«Niemand hat den Ernst der Lage erkannt»

Von Stephanie Martina
Am Wochenende kam es in der Trichterrutschbahn «Wirbelwind» zu einem Unfall
Am Wochenende kam es in der Trichterrutschbahn «Wirbelwind» zu einem Unfall © Hanspeter Schiess/St.Galler Tagblatt/Archiv
Der St.Galler Robin Posner (27) blieb am Sonntag in einer Rutschbahn im Säntispark in Abtwil stecken und zog sich dabei Verletzungen zu. Dass es zum Unfall kam, sei ein Versäumnis des Säntisparks, sagt er. Diesen Vorwurf kann das Erlebnisbad nicht dementieren.

Robin Posner hat am Wochenende erlebt, was einer Horrorvorstellung gleich kommt: Er war gefangen in einer dunklen, engen Rutschbahn, durch die das Wasser unaufhörlich schoss. Dass er in diese Notsituation geraten war, ist seiner Ansicht nach die Schuld des Erlebnisbades Säntispark. «Niemand hat die beiden Jungen, die mit aufblasbaren Reifen auf  die Rutschbahn wollten, davon abgehalten und ihnen gesagt, dass das verboten und – wie wir jetzt wissen – sehr gefährlich ist», sagt der St.Galler, welcher in der Trichterrutsche «Wirbelwind» festsass.

Zum Unfall kam es, weil zwei Jungen vor Robin Posner und seinen beiden Freunden mit Reifen die Körperrutsche hinunterrutschten, obwohl Reifen auf dieser Bahn verboten sind. Als die Ampel dann grün wurde, rutschten auch Robin Posners Cousin und danach er selbst. Plötzlich sei er während der Fahrt in die Reifen geprallt, die in der Rutsche stecken geblieben waren. «Meinem Cousin gelangt es, sich zu befreien und unter den Reifen hindurch zu rutschen – doch ich blieb in der dunklen Rutsche stecken», erzählt Robin Posner. Wenig später sei ein weiterer Freund mit vollem Tempo auf ihn zugeschossen gekommen. Aufgrund der enormen Wucht, mit der er die Rutsche hinunter kam, sei er unter Robin Posner und den Ringen hindurchgerutscht.

Zu dritt in Röhre eingeklemmt

Robin Posner sass jedoch weiterhin fest. Vergeblich habe er versucht, die Reifen wegzuschieben und sich durchzuzwängen. «Da wurde mir der Ernst der Lage bewusst. Ich merkte, dass ich jetzt ziemlich im Seich bin», sagt Robin Posner. In dieser Notsituation habe er gehofft, dass seine Freunde merken würden, dass er nicht rauskomme würde und sie Alarm schlagen würden, damit jemand das Wasser abstelle. Doch das Wasser floss unaufhörlich weiter und im nächsten Moment merkte Robin Posner bereits, dass von oben der Nächste heranrutschte und kurz darauf auch dessen Freundin. Beide prallten in Robin Posner.

«Dann waren wir zu dritt in der dunklen Röhre eingeklemmt und konnten uns nicht befreien. Die junge Frau bekam Panik, weinte und schrie, dass sie Angst hatte», erinnert sich der St.Galler. Irgendwie sei es ihnen dann gelungen, einen Reifen zu lösen und sich durchzuquetschen. Wenig später erreichten sie endlich den Ausgang der Rutsche. Wie lange er in der Rutsche festgesteckt hatte, kann Robin Posner im Nachhinein nicht genau sagen. Vielleicht fünf Minuten, vielleicht aber auch zehn.

«Niemand fühlte sich zuständig»

Doch als sie unten angekommen waren, war niemand da. «Es fühlte sich niemand zuständig. Von meinem Cousin erfuhr ich, dass der Angestellte, der vor der Überwachungskamera sass, anscheinend auf sein Handy geschaut hatte. Mein Cousin hatte ihn um Hilfe gebeten, doch es geschah nichts», sagt Robin Posner.

Schliesslich sei der Chefbademeister eingeschritten und hätte sich zuerst um die junge Frau gekümmert, die sich in der Rutschbahn ernsthaft am Fuss oder am Bein verletzt hatte und nicht mehr laufen konnte. Robin Posner ist überzeugt: «Niemand hat den Ernst der Lage erkannt. Es hätte auch ganz anders – noch viel schlimmer – herauskommen können.»

Der 27-Jährige fordert, dass die Sicherheitsmassnahmen überarbeitet werden, damit so etwas nicht wieder vorkommt. «Es kann nicht sein, dass Besucher in Gefahr geraten, weil niemand kontrolliert, wie gerutscht wird.» Entweder müsse oben an der Rutsche ein Bademeister für die Sicherheit der Rutschenden sorgen, oder es müsse durch eine Absperrung verhindert werden, dass Ringe auf die Rutsche mitgenommen werden könnten.

Bademeister verliess Kontrollraum

Aus Sicht des Säntisparks kam es aufgrund eines Zusammenspiels mehrerer Fehlverhalten zu diesem Unfall, wie Andreas Bühler, Säntispark-Mediensprecher sagt. «Inzwischen haben wir die Videobilder ausgewertet und festgestellt, dass sich unser Bademeister zum Zeitpunkt des Unfalls nicht im Überwachungsraum aufgehalten hat, weil er eine Gruppe von Gästen auf die Regeln in der Rutschenwelt aufmerksam machte. Das hätte unser Mitarbeiter nicht tun dürfen», gibt Andreas Bühler zu.

Der Bademeister sei während seiner Einsatzzeit angehalten, permanent im Kontrollraum zu sein und die Videos zu überwachen. Stelle er ein Fehlverhalten fest, müsse er einen anderen der vier bis fünf Bademeister informieren, damit diese eingreifen könnten. In dem Moment, als er seinen Platz verlassen habe, hätten sich die beiden Jungen mit ihren Ringen in die Rutschbahn «Wirbelwind» begeben, was ein weiteres Fehlverhalten – diesmal seitens der Besucher – darstelle.

Zum selben Zeitpunkt war der Bademeister, der die Jungen auf der oberen Ebene beim Start der Rutschbahn hätte davon abhalten sollen, mit ihren Reifen zu rutschen, durch andere Badegäste abgelenkt. Dadurch sei es zum Unfall gekommen, bei dem fünf Personen durch die Reifen in der Rutschbahn während rund zwei Minuten blockiert wurden.

Vorerst keine weiteren Massnahmen

Nach dem Unfall berufen sich die Verantwortlichen auf die bereits bestehenden Sicherheitsmassnahmen. «Das Wichtigste ist, dass unsere Bademeister während ihres Einsatzes im Kontrollraum ständig die Bildschirme im Auge haben und sofort einen Kollegen alarmieren, wenn sie etwas Auffälliges bemerken. Auf diese Weise können wir ausschliessen, dass auf einer Rutsche etwas unbemerkt passiert», erklärt Andreas Bühler. Ob es auf den einzelnen Etagen weitere Vorkehrungen brauche, könne derzeit noch nicht gesagt werden.

Laut Andreas Bühler sei dies der erste gravierende Unfall in der Rutschenwelt seit deren Eröffnung vor gut zwei Monaten. Der Mediensprecher bestätigt, dass sich am Sonntag eine junge Frau eine starke Prellung am Fuss zugezogen habe und zwei weitere Personen leicht verletzt worden seien. Die Personalien der beiden Jungen, die mit Reifen auf die Rutsche gingen, sind dem Säntispark nicht bekannt. Die Gäste hätten sich nicht um den angerichteten Schaden gekümmert. Ob nun anhand des Videomaterials nach den Beiden gesucht wird, sei noch nicht entschieden.

Andreas Bühler geht nicht davon aus, dass der Säntispark nach diesem Vorfall einen Imageschaden davontragen wird. «Wir sind uns bewusst, dass wir sehr wachsam sein müssen, vor allem wenn viele Gäste da sind. Aber wir sind überzeugt, dass der Säntispark auch weiterhin ein sehr populäres Ausflugsziel bleiben wird.» Was Andreas Bühler betont: Über die Weihnachtsferien hätten 60’000 Gäste die Bade- und Rutschenwelt besucht. Abgesehen von einigen blauen Flecken und kleinen Blessuren habe es keinerlei Verletzungen gegeben.

«Es war grauenvoll»

Zwei Tage nach dem Vorfall schmerzen Robin Posners Blessuren an Ellbogen und Knien noch immer. Doch das sei alles nicht so schlimm, sagt er. «Viel schlimmer sind die Erinnerungen an diesen Vorfall. Die Situation im Dunkeln mit Wasser war grauenvoll. Ich fühlte mich ausgeliefert und hilflos. Und immer wieder höre ich die Hilfeschreie der jungen Frau.»

Die Trichterrutsche «Wirbelwind»:


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