderspiel-Tor im EM-Achtelfinal: Jérôme Boateng
Ausgelassener Jubel nach seinem ersten Länderspiel-Tor im EM-Achtelfinal: Jérôme Boateng © KEYSTONE/AP/FRANK AUGSTEIN
Jérôme Boatengs Aufstieg zum für viele derzeit weltbesten Innenverteidiger verlief keineswegs rasant, aber kontinuierlich. Er ist als Leader im deutschen Weltmeister-Team nicht mehr wegzudenken.

Gerard Piqué? Sergio Ramos? Oder eben doch die Brasilianer Thiago Silva oder David Luiz? Bei Debatten um die Frage nach dem besten Innenverteidiger wurde der Name von Jérôme Boateng bis zur WM 2014 kaum einmal genannt. Doch seit dem deutschen Titelgewinn in Brasilien taucht der 192 cm grosse Modellathlet bei nahezu jedem Experten in den Top 3 für diese Position auf.

Je bedeutender das Spiel, desto stärker Boateng. Im WM-Final im Maracanã gegen Argentinien war Boateng der beste Mann auf dem Platz, ein Jahr zuvor im Champions-League-Final mit der beste Spieler und Ausgangspunkt von Bayerns Siegtreffer gegen Dortmund. Der 63-fache deutsche Internationale agiert als Abwehrchef mit viel Übersicht und notfalls mit grosser Wucht. Nicht mehr Mats Hummels gilt in Joachim Löws Equipe als Schlüsselspieler im Defensivspiel, sondern der gebürtige Berliner mit ghanaischen Wurzeln. Anders als 2010, 2012 und 2014 startete Boateng nicht als Aussenverteidiger in ein grosses Turnier, sondern war von Beginn weg als Abwehrchef im Zentrum unverzichtbar.

Gross war die Sorge deshalb bei den bayrischen und deutschen Fans, als Boateng Ende Januar einen Muskelbündelriss in den Adduktoren erlitt und eine mehrmonatige Pause folgte. Und gross war die Sorge im deutschen Lager, als Boateng vor dem ersten K.o.-Spiel in Frankreich eine Verhärtung der rechten Wade zu schaffen machte. An der EM vor vier Jahren hätte eine ähnliche Blessur Boatengs nicht annähernd zu so vielen Schlagzeilen und medizinischen Wasserstandsmeldungen geführt wie in der vergangenen Woche geschehen.

“Boateng ist die deutsche Bank”, titelte die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” nach dem Achtelfinalsieg Deutschlands gegen die Slowakei. Den Weg zum fünften Sieg in Folge ohne Gegentor hatte bereits in der 8. Minute der Abwehrchef geebnet; erstmals im Trikot des Nationalteams durfte sich Boateng als Torschütze feiern lassen. Entsprechend ausgelassen fiel sein Jubel aus. “Wie ein TGV zog er los und wäre mit seinen entfesselten 92 Kilo wohl selbst in einem Rugby-Spiel von niemandem zu stoppen gewesen.”

Die von der “FAZ” treffend beschriebene Szene nach dem Tor erinnerte irgendwie an Boateng als jungen Verteidiger beim Hamburger SV, Manchester City und im ersten Jahr bei Bayern München: Immer wieder wurde ihm damals zum Vorwurf gemacht, er agiere zu wenig abgeklärt, zu emotional und gleichzeitig zu unkonzentriert. Sinnbildlich für seine einst überhastete Spielweise steht das erste Länderspiel im Oktober 2009 in Russland, als Boateng nach 69 Minuten nach einer kompromisslosen Grätsche am Strafraum vom Tessiner Schiedsrichter Massimo Busacca mit Gelb-Rot des Feldes verwiesen wurde.

Noch unter Jupp Heynckes, erst recht jedoch unter Pep Guardiola entwickelte sich der mittlerweile viermalige deutsche Meister bei Bayern auf dem Platz zu einem Ruhepol. Sein Spiel wurde sehr viel überlegter, seine Angriffsauslösung verdient das Prädikat “Weltklasse”. “Ich will nicht mehr möglichst schnell jeden Ball zurückerobern – um dann dabei ein blödes Foul zu begehen”, sagte der grosse USA-Fan jüngst in einem Interview mit der Klubzeitschrift “Bayern-Magazin”. “Für unser Spiel ist es sehr wichtig, dass ich diese Ruhe ausstrahle.”

Unaufgeregt gibt sich Boateng auch abseits des Fussballplatzes. Markige Sprüche hört man von ihm keine, der Modeliebhaber fällt primär durch seine markanten Brillengestelle und Baseball-Caps auf. Auf sein Outfit legt er grossen Wert, besonders auf die Schuhe. Boatengs Sammlung von mittlerweile mehr als 500 Paar lässt jede Frau mit Schuhtick neidisch werden. Rein äusserlich ginge er locker als Rapper durch. Geschäftlich ist er seit einem Jahr mit einem der weltweit bekanntesten verbandelt. Boateng war der erste europäische Sportler, den die amerikanische Rap-Ikone Jay Z respektive dessen Firma “Roc Nation” unter Vertrag nahm.

Ob Jay Z demnächst auch einen Europameister zu seinen Klienten zählen kann, liegt freilich nicht an Boateng alleine. Schon die nächste Herausforderung im Viertelfinal ist ungleich grösser als die bisherigen an dieser EM. Doch je bedeutender das Spiel und je besser der Gegner, desto stärker und abgeklärter präsentierte sich der deutsche Abwehrchef zuletzt.

(SDA)


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