St.Galler Oberarzt und Mormonen-Bischof

Von Lara Abderhalden
Primoz Potocnik ist seit rund einem Monat St.Galler Mormonen-Bischof.
Primoz Potocnik ist seit rund einem Monat St.Galler Mormonen-Bischof. © FM1Today/Lara Abderhalden
Ein Mann, zwei Seiten: Primoz Potocnik ist Oberarzt an einem öffentlichen St.Galler Spital. Gleichzeitig ist er seit knapp einem Monat St.Galler Mormonen-Bischof. Der Glaube auf der einen Seite, die Wissenschaft auf der anderen. Lässt sich das vereinbaren?


«Sie sehen nicht aus wie ein Bischof», meine erste Feststellung, als ich Primoz Potocnik das erste Mal sehe. Er ist jung. 39 Jahre, verrät er mir. Er trägt schwarze Hosen, ein blaues Hemd, sieht aus wie ein ganz normaler Mann. Trotzdem ist sein Leben alles andere als durchschnittlich. Nebst seiner Tätigkeit als Oberarzt in St.Gallen ist er seit einem Monat Mormonen-Bischof (offiziell: Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage). Doch was bedeutet das?

250 Mormonen in St.Gallen

Georg Schmid ist Religionsexperte. Für ihn sind die Mormonen eine religiöse Gemeinschaft, die vor allem durch eines auffällt: ihr Engagement. «Kaum eine andere missionarische Gemeinschaft macht so stark Werbung. Man sieht sie regelmässig bei Besuchen an der Haustüre.» Auf der Welt gibt es rund 16 Millionen Mormonen, davon leben rund 6000 in der Schweiz, 250 in St.Gallen.

Für diese rund 250 mehr oder weniger aktiven Mitglieder in St.Gallen ist Primoz Potocnik verantwortlich. Als Bischof organisiert er Gottesdienste in Winkeln, ist verantwortlich für die Verwaltung des Geldes und Seelsorger. «Ich bin eine Vertrauensperson. Ich schaue, dass es den Menschen seelisch gut geht.»

Kein Alkohol, kein Sex, keine Schwulen

Das ist aber noch lange nicht alles: «Die Mormonen verlangen beispielsweise, dass man den Zehnten abgibt, man muss die Versammlungen am Sonntag besuchen, plus verfolgen die Mormonen ein gewisses Gesellschaftsbild», erklärt Georg Schmid. So war im 19. Jahrhundert Polygamie sehr verbreitet unter Mormonen. Sie durften mehrere Frauen heiraten. Ausserdem durften früher keine Personen mit dunkler Hautfarbe Priester werden.

«Diese Dinge wurden abgeschafft, was bis heute aber Bestand hat, ist die Abneigung gegenüber der Homosexualität. Homosexualität ist bei den Mormonen strikt verboten. Ausserdem wird die Gleichberechtigung klein geschrieben. Frauen besetzen keine hohen Ämter, wollen dies aber auch gar nicht», erklärt Georg Schmid.

Als Mormone habe man ausserdem die Pflicht, «sündenfrei» zu leben, so sind Alkohol, Tabak, Kaffee, Schwarztee und auch Sex vor der Ehe strikt verboten. «Deshalb heiraten viele Mormonen ziemlich früh. Man darf bei den Mormonen ledig sein, dann steht man aber ziemlich am Rande der Gemeinschaft», erklärt der Religionsexperte.

«Homosexualität passt einfach nicht in den Plan, den Gott für uns hat»

Auch Primoz Potocnik lebt nach diesen Regeln, wobei er sie nicht als Einschränkungen bezeichnet: «Ich trinke keinen Alkohol. Wenn wir nach der Arbeit eines Trinken gehen, dann bestelle ich eine Cola.» Auch den Kaffee am Morgen lasse er sein: «Für mich sind das aber keine Einschränkungen, sondern eher eine Art Befreiung. Dadurch, dass ich keinen Kaffee trinke, habe ich morgens kein Kopfweh oder habe stets die Kontrolle über mich selbst, welche einige bei zu viel Alkohol verlieren.»

Bezüglich Homosexualität hat er eine strikte Einstellung: «Wir diskriminieren die Homosexuellen nicht. Wir finden nur das Ausüben der Homosexualität nicht richtig und da stehe ich voll und ganz dahinter.» Er selbst sei aber auch befreundet mit Homosexuellen. Er schätze sie und möchte sie als Personen nicht verurteilen. Aber: «Homosexualität auszuüben passt einfach nicht in den Plan, den Gott für uns hat.»

Sekte ja oder nein?

Ein Leben strikt nach der Bibel. Ist denn das nun eine Sekte? «Die Mormonen sind im Vergleich zu Gruppen wie Scientology oder den Zeugen Jehovas weniger sektenhaft. Dies zeigen Berichte von Aussteigern», erklärt Georg Schmid.

Dennoch können die Mormonen als Sekte verstanden werden: «Es gibt keine offizielle Sektendefinition. Für die einen ist jede religiöse Gemeinschaft eine Sekte, andere sagen, sobald man der Bibel etwas hinzufügt, ist es eine Sekte – dies trifft beides für die Mormonen zu. Für wiederum andere ist eine Sekte eine religiöse Gemeinschaft, die Leute ausnimmt, dies machen die Mormonen nicht.»

Der Mormonen-Bischof will vom Wort Sekte nichts wissen: «Wir sind eine christliche Religion, die an Jesus als Oberhaupt der Kirche glaubt. Häufig wird das Wort Sekte von Leuten gebraucht, die Angst vor neuen Religionen haben. Viele haben das Gefühl, dass die Religion aggressiv sei, weil wir missionieren.»

«Viele denken, dass sich Wissenschaft und Glaube nicht vereinbaren lassen»

Genau dies kritisiert Georg Schmid: «Solche Gemeinschaften sind dann gefährlich, wenn Beruf und Glaube verschmelzen. Sollte der Bischof in seiner Tätigkeit als Arzt versuchen, Patienten von seinem Glauben zu überzeugen, dann ist es problematisch.»

Das kommt für Primoz Potocnik nicht in Frage: «Für mich ist die Religion recht persönlich. Ich suche mir die Leute aus, denen ich davon erzähle. Es gibt genug Leute, die sich lustig machen wollen oder negativ darüber denken.» Die Skepsis gegenüber den Mormonen sei ziemlich ausgeprägt, die meisten in seinem Beruf seien nicht religiös: «Ärzte sehen sich oft als eine Art Wissenschaftler und viele denken, dass sich Wissenschaft und Glaube nicht vereinbaren lassen. Ich glaube aber, dass das eine das andere bekräftigt. Mit der Wissenschaft kann man nicht alles erklären, was religiös ist, umgekehrt funktioniert das aber ziemlich gut.»

Ausser ein paar Gebeten vor wichtigen Operationen trenne er die beiden Dinge aber strikt: «Im Beruf zählt für mich in erster Linie die Wissenschaft. Manchmal werde ich bei schwierigen Fragen durch Gebete auf den richtigen Weg gelenkt. Ich weiche bei Opertionen aber nicht aus religiösen Gründen vom Standard ab.»

Einstieg

Primoz Potocnik ist als 10-jähriger Bub zu den Mormonen gestossen. Er habe relativ schnell gemerkt, dass es für ihn das Richtige sei: «Als Jugendlicher stellt man sich immer die Frage, will ich das wirklich oder tue ich es nur meinen Eltern zuliebe? Ich habe nie daran gezweifelt, dass es für mich der richtige Weg ist.»

Der gebürtige Slowene, in Wien aufgewachsen, ist nun schon seit 30 Jahren bei den Mormonen, seit drei Jahren in St.Gallen. Er lebt gemeinsam mit seiner Frau und vier Kindern in Speicher. Auch die Kinder werden religiös erzogen: «Wir haben jeden Sonntag eine Familienzeit, in der wir singen und spielen. Es wird immer vor dem Essen und dem Schlafengehen gebetet und am Sonntag besuchen wir den Gottesdienst.»

Natürlich können die Kinder im jetzigen Alter noch nicht selbst entscheiden, ob sie dabei sein wollen, dennoch lasse er ihnen alle Wege offen: «Sollten sie später aus der Kirche austreten wollen, ist das ihre Entscheidung. Ich liebe meine Kinder und würde auch diese Entscheidung akzeptieren müssen.»


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