Schweizer Turner jagen Edelmetall

Christian Baumann geht in Rumänien am Pauschenpferd und am Barren auf Medaillenjagd
Christian Baumann geht in Rumänien am Pauschenpferd und am Barren auf Medaillenjagd © KEYSTONE/PETER KLAUNZER
Mit einem Dutzend Chancen auf einen Finalplatz und dem Ziel, zumindest eine Medaille zu gewinnen, starten die Schweizer Kunstturner an den am Mittwoch beginnenden Europameisterschaften in Cluj-Napoca.

Grosse Abwesende ist die rekonvaleszente Giulia Steingruber. Die fünffache Europameisterin und Olympia-Dritte am Sprung fehlt an den Einzel-Titelkämpfen in Rumänien, da sie sich nach ihrer Fussoperation im Januar noch in der Aufbauphase befindet. Erstmals überhaupt verpasst die 23-jährige St. Gallerin in ihrer Karriere internationale Titelkämpfe; ihren grössten Erfolg an Europameisterschaften feierte Steingruber 2015, als sie in Montpellier als erste Schweizerin überhaupt den Titel im Mehrkampf gewann.

Trotz der Abwesenheit von Steingruber hat der Schweizerische Turnverband intakte Chancen, auch an den siebten Europameisterschaften in Folge bei der Elite Edelmetall zu gewinnen. Die Medaillenhoffnungen in Cluj-Napoca ruhen für einmal aber fast ausschliesslich auf den Männern.

Nationaltrainer Bernhard Fluck, dessen Vertrag bis 2020 verlängert wurde, kann am ersten Grossanlass im neuen Olympia-Zyklus auf dieselbe Mannschaft zählen, welche mit EM-Bronze im Teamwettkampf vor knapp einem Jahr in Bern eine historische Medaille für den STV holte und die Schweiz an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro erstmals seit 1992 wieder im Teamwettkampf vertrat.

Nach einer etwas längeren Pause nach dem intensiven letzten Jahr kehrten die Protagonisten mit neuem Elan in den Trainingsbetrieb in den Stützpunkt nach Magglingen zurück. Die Motivation ist ungebrochen, das Ziel ist klar: Mit fast unverändertem Personal soll der eingeschlagene Weg fortgeführt werden und im nächsten Olympia-Zyklus zu neuen Höhen führen. «Ich bin stolz darauf, wie alle in der Vorbereitung gearbeitet haben», sagte Fluck. «Die Richtung stimmt.»

Die Titelkämpfe in Cluj-Napoca sind ein erster Gradmesser auf dem Weg zum Fernziel Tokio 2020. Die grössten Chancen auf einen Exploit in Rumänien werden Pablo Brägger zugetraut. Der Teamleader wird nur an einzelnen Geräten antreten, hat aber sowohl am Reck, als auch am Barren und am Boden, an dem er 2015 EM-Bronze holte, Final- und im Idealfall auch Medaillenchancen.

Vor allem am Reck gehört der 24-jährige Ostschweizer zum engsten Favoritenkreis. Der deutsche Olympiasieger Fabian Hambüchen ist zurückgetreten, der britische Europameister Nile Wilson fehlt ebenso wie der Deutsche Andreas Bretschneider. «Die Medaille ist das grosse Ziel», sagte Brägger, der mit dem Königsgerät noch mehrere Rechnungen offen hat. 2015 stürzte er nach gewonnener Qualifikation im Final, im letzten Jahr verpasste er eine EM-Medaille nach einem Patzer als Vierter nur knapp und in Rio verfehlte er den Olympia-Final um 0,016 Punkte.

Ebenfalls berechtigte Hoffnungen auf Spitzenplätze können sich Oliver Hegi und Christian Baumann machen. Hegi gilt im Mehrkampf als Anwärter auf einen Top-8-Platz und rechnet sich am Reck, am Barren und am Pauschenpferd ebenfalls Chancen auf eine Finalteilnahme aus. Baumann, mit Silber am Barren 2015 sowie zweimal Bronze am Pauschenpferd und mit dem Team 2016 der am meisten dekorierte STV-Athlet, hat sich von seiner Handgelenkverletzung, die ihn im Olympia-Sommer leicht behindert hatte, erholt und geht am Pauschenpferd und am Barren auf Medaillenjagd.

Komplettiert wird das Trio durch Benjamin Gischard, Taha Serhani und Eddy Yusof, der zusammen mit Hegi den Mehrkampf absolviert. Reck-Spezialist Serhani bestreitet nach den Europa-Spielen in Baku 2015 seine zweiten Titelkämpfe bei der Elite. Gischard wird wegen einer leichten Fussverletzung nur am Sprung antreten; ein Finaleinzug ist jedoch auch für ihn möglich.

Die Hoffnungen bei den Frauen ruhen auf Ilaria Käslin. Die 19-Jährige dürfte unter normalen Umständen den Mehrkampf-Final der besten 24 problemlos erreichen, zudem strebt sie am Schwebebalken die Wiederholung ihres Erfolgs aus dem Vorjahr an. In Bern zog sie an ihrem Paradegerät in den Final ein und verpasste dort als Vierte eine Medaille nur knapp.

Nationaltrainer Fabien Martin, der in diesem Jahr das Erbe von Erfolgstrainer Zoltan Jordanov angetreten hat, nominierte neben seiner vorübergehenden Leaderin ein sehr junges Team für die erstmals seit 60 Jahren wieder in Rumänien ausgetragenen Titelkämpfe. Neben der 17-jährigen Thea Brogli – wie Käslin stammt auch sie aus dem Tessin – komplettieren die erst 15-jährigen Lynn Genhart und Fabienne Studer, die beide seit diesem Jahr bei der Elite antreten dürfen, das Team. Genhart hat im vergangenen Jahr ihr Potenzial angedeutet, als sie an der Heim-EM in Bern Silber im Mehrkampf der Juniorinnen holte. Bereits jetzt gilt der Fokus den Weltmeisterschaften 2019; dann wollen sich auch die Schweizer Frauen das Olympia-Ticket mit dem Team sichern.

(SDA)


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