«Kopf hoch – auch wenn Hals dreckig ist»

Peter Hochreutener kann durch sein Handicap nicht mehr Trompete spielen und sammelt darum Geld mit der Drehorgel.
Peter Hochreutener kann durch sein Handicap nicht mehr Trompete spielen und sammelt darum Geld mit der Drehorgel. © FM1Today/Lara Abderhalden
Peter Hochreutener sitzt seit einer misslungenen Operation am Kopf im Rollstuhl. Er kann weder seine Beine noch seinen linken Arm bewegen. Sein Leben war und ist häufig ein Krampf. Trotzdem lacht der 69-Jährige immerzu, vor allem dann, wenn er mit seiner Musik anderen helfen kann.

«Ich möchte den Menschen Mut machen. Jeder soll sich etwas leisten können, auch Menschen die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen», sagt Peter Hochreutener und bedient mit seiner rechten Hand einen Hebel an seinem Rollstuhl, der ihn vorwärts fahren lässt. «Setz dich doch», er zeigt mit eben dieser rechten Hand auf einen freien Stuhl. Zwischen Trompeten, Alphörnern und einer Drehorgel führen wir das Gespräch. «Weisst du, im Moment geht es mir richtig gut», sagt Peter Hochreutener und strahlt. «Was tust du Peter?», will ich von dem Vollblutmusiker wissen, der darauf besteht, dass man ihn mit «du» anspricht, und er beginnt zu erzählen.

«Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist»

Eigentlich sei er als «Trompeten-Peter» bekannt gewesen, sei auf der ganzen Welt herumgereist, habe Konzerte in Australien, den USA oder Ungarn gegeben. Habe alle möglichen Instrumente beherrscht: «Heute sind es noch drei: Die Mundharmonika, das Alphorn und die Drehorgel.» Wobei die Drehorgel für ihn am einfachsten zu bedienen ist. Mit dieser Drehorgel sammelt er jedes Jahr Geld für die Sammelaktion «OhO- Ostschweizer helfen Ostschweizer». Auch diesen Samstag wird er wieder in der Landi in Goldach musizieren. Um die 2000 Franken habe er jeweils sammeln können, in dem er einen halben Tag in der Landi musiziert.

«Viele die an mir vorbeilaufen haben buchstäblich Tränen in den Augen. Sie wissen, dass ich viel nicht mehr machen kann, aber trotzdem beweise, dass ich den Kopf nicht hängen lasse.» Peter Hochreuteners Motto lautet: «Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist.» Obwohl er selbst einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen musste, gibt es für den 69-Jährigen nichts schöneres, als anderen eine Freude zu bereiten: «Ich bin nicht auf Materielles ausgerichtet, ich will einfach nur Freude weiter geben.»

«Viele sind schlechter dran als ich»

Nicht nur für OhO sammelt Peter Hochreutener Geld, sondern auch für zahlreiche weitere gemeinnützige Organisationen. Ausserdem gibt er Kindern und Jugendlichen Gratis-Musikunterricht. «Ich will einfach alles geben, was ich habe. Es gibt so viele Menschen auf der Welt, die noch schlechter dran sind als ich.» Seine fröhliche Art und sein aufgestelltes Gemüt hat er nicht zuletzt seiner Familie zu verdanken. Sie war es, die immer für ihn da war, auch zu den düsteren Zeiten in seinem Leben.

Nach Operation dreifach gelähmt

Im Jahr 2008 musste Peter Hochreutener einen Hirntumor operieren. Es war die letzte von einer Reihe von Operationen, die zuvor alle ohne Komplikationen verliefen. «Bei der fünften Operation passierte ein Missgeschick. Seither bin ich dreifach gelähmt. Kann meine Beine und meine linke Armseite nicht mehr bewegen.» Insgesamt 15 Operationen musste er sich in seinem Leben schon unterziehen. «Ein ganzes Jahr pendelte ich zwischen Spital und Reha-Klinik hin und her.» Dies sei eine unglaublich schwere Zeit gewesen. Eine Zeit oder Erfahrung, die Peter Hochreutener nicht durchgestanden hätte, hätte er nicht seine Familie an seiner Seite gehabt. «Jeden Tag besuchte mich entweder meine Frau oder eines meiner vier Kinder. Es verstrich kein Tag, ohne dass ein Familienmitglied bei mir war.»

«Ich bekomme manchmal feuchte Augen»

Dies habe ihm Kraft gegeben und Lebensfreude: «Viele sagen, ich sehe immer so zufrieden aus und das bin ich auch. Es macht so viel Spass mit meiner Familie zu sein, da lacht mein Herz.»

Natürlich gibt es auch im Leben des Dreh-Orgel-Spielers schwierige Tage. Tage an denen er Schmerzen hat oder mit sich selbst hadert. «Es tut mir einfach weh, dass ich so viele Instrumente nicht mehr spielen kann. Ich bekomme feuchte Augen, wenn ich die Leute mit einem mechanischen Instrument glücklich machen muss oder wenn mich Menschen an frühere Auftritte erinnern.» Die physischen Schmerzen blende er aus, so gut es geht.

Peter Hochreuteners Blick schweift über die Trompeten – sein Lieblingsinstrument – und er sagt: «Es war einmal, es kommt nicht mehr, aber schön ist es gewesen.» All die Erlebnisse seien tief in seinem Herzen verankert und daran werde er sich immer halten.

Mit dem Helikopter auf die Alp

Trotz seiner Behinderung durfte er auch Dinge erleben, die er niemals für möglich gehalten hätte: «Mein grösster Traum war es, einmal noch auf die Altenalp im Alpstein zu gehen. Meine Tochter hat das mit der Sendung ‹Happy Day› eingefädelt. Ich wurde mit einem Helikopter hier abgeholt und auf die Alp geflogen. Das war ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist.»

«Würdest du mir ein Stück auf der Drehorgel vorspielen?», frage ich zum Abschluss und Peter Hochreutener lächelt, schiebt die Orgel in seine Nähe und beginnt mit seiner rechten Hand zu drehen. Bereits beim ersten Klang der Drehorgel erhellt sich das Gesicht des Musikers noch mehr und nach ungefähr drei Umdrehungen singt er fröhlich mit. «Mein Ziel ist es auch dieses Jahr 2000 Franken zu sammeln», sagt er. «Vielleicht schaffe ich auch 2500.»

Einen Bazen oder ein Nötli in Peter Hochreuteners Kässeli kann jeder am kommenden Samstag, 9. Dezember, in der Landi in Goldach geben. Zwischen 9.45 Uhr und 15.00 ist der 69-Jährige an seiner Drehorgel anzutreffen.
(abl)


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