Matthias Sempach vor dem speziellen Hattrick

Matthias Sempach wird eine solche Erfrischung in der Hitze von Estavayer nicht schaden können
Matthias Sempach wird eine solche Erfrischung in der Hitze von Estavayer nicht schaden können © KEYSTONE/ALEXANDRA WEY
Wochenlang ist darüber geschrieben und berichtet worden, und heute Samstagmorgen gilt es endlich ernst. Schwingerkönig Matthias Sempach ist der Gejagte am Eidgenössischen Fest in Estavayer.Seit 1895 konnte nur Hans Stucki vor mehr als hundert Jahren drei Eidgenössische Feste in Folge gewinnen.

Matthias Sempach wird es am Wochenende (noch) nicht nachmachen. Dennoch steht für den 30-jährigen Alchenstorfer ein Hattrick auf dem Spiel.

Der Begriff des Hattricks bezieht sich in diesem Fall auf die Wettkämpfe mit eidgenössischem Charakter. Dazu zählen nebst den Eidgenössischen Festen auch die jeweiligen Revanchen Kilchberger Schwinget und Unspunnenfest sowie Sonderanlässe wie der Bundesfeier-Schwinget 1991 in Flüelen oder der Expo-Schwinget 2002 in Murten. Drei solche Anlässe in Serie zu gewinnen ist seit 1954 keinem gelungen. Walter Flach war der bislang Letzte, vor ihm schafften auch Peter Vogt, Willy Lardon und Werner Bürki das bemerkenswerte Triple. Sempach könnte also nach 62 Jahren nachziehen.

Vom neuerlichen Triumph scheint Sempach aber nicht nur zwei Wettkampftage mit zweimal vier Gängen entfernt zu sein. Er sieht sich einer ganzen Reihe von Herausforderern aus den eigenen Reihen und aus den andern Teilverbänden ausgesetzt. Seit dem Fest in Chur 1995 waren die Prognosen nie so schwierig wie diesmal. In der Ära Jörg Abderhalden war es einfach, auf Jörg Abderhalden zu setzen. Vor sechs Jahren in Frauenfeld gehörte der nachmalige König Kilian Wenger ebenso dem engsten Favoritenkreis an wie Matthias Sempach vor drei Jahren in Burgdorf.

Die Bastion der Berner, die in den letzten acht Jahren nahezu uneinnehmbar zu sein schien, war in dieser Saison nicht mehr ganz so solid. Dies hing einerseits damit zusammen, dass sich die Koryphäen Matthias Sempach und Christian Stucki, der Kilchberger Sieger von 2008, mit Verletzungen herumschlagen mussten. Für die beiden guten Freunde wird es am Wochenende nicht einfacher werden, wenn man einer einschlägigen Statistik vertraut. Diese besagt, dass nach 1940 kein Schwingerkönig mehr älter als 29 war. Stucki ist aber 31, Sempach 30. Vielleicht gelingt es dennoch einem von ihnen, das ungeschriebene Gesetz zu brechen – wohl viel eher jedenfalls als den Doyens Arnold Forrer und Martin Grab, die beide 37 Jahre alt sind. Forrer, Schwingerkönig 2001, und Grab, Sieger des Expo-Schwingets 2002 und des Unspunnenfests 2006, sind sich an ihrem vermutlich letzten Eidgenössischen der nahezu unlösbaren Aufgabe bewusst. Sie machen kein Hehl daraus, dass sie mit dem Gewinn des siebten eidgenössischen Kranzes vollauf zufrieden wären. Recht deutlich jenseits der 30 sind auch die Aushängeschilder des Nordwestschweizer Verbandes der letzten Jahre: Bruno Gisler, Christoph Bieri, Mario Thürig.

Sind die Jungen reif?

Fragt man sich beispielsweise bei Stucki, ob er schon zu alt sein könnte, gilt die umgekehrte Frage für Jungspunde wie Pirmin Reichmuth, Samuel Giger, Armon Orlik, Benjamin Gapany, Nick Alpiger, Remo Käser und Matthias Aeschbacher: Sind sie schon alt genug? Sind sie reif genug für die Krone? Beispiele sehr junger Schwingerkönige gab es etliche. Remo Käsers Vater Adrian Käser zum Beispiel, dann Thomas Sutter, Jörg Abderhalden und zuletzt Kilian Wenger. In der Aufzählung der jungen Herausforderer in Estavayer fehlt bedauerlicherweise Joel Wicki. Dem aufstrebenden Entlebucher aus Sörenberg hätte man vieles zugetraut, aber er erlitt am Schwägalp-Schwinget, zwei Wochen vor dem Eidgenössischen, einen Unterschenkelbruch. Sein Fehlen bedeutet für die Innerschweizer Mannschaft, aber auch für alle neutralen Fans einen Verlust.

Die Sonderstellung unter den Jungen nimmt Armon Orlik ein. Der Bündner aus Maienfeld hat in dieser Saison sechs Kranzfeste gewonnen, doppelt so viele wie der Zweitbeste. Die Triumphe am eigenen Teilverbandsfest sowie an den Bergfesten Weissenstein und Schwägalp ragen heraus. Zu Beginn des Jahres wurde der Thurgauer Samuel Giger allgemein stärker eingeschätzt. Aber Orlik machte vor allem innerhalb der Saison grosse Fortschritte, sodass er heute unter allen Jungen zurecht als erster Anwärter auf den Königstitel gehandelt wird. Giger und Orlik sind die Beweise dafür, dass die Nordostschweizer ihre seit 2007 anhaltende Durststrecke überwunden haben. Auch dank dem unberechenbaren Michael Bless und Daniel Bösch, dem Überraschungssieger des Unspunnenschwingets 2011, stellen sie für Estavayer einen kleinen, aber feinen Trupp an Spitzenkräften.

Für die Innerschweizer gilt Ähnliches. Die Phalanx der wirklich Bösen ist nicht breit, aber kräftig. Christian Schuler, der Schwyzer aus Rothenthurm, dreifacher Sieger in dieser Saison, schreitet voran. Seine Sekundanten sind Andreas Ulrich und der blutjunge Pirmin Reichmuth, eines der grössten Talente überhaupt. Der Zuger könnte jetzt schon einer der ersten Anwärter auf den Festsieg sein, wäre er nicht in den letzten Jahren zweimal von Kreuzbandrissen geplagt und zurückgeworfen worden.

Im Berner Verband hat man offensichtlich aus der Geschichte gelernt. Als Niklaus Gasser, Christian Oesch und Christian von Weissenfluh sowie die Schwingerkönige Adrian Käser und Silvio Rüfenacht als Vertreter der letzten starken Generation älter wurden und sich den Rücktritten näherten, waren weit und breit keine Jungen zur Stelle, die hätten übernehmen können. In der Euphorie des Erfolgs hatte man die Nachwuchsarbeit vernachlässigt. Diesmal sieht es anders aus. Wenn Sempach und Stucki (und wohl später auch Wenger) aufhören, könnten beispielsweise Remo Käser und Matthias Aeschbacher ihre Stelle einnehmen. Schon in Estavayer werden sie alles daran setzen, auf ihre Fähigkeiten aufmerksam zu machen.

Samuel Feller, eidgenössischer Technischer Leiter und in Estavayer Präsident des Einteilungskampfgerichts, freut sich nach eigenen Aussagen riesig auf möglichst viele Duelle zwischen den älteren Topschwingern und den jungen Herausforderern, immer unabhängig von der Zugehörigkeit zu den fünf Teilverbänden. Dennoch ist es sehr wahrscheinlich, dass zuletzt keiner am heuer noch starken Berner Dreizack Sempach/Wenger/Stucki vorbeikommen wird. Ein Berner Schlussgang wie 2013 in Burgdorf – Sempach gegen Stucki – dürfte jedenfalls niemanden überraschen.

(SDA)


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