St.Galler Dialekt verwässert die Appenzeller Mundart

Mithilfe von Volksliedern kann Kindern der lokale Dialekt näher gebracht werden.
Mithilfe von Volksliedern kann Kindern der lokale Dialekt näher gebracht werden. © (KEYSTONE/Arno Balzarini)
In der heutigen Zeit ist es kaum mehr möglich, den Dialekt zu wahren. Das hört man auch der Appenzeller Mundart an – immer weniger sprechen echten Dialekte.

Die Appenzeller Dialekte sind schön und urchig. Doch immer wenigere sprechen sie lupenrein. Das stellt der Urnäscher Volkskundler und Dialektkenner Hans Hürlemann fest. “Interessanterweise verändert sich auch der Innerrhoder Dialekt, von dem man meinte, er sei resistent.” Konkret stellt er zum Beispiel eine Veränderung bei der Lautformung fest: Aus dem offenen “ä” wird ein “e” wie im St.Gallischen. Statt “hüt am Zwää” trifft man sich “am Zwee”.

Doch weil der Innerrhoder Dialekt übers Ganze betrachtet prägnanter ist als der Ausserrhoder – unter anderem wegen der nasalen Aussprache -, seien die Veränderungen hier weniger drastisch spürbar. Ausserdem pflegen gerade die Innerrhoder viele spezielle Ausdrücke mit Hingabe, was zu einem charakteristischen Sprachbild beiträgt.

Keine einheimischen Lehrer mehr

Deutlicher hört Hans Hürlemann die Veränderungen dem Ausserrhoder Dialekt an. “In Ausserrhoden gibt es nur noch wenige, die richtig Dialekt sprechen. Es klingt einfach nicht mehr wie früher.” Man könne das unter anderem an den Schulen feststellen. Hans Hürlemann nimmt das Beispiel seiner Wohngemeinde Urnäsch. “Von den hier angestellten Lehrern ist keiner mehr ein Einheimischer. Früher war das anders.”

Der Druck von St.Gallen

Der Druck des grossen Nachbarkantons St.Gallen – der das Appenzellerland von allen Seiten umschliesst -, sowie die zunehmende Mobilität –  das sind Gründe für eine Verwässerung der Appenzeller Dialekte. Dabei verändert sich vor allem die Sprache der Jungen; die Älteren bleiben “beim Alten”. Auch die Besiedelungsstruktur spielt eine Rolle: Wo die Bevölkerung eher ländlich geprägt ist, wo vor allem Einheimische und kaum Zugezogene leben, bleiben die Dialekte eher erhalten. Wesentlich ist zudem, was Eltern ihren Kindern mitgeben – denn jeder spricht so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Fast scheint es, als sei das Appenzeller Vorderland diesbezüglich ein kleines Juwel: Hans Hürlemann betont, dass dort noch viele ihren Dialekt pflegen. “Wahrscheinlich gibt es einen grossen Anteil an Sesshaften.”

In Mundart singen

Schützen könne man die Dialekte wohl kaum, so Hans Hürlemann. “Es ist ein Unterschied, ob man etwas Akustisches schützen möchte oder ein Gebäude. Wichtig ist, dass man das Interesse am Dialekt bewahrt oder neu weckt.” Von einer Dialekt-Lektion an den Schulen hält er nichts. Hingegen könne man etwa mithilfe der Volksmusik die lokale Mundart weitergeben. “Es gibt sehr schöne Volkslieder, die sich auch für Kinder eignen. Doch der Haken daran: Die Lehrer verstehen selbst nicht mehr, was sie singen.” (red)


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