Schwyzerörgeli boomt dank den Jungen

Von Lara Abderhalden
Eine junge Schwyzerörgeli-Spielerin am Nordostschweizerischen Jodlerfest in Wattwil 2013.
Eine junge Schwyzerörgeli-Spielerin am Nordostschweizerischen Jodlerfest in Wattwil 2013. © Tagblatt/Benjamin Manser
Es ist urchig, traditionell und beliebt: Das Schwyzerörgeli. Klägliche erste Versuche dringen immer häufiger durch die Wände ländlicher Toggenburger Bauernhäusern, aber auch aus St.Galler Altstadt-Wohnungen.

Eine Beiz im Toggenburg, Schlorzifladen oder Blutwurst auf dem Teller und im Hintergrund die wohligen Klänge einer Schwyzerörgeli-Formation. Die spielen dann einen Polka, Schottisch oder einen Marsch während die Männer am Stammtisch jassen und die Landfrauen Rezepte austauschen. Das ist ungefähr das Bild, welches viele Menschen von Schwyzerörgeli-Formationen haben. In der Vorstellung sind die Mitglieder der Formationen Ü60, haben einen weissen Bart und heissen Alder.

Zahl der Schwyzerörgeli-Schüler hat sich versechsfacht

Weit von der Realität entfernt ist dieses Bild natürlich nicht. Aber zu den Alders gesellen sich auch immer mehr Yilmazs, Rodriguez’ oder Müllers. Die nicht 60 Jahre, sondern ungefähr zehn Jahre alt sind und nicht nur vom Land kommen, sondern auch aus Städten. Das Schwyzerörgeli liegt, vor allem bei Jungen, immer mehr im Trend. Das bestätigt Hanspeter Schoch, Schulleiter der Musikschule Toggenburg: «Wir haben so viele Anmeldungen wie noch nie. In den letzten fünf Jahren hatten wir jährlich um die 60 oder 70 Schüler, die Schwyzerörgeli spielen lernen wollten. Vor 20 Jahren waren es noch um die zehn.»

Auf dem Land und in der Stadt beliebt

Der Boom des Schwyzerörgelis merkt man aber nicht nur im Toggenburg: «Wir hatten in den letzten Jahren einen enormen Zuwachs vor allem bei den jungen Schwyzerörgeli-Formationen», sagt Cipriano de Cardenas der Zentralpräsident vom Dachverband der Schweizer Volksmusik. «Die Jungen interessieren sich enorm für die Volksmusik. Sie wollen die Kultur spielen und umsetzen und damit anderen und sich eine Freude machen.»

Die grössten Hochburgen für das Schwyzerörgeli seien das St.Galler Rheintal und das Toggenburg. Aber auch bei den Städtern ist die Volksmusik beliebt: «Es macht keinen Unterschied ob urban oder ländlich – es wird überall gleich viel Schwyzerörgeli gespielt.» Dem widerspricht Christian Braun von der Musikschule der Stadt St.Gallen teilweise: «Uns ist das Phänomen in den ländlichen Gebieten auch bekannt. Für die Stadt St. Gallen können wir dies aber nicht feststellen.»

Praktisch und lässig

Warum die Neun- bis Zwölfjährigen vermehrt lieber ein Schwyzerörgeli in die Hände nehmen, statt sich an ein Keyboard oder Schlagzeug zu setzen, kann sich Cipriano de Cardenas ganz einfach erklären: «Ein Schwyzerörgeli kann man nach kurzer Zeit spielen. Bereits nach drei, vier Stunden kann man einfache Melodien begleiten», sagt der Bündner. «Für Junge ist es ein lässiges Instrument.»

Und praktisch: «Ich sehe die Kinder, wie sie kommen, ihren Koffer öffnen, das Örgeli rausholen, den Koffer schliessen, sich darauf setzen und zu spielen beginnen», sagt der Schulleiter der Musikschule Toggenburg Hanspeter Schoch. «Ich glaube es ist auch die Einfachheit des Instruments, welche den Boom ausmacht. Man kann es überall hin mitnehmen, braucht keine Noten und die Leute haben Freude daran.» Ausserdem sei der Stellenwert der Volksmusik durch die vielen Medienauftritte in der Schweiz gestiegen.

«Es gibt niemals zu viele Leute, die Ländlermusik machen wollen»

Cipriano de Cardenas kann das bestätigen: «Es ist relativ klein, man spielt nicht nach Noten und es ist um einiges günstiger als beispielsweise eine Handorgel.» Den Zentralpräsidenten freut es natürlich ungemein, dass sich immer mehr Junge ans Schwyzerörgeli setzen: «Es ist wunderbar, dass der Nachwuchs unsere Kultur pflegt und die Volksmusik auch in Zukunft auf sehr guten Beinen stehen wird.»

Schwierigkeiten, die vielen neuen, jungen Debütanten in einer Formation unterzubringen, gäbe es nicht. Im Gegenteil: «Frau Abderhalden, hören Sie. Es gibt niemals zu viele Leute die Ländlermusik machen wollen. Wenn am Schluss acht Millionen Menschen in der Schweiz Ländlermusik machen, bin ich der glücklichste Mensch der Welt», sagt Cipriano de Cardenas.

Es gibt übrigens auch viele Versionen moderner Popsongs mit dem Schwyzerörgeli:

Ed Sheeran – Perfect

Alan Walker – Faded

Fluch der Karibik:

(abl)


Newsletter abonnieren
4Kommentare
noch 1000 Zeichen

HTML-Version von diesem Artikel