Olympia-Zweiter führt mich aufs Glatteis

Von Lara Abderhalden
FM1Today-Redaktorin Lara Abderhalden lässt sich von Martin Rios das Curling beibringen.
FM1Today-Redaktorin Lara Abderhalden lässt sich von Martin Rios das Curling beibringen. © Dominic Ledergerber/TVO
Weltmeister und Olympia-Silbermedaillen-Gewinner: Martin Rios hat sich im Curling einen Namen gemacht. Vor allem die Streitereien auf dem Eis mit seiner Ex Jenny Perret machten mich «gwundrig», ob es auf dem Eis tatsächlich so wild zu und her geht.

Ich muss zugeben, mit Curling konnte ich vor den Olympischen Spielen nicht viel anfangen. Nur schon der Gedanke, freiwillig einen sauberen Boden zu wischen, gefiel mir nicht. Ausserdem dachte ich, die Sportart sei etwas für Menschen, die ihre fehlenden physischen mit ihren kognitiven Fähigkeiten kompensieren und deshalb eher Denk- als Ausdauersport betreiben.

Ich will eine Olympionikin werden

Während Olympia hat mich aber das kollektive Curling-Fieber gepackt und ich begann plötzlich, mit Wörtern wie «Zieh!», «Wisch!», oder «Double-Take-Out» um mich zu werfen. Mit einer gewissen Geringachtung sagte ich mir: «Wenn es eine Sportart gibt, die du in deinem Alter (26 Jahre) noch lernen und auf olympischem Niveau ausüben kannst, dann ist es Curling.» Ja, ich spielte sogar mit dem Gedanken, für die kommenden Spiele in Peking 2022 eine Mannschaft zusammen zu stellen. Am besten mit meiner Schwester, mit der kann ich besonders gut streiten.

Ich habe mich getäuscht und musste ziemlich schnell feststellen, dass Curling nicht nur etwas für Männer mit dicken Bäuchen und Frauen mit grossen Röhren ist. Denn die Olympia-Silbermedaille der Schweiz im Mixed Curling war mehr als «Chiflä» auf dem Glatteis.

«Ich kann nur mit Jenny so streiten»

Bevor wir uns am Mittwoch mit den speziellen Schuhen (speziell rutschigen Schuhen) auf das Eis begaben, erklärte mir Martin Rios, was ausschlaggebend für den Erfolg mit seiner Partnerin und Ex-Frau Jenny Perret war. Diejenigen, welche die Olympischen Spiele verfolgt haben, mögen sich an den ruppigen Umgang von Rios und Perret erinnern.

Genau das sei, was den Erfolg des Double-Mixed-Teams ausmacht: «Ich brauche diesen Schlagabtausch mit Jenny. Harmonie gibt es bei uns nicht, wir müssen uns ab und zu die Meinung sagen.» Er könne mit niemand anderem streiten, diesen Umgang seien sich die beiden gewohnt. Ich sagte ihm, dass er auch mich anschreien und zurechtweisen dürfe. Dies nahm er sich zu Herzen. Nicht verbal brachte er mich zu Fall, sondern körperlich.

Olympia-Martin haut mich übers Ohr

Bei den ersten Versuchen gab er mir zwei Steine. Einen in jede Hand. «Damit du das Gleichgewicht nicht verlierst», sagte er mir. Nun gut, ich meisterte diese Aufgabe mehr oder weniger solide. Weiter ging es ohne zweiten Stein, dafür mit Besen in der Hand. Das machte die ganze Sache schon schwieriger: Wie ein Elefant mit Schlittschuhen fühlte ich mich, als ich auf allen vieren wackelnd die Eisbahn entlang rutschte. «Sehr gut», sagte der Olympia-Silbermedaillen-Gewinner, «jetzt versuch doch einfach, den Stein am Schluss loszulassen». Warum nicht, dachte ich mir. Kann ja so schwierig nicht sein. Ich nahm den Besen, einen Stein und ignorierte das Lächeln, welches sich auf Martin Rios’ Gesicht breit machte.

Mit diesem ersten Stein wollte ich quasi den Grundstein meiner Karriere legen. Das einzige, was sich legte – und zwar mitten auf das Eis – war mein gesamter Körper. Kaum hatte der schwere Stein meine Hand verlassen, kippte ich um wie eine Betrunkene, die sich am Tisch festhalten wollte – diesen aber knapp verfehlte. Martin Rios lachte und ich konnte seine Schadenfreude fühlen: «Doch nicht so einfach wie es im Fernsehen aussieht?», fragte er und wollte mir aufhelfen. Leider setzte ich zuerst den Fuss mit der rutschigen Sohle auf das Eis und es «tätschte» mich erneut seitwärts auf das harte Glatteis.

Curling ist streng!

Autsch. Glatte Sache, dachte ich und mein Ego schrumpfte mit jedem weiteren kläglichen Versuch, mich aufzurichten. «Nein, nicht so einfach», antwortete ich kichernd. Bei jedem Versuch, meinen Körper so wenig wie möglich ins Curlen zu bringen, wuchs der Respekt gegenüber Martin Rios. Obwohl er vermutlich fast doppelt so massig ist wie ich, «schliderte» er graziös über das Eis, liess den Stein gehen, ohne dabei mit der Wimper zu zucken und blieb dabei so steif wie eine Eisskulptur. Man hätte eine volle Tasse Kaffee auf Rios’ Rücken servieren können.

Traum von Olympia-Gold begraben

Beim ungefähr zehnten Versuch gelang es mir schliesslich, den Stein ohne Sturz in Richtung Haus zu spielen. Bis «nach Hause» fehlten aber noch gefühlte 100 Meter. «Die Position stimmt, jetzt musst du den Stein noch in die Nähe des Hauses spielen», bestätigte Martin Rios meine Vermutungen. Ob ich denn jetzt mit dem Wischen beginnen dürfe, fragte ich den Olympia-Zweiten. «Besser nicht. Das machen wir üblicherweise nicht mit Anfängern.» In diesem Moment fühlte ich mich, als hätte mir Martin Rios einen Stein mitten in die Magengrube gespielt. Aus war es mit meinem Olympia-Traum. Wenn es bereits am Wischen scheitert, verroste ich vermutlich in der Besenkammer. An den nächsten Olympischen Spielen in Peking reicht es höchstens für den Pausenclown.

Curlen ist um einiges schwieriger, als es im Fernsehen ausschaut. (Bild: TVO)

Curlen ist um einiges schwieriger, als es im Fernsehen ausschaut. (Bild: TVO)

Immerhin hatte Martin Rios seinen Spass und wurde für einmal nicht von seiner Curling-Partnerin «zämägschisse», sondern ich von ihm «gschlisse». Curling hat sich seit diesem Training meinen Respekt mehr als verdient und ich werde an Martin Rios denken, wenn ich meine blauen Flecken mit Bepanthen einreibe.

Martin Rios ist ab Donnerstag als Nati-Coach mit der Junioren-U21-Nati an den Weltmeisterschaften in Schottland. Diese Woche trainierte das Nachwuchsteam in der Curlinghalle im St.Galler Lerchenfeld. Für den Skip Jan Hess ist das Ziel an der WM klar: «Wir wollen Weltmeister werden.» Mit einem Olympia-Zweiten als Coach ist dieses Ziel bestimmt zu schaffen. Ob Martin Rios mit Jenny Perret erneut an Wettkämpfen teilnehmen wird, kann der Curler im Moment noch nicht sagen: «Schon möglich», meint er.

(abl)


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