Topsportler ticken einfach anders

Von Leila Akbarzada
Marc Girardelli gewann fünfmal den Gesamtweltcup.
Marc Girardelli gewann fünfmal den Gesamtweltcup. © Website Marc Girardelli (www.marc-girardelli.com)
Marc Girardelli ist mit 46 Weltcupsiegen, fünf Gesamtweltcupsiegen und 13 Medaillen an Weltmeisterschaften und olympischen Spielen eine Skilegende. Der Vorarlberger, der seit über 20 Jahren in der Ostschweiz lebt, über Lara Gut, seine Lieblingsskifahrer, und warum Spitzensportler Zicken sein müssen.  

Marc Girardelli, im Moment feiert die Schweiz den Erfolg von Lara Gut. Was halten sie von der Tessinerin?

Ich kenne Lara Gut und ihre Familie schon seit vielen Jahren. Sie war natürlich anfangs eine Querschlägerin, aber sie hat sich sehr gut in die Nationalmannschaft eingefügt und ich glaube, sie ist eine richtige Bereicherung für den Skisport in der Schweiz. Ich bin sehr glücklich, dass sie gewonnen hat. Ich habe sie immer unterstützt.

Haben sie eine persönliche Beziehung zu Lara Gut? 

Nein, soweit geht es nicht. Wir haben uns über den Weltcup kennengelernt. Sie hat ja schon früh angefangen mit dem Profisport. Wir hatten schon immer eine sehr gute Chemie. Ich komme sehr gut mit ihr aus. Sie ist eine taffe Sportlerin. Sie hat keine Angst, ihre Meinung zu sagen, auch vor grossen Funktionären. Das gefällt mir.

Hat sie Sie auch schon um Rat gefragt?

Ich glaube nicht, dass Lara irgend wen um Rat fragt (lacht).

Was für Erfolge stehen Lara bevor?

Was ihr noch fehlt, sind ein paar Goldmedaillen bei der Olympiade und der Weltmeisterschaft. Bisher hatte sie diesbezüglich etwas Pech und hat mit geringem Abstand “nur” Silber oder Bronze geholt. Aber sie ist noch jung und kann bei der nächsten Weltmeisterschaft in St.Moritz und der Olympiade in Südkorea sicherlich absahnen.

Lara wurde vorgeworfen, sie sei eine Zicke. Auch Ihnen hat man nachgesagt, sie seien sehr eigenwillig. Muss man als Skisportler einen Dickschädel haben?

Auf jeden Fall. Topsportler ticken einfach anders. Das ist nicht nur beim Skifahren so, sondern auch bei vielen anderen Profisportarten. Man kann nicht von Sportlern herausragende Leistungen erwarten, und kaum sind sie durch das Ziel, sollen sie wieder möglichst normal sein. Spitzensportler brauchen Dickköpfe, sonst kommen sie nicht weiter.

Der Österreicher Marcel Hirscher scheint drauf und dran zu sein, Ihren Weltrekord zu übertrumpfen. Haben Sie ihm schon gratuliert?

Ja, und zwar schon öfters. Er ist ein herausragender Athlet. Ich bewundere ihn sehr. Er wird sicher auf dem Niveau noch ein paar Jahre weiterfahren. Also ja, ich gehe davon aus, dass er mich bald überholt.

Stört Sie das, dass ein Jungspund nun ihr Zepter übernimmt?

Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil. Es freut mich, wenn Sportler so erfolgreich sind.

Wer sind für Sie die herausragendsten Skifahrer?

Also einer der herausragendsten Skifahrer ist für mich der Franzose Jean-Claude Killy, den ich als Kind schon bewunderte. In den zwei oder drei Jahren, die er gefahren ist, hat er richtig abgeräumt wie kein anderer Athlet danach. Gustav Thöni bewundere ich sehr, und Ingemar Stenmark war mit Abstand der Grösste. Es fehlte ihm zwar wie auch Alberto Tomba die Stärke in der Abfahrt, aber gesamthaft gesehen waren die einfach top. Und das Duell zwischen dem Schweizer Pirmin Zurbriggen und mir hat in mir unglaublich viel Respekt für ihn hervorgerufen. Er war ein sehr fairer Sportler. Und ich habe keinen erlebt, der so hart war wie Pirmin.

Was trauen Sie den Schweizer Leadern Beat Feuz und Carlo Janka noch zu?

Feuz hatte bisher wirklich etwas Pech in seiner Karriere. Er war drauf und dran, 2012 den Weltcup zu gewinnen. Aber er hatte eine sehr schwere Verletzung. Er hatte eine Infektion am Fuss und hätte ihn fast verloren. Drei Jahre musste er kämpfen, bis er wieder fit wurde. Für mich ist es ein Wunder, dass er mit einem so starken Auftritt zurückgekommen ist. Ich traue ihm zu, dass er bis nächstes Jahr für die Weltmeisterschaft wieder voll parat ist und wer weiss, diese vielleicht auch gewinnt.

Ich habe mich sehr gefreut über Carlo Jankas Erfolge in dieser Saison. Er hat sich meines Ermessens nach aus seiner Krise erholt und wird auch auf die Weltmeisterschaft nächstes Jahr wieder so richtig am Start sein.

Vermissen Sie den Spitzensport manchmal?

Nein, überhaupt nicht. Spitzensport ist für mich keine emotionale Sache mehr. Die zwanzig Jahre, die ich in den Sport investiert habe, kosteten mich so viel Energie und so viel Emotion, dass nichts mehr übrig geblieben ist dafür. Meine Emotion heute investiere ich mehr in die Familie, ins Geschäft und in die Freizeit.

Wie hat es Sie in die Ostschweiz verschlagen?

Meine Grossmutter war aus Berneck. Ich habe auch Verwandte hier und darum schon immer einen Bezug zur Ostschweiz gehabt. Ich hatte Ende 80er Jahre den Wohnsitz in Oberegg in Appenzell Innerrhoden. Seit sechs Jahren wohnen wir in Rebstein. Meine Kinder gehen hier zur Schule, wir fühlen uns sehr wohl. Wir leben an einem Ort mit viel Sonne. Rebstein ist Nahe von Österreich. Ich habe sehr viel Freunde auf beiden Seiten der Grenze. Der Ort verbindet mein Umfeld und meine Heimat ideal. Das Einzige, was mich manchmal stört, ist der Föhn. Wenn wegen ihm die Blumentöpfe im Garten wieder einmal umfallen, schickt mich stets meine Frau, um diese wieder aufzustellen. Für dieses Problem brauche ich noch eine Lösung (schmunzelt).

Wie Marc Girardelli seit dem Ski-Karriereende seine Zeit vertreibt, erzählt er im TVO-Talk.


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