“Plötzlich war ich der Täter von Salez”

Von Sandro Zulian
Der Bahnhof Salez-Sennwald.
Der Bahnhof Salez-Sennwald. © KEYSTONE/Gian Ehrenzeller
Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen, macht Falschmeldungen auf Facebook, Twitter und Co. dafür verantwortlich, dass die Verunsicherung in der Ostschweiz steigt. Schliesslich wurde Krüsi selbst im Fall Salez auf Twitter als Täter gehandelt.

Der Fall Salez hat die Menschen in der Ostschweiz tief verunsichert. Ein 27-jähriger Mann greift in einem Zug wahllos Passagiere mit einem Messer an. Er schüttet eine brennbare Flüssigkeit aus und entzündet sie. Die Bilanz: Drei Tote, mehrere Leichtverletzte und eine regelrechte Social-Media-Lawine aus Mutmassungen, Behauptungen und Spekulationen. Mal war der Täter schwarz, dann weiss, dann Muslim, dann trug er plötzlich einen Schnauz und hiess Hanspeter Krüsi:

Tweet

Übersetzung: “Der Angreifer, Hanspeter Krüsi, 27 Jahre alt, ist Schweizer Bürger und hat keinen Migrationshintergrund, wie die Polizei mitteilt.” (zvg/Kantonspolizei St.Gallen)

Erst denken, dann twittern

Für Hanspeter Krüsi ist dieser Tweet bezeichnend für die Schnelllebigkeit der sozialen Medien. Halbpatzige, schlecht recherchierte sogenannte “Fakten” finden den Weg ins Netz schneller als die Polizei überhaupt am Einsatzort eintreffen kann. “Für uns ist es unmöglich, eine solche Falschmeldung wieder aus dem Netz zu nehmen”, so Krüsi.  “Meinen Namen als Täter in Umlauf zu bringen, war ein fataler Fehler.” Falls eine Meldung den Weg zu einem Journalisten findet, so ist es die Aufgabe des Medienschaffenden, die Quelle zu lokalisieren und zu verifizieren. Doch auch dies gehe oft in Vergessenheit, sorgt sich Hanspeter Krüsi. Der Druck, schneller zu sein als alle anderen, führt nur zu oft zu einer Falschmeldung.

Geduld ist eine Tugend

Die Kantonspolizei St.Gallen sei immer irgendwo mit speziellen Situationen konfrontiert. “Für das sind wir Profis. Das ist unser Job. Wir wissen, wann wir warnen müssen.” Wenn das höchste Gut der Bevölkerung, die Sicherheit und Gesundheit, in Gefahr sei, dann würde sofort gewarnt werden. “Wir brauchen halt einfach unsere Zeit, bis wir die Informationen abgeklärt und verifiziert haben. Aber was wir dann kommunizieren, das ist wahr. Auf diese Information ist Verlass.” Die Sicherheit im Kanton St.Gallen sei gewährleistet.

Hanspeter Krüsi gibt Auskunft. (Urs Bucher/St.Galler Tagblatt)

Die Verunsicherung ist da

“Tatsächlich bemerken wir, dass eine gewisse Verunsicherung in der Bevölkerung da ist”, so Krüsi. Auch hier ist für Krüsi die Schnelllebigkeit der Medien und die extreme Kadenz der sozialen Medien mitentscheidend. “Man kann kaum eine Zeitung aufschlagen, kaum ein Radio anstellen, nicht einmal die sozialen Medien kann man geniessen, ohne dass man mit solch negativen Meldungen konfrontiert wird.”

Die Hemmschwelle ist tiefer

Verunsicherte Bürger nehmen in diesen Zeiten bedeutend schneller den Telefonhörer in die Hand und wählen die 117. “Für mich als Mediensprecher ist das eine enorme Herausforderung.” 365 Tage im Jahr werde fast jedes Ereignis, das in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, auf irgendeiner Plattform gepostet. Das kann dazu führen, dass Konsumenten Falschmeldungen für voll nehmen und eher die Polizei einschalten. “Von uns wird dann erwartet, dass wir innert fünf bis zehn Minuten bereits sagen können, was wo los ist. Das können wir einfach nicht.” Laut Krüsi braucht die Polizei Zeit. “Wir nehmen uns diese Zeit. Dafür sind die Informationen, die wir kommunizieren, zu hundert Prozent wahr.”


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