Siehst du den Kandidaten im Schilderwald?

Vor den Kantonsratswahlen lächeln die Kandidaten überall in der Region von Plakaten. Vielerorts sieht man vor lauter Plakaten die einzelnen Köpfe nicht mehr. Ob das den Kandidierenden noch etwas bringt, sagt Werber Roger Tinner.

In der Ostschweiz ist es gang und gäbe, dass vor Kantonsratswahlen Plakate von Kandidaten wie Pilze aus dem Boden schiessen. Ende Februar stehen in St.Gallen Kantonsratswahlen an, im Thurgau im April. Die St.Galler Kandidaten sind im Endspurt, vielerorts entstehen regelrechte Schilderwälder.

Bekannten Kandidaten nützen Plakate

Bringt diese Plakate den Kandidaten überhaupt etwas oder gehen sie im Plakatedschungel unter? “Plakate bringen etwas, um im Allgemeinen auf die Wahlen aufmerksam zu machen und Wähler zu mobilisieren. Für den einzelnen Kandidaten ist der Effekt aber relativ klein”, sagt Roger Tinner, Werber in St.Gallen und Präsident des Werbeclubs Ostschweiz. Ausser der Kandidat sei bereits bekannt. “Beim Durchgehen der Listen erhalten Namen, die man im öffentlichen Raum schon einmal gesehen hat, sicher mehr Aufmerksamkeit.”

Die Wirkung des Schilderdschungels bezweifelt er: “Die Masse der Schilder hat einen ähnlichen Effekt wie Online-Werbung: Wenn zu viele Banner auf einer Internetseite stehen, nimmt die Aufmerksamkeit nicht nur für jeden Einzelnen ab, sondern grundsätzlich für die Werbung – weil sie dann stört.” Genauso funktioniere es auch auf Strassen: Zu viele Plakate wirken nicht, sie verwirren.

Gezielt plakatieren

Tinner rät, Plakate in einem Wahlkampf in einem Kommunikationsmix einzusetzen. Kandidaten sollen gezielt plakatieren, um nicht im Schilderwald unterzugehen. Es gibt offizielle und gut frequentierte Plakatstellen, zum Beispiel an Bahnhöfen. Nur schon weil es teurer ist, dort Plakate aufzustellen, ist die Masse deutlich kleiner.

Persönliche Aktionen wirken laut Tinner am besten im Wahlkampf. Etwa: Personen anstellen, die für den Kandidaten Postkarten oder Mails verschicken und den Kandidaten weiterempfehlen. Im öffentlichen Raum empfiehlt, er Give-Aways zu verteilen; sie seien effektiver als ein Flyer oder ein Plakat – allerdings auch deutlich teurer.

SVP als Vorreiterin

Der Plakatdschungel ist ein eher neues Phänomen.  “Vor 20, 30 Jahren kannte man solche Schilderwälder nur aus dem Fernsehen von Deutschland und Österreich. In der Schweiz gab es das nicht”, so Tinner. Es war dann vor allem die SVP, die das Plakatieren hierzulande intensiviert hat. Die Volkspartei konnte für das “wilde Plakatieren” auf Land von Landwirten zurückgreifen. Andere Parteien seien auf den Zug aufgesprungen.

Schilderwälder entstehen vor allem in ländlichen Gebieten, da, wo Land und Platz zur Verfügung stehen. Für die Plakatierung auf privatem Grund erhalten Parteien vom Kanton St.Gallen eine pauschale Bewilligung für sechs Wochen. Das heisst, sie müssen nicht jeden Standort angeben, wohl aber das Einverständnis des jeweiligen Grundstückbesitzers einholen. So entstehen dann die Häufungen. “In meinem Wohnort Diepoldsau etwa stehen beim Dorfeingang rund zwanzig Plakate nahe beieinander”, so Roger Tinner. (ckö)


Newsletter abonnieren
1Kommentar
noch 1000 Zeichen

HTML-Version von diesem Artikel